UFO in her Eyes

Xiaolu Guo, die Autorin und Regisseurin dieses Filmes, möchte viel. Sie will den rapiden Wandel eines verschlafenen chinesischen Dorfes zeigen, in dem plötzlich Bildung, Geld und Bauwut Einzug halten. Dann möchte sie die Geschichte von Kwok Yun, gespielt von Shi Ka zeigen, die schon etwas älter ist und immer noch nicht verheiratet, die aber eine Affäre mit dem verheirateten Lehrer im Dorfe hat und diesen so weit treibt, dass er die Scheidung einreicht, so dass für die Bürgermeisterin eine Hochzeit stattfinden kann, die ihr bei den nächsten Wahlen helfen wird, nämlich eine politisch erwünschte Liaison zwischen einer ungebildeten Analphabetin und einem Intellektuellen, was der herrschenden Ideologie entspricht.

Guo fängt mit einem Bild der wunderbaren Gegend mit den vielen zuckerstockförmigen Bergen an, ein nackter Knabe spielt an einem Fluss, zieht etwas hinter sich her und wie die Kamera sich nähert, bewegt er sich von ihr weg, läuft dem Fluss entlang. Dann erfasst die Kamera eine Frau mit einer roten Bluse (die sich bei näherem Sehen als ein Poloshirt entpuppt), die auf dem Fahrrad durch die Gegend fährt. Sie trifft einen Mann. Die beiden schauen sich um. Sie suchen in der freien Natur einen Platz, wo sie sich ungestört lieben können, was sie dann auch heftig bis kunstgewerblich dargestellt tun. Eine Kuh muht im Hintergrund. Dazu ein aufgeregter Trommelrhyhtmus auf der Tonspur. Die Liebenden ziehen sich wieder an.

Dann ist die Frau allein. Sie findet einen Kristall. Jetzt lösen sich die Bilder wieder in kunstgewerbliche Fantasiegebilde auf, die Frau taumelt, es gibt Hintergrundgeräusche, die an einen Helikopter erinnern, es kommt der Titel. Wir sind am Ort „3-köpfiger Vogel“; jetzt verändert sich die Erzählweise. Sie wechselt ab zwischen Schwarz-Weiß-Sequenzen, in denen verschiedene Bewohner des Dorfes vorgestellt werden anhand einer Befragung durch eine Amstperson.

Unsere Frau hat nämlich im Dorf erzählt, sie habe ein UFO gesehen und das muss recherchiert werden. Was haben sie am 11. September getan? Das ist die Frage an den Wanderarbeiter, der Fahrräder repariert, an den Schlachter, der von Hygienevorschriften nichts weiß, an den Bauern, den Vater von Kwan, an die Bürgermeisterin, an den Lehrer, an den Computermenschen (der als einziger Kommunist ist).

Der Fahrradmechaniker wird politisch als subversiv eingestuft. Der wird später auch zu seinem Papieren kontrolliert und der Schlachter muss seinen Laden schließen. Der Vater der Frau des Lehrers hat sich im Karpfenteich umgebracht, ganz grausam umgebracht, weil der Lerher sich von der Tochter hat scheiden lassen; die Loverin des Lehrers sei schuld.

Es gibt aber noch andere Geschichten. Kwok hat nämlich einen verletzten Amerikaner gefunden, den spielt der Udo Kier gewohnt professionell und lebendig, der ist von einer Schlange gebissen worden und Kwan versorgt ihn in ihrer bescheidenen Hütte. Sie will Medikamente besorgen und wie sie zurückkehrt, ist der Amerikaner verschwunden. Der wird später, da fängt noch eine Geschichte an, 3000 Dollar an die ihm unbekannte Retterin schicken und sie wird die Heldin des Dorfes und das Geld soll in die Bildung investiert werden.

Die Bildung fängt an, Investoren anzuziehen. Es soll ein Hochhaus gebaut werden, ein Golfplatz, ein Ufo-Denkmal. Manche Projekte erlebt man im Film und wie gebaut wird, andere werden wieder vergessen. Der Karpfe, so nennen sie den Fischer, der fängt kaum mehr Fische. Zwischendrin gibt’s ein kunstgewerbliches Impressionen-Potpourri aus der Gegend. Das Hotel ist plötzlich fertig. Das UFO-Museum wird eingeweiht.

Wie im amerikanischen Film schwebt der Amerikaner mit einem Helikopter ein. Später gibt’s die Hochzeit zwischen dem Lehrer und Kwan. Parallel dazu gibt’s einen Aufstand der Bauern gegen die Bauarbeiter. Xiaolu Guo möchte einfach alles erzählen, was so passieren kann in einem Dorf und vor lauter vielem, weiß man nicht recht, auf welche der Geschichten man sich konzentrieren möchte, denn die brechen auch wieder abrupt ab.

Ein buntes Gemisch aus Spielhandlung, Landschaftsimpressionen, Informationen über das Leben in China. Nicht ganz klar ist, für wen Xiaolu Guo den Film überhaupt gemacht hat. Für die Westler, die Europäer, damit sie etwas über China erfahren? Oder für die Chinesen, damit die etwas über ihr Land erfahren können? Oder vor allem für die westlichen Förderer aus Deutschland und den Hubert-Bals-Fonds des Filmfestivals Rotterdam? Offenbar aber nicht für jenen Zuschauer, der eine spannende Geschichte im Kino erwartet, die ganz nebenbei vielleicht auch noch was über China erzählt. So ist der Film jedenfalls ganz schön anstrengend, wenn durchaus interessant.

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