Ein Portrait des berühmten Fotografen und Filmemachers Anton Corbijn, das nicht ohne Widersprüche ist.
Einerseits ein einfühlsames Verehrungsbild aus einer geistigen, nämlich der protestantischen Welt, die Bildern doch eher abhold ist, andererseits eine protestantische Erbauungsstunde, die knapp 90 Minuten dauert und uns erzählt, dass auch ein Junge aus einer niederländisch-protestantischen Pastorenfamilie, der die Jugend eher einsam und düster in Erinnerung hat (auf dem Weg zur Kirche musste man über Gräber gehen; und in der Familie wurde nicht allzu viel gesprochen; unter der Woche waren die Eltern wenig anzutreffen, am Samstag musste der Papa die Predigt vorbereiten und hat sich zu diesem Zwecke in sein Studierzimmer eingesperrt und am Sonntag stand er zur Verfügung der ganzen Gemeinde), wie also selbst ein Junge aus einer solchen Familie relativ glücklich und sogar ein weltberühmter Fotograf und auch Filmemacher werden kann.
Anton Corbijn: ein Mensch, der von seinen Projekten ausgefüllt ist, viel unterwegs, ein Profi im Kofferpacken. Fotoshootings planen, Filmdrehs, Auswahl für Ausstellungen treffen, Vernissagen und Filmpremieren mit Fotografenmeuten und roten Teppichen.
Bei alle dem bleibt er die leicht schlacksige, leicht gekrümmte Figur, gekleidet, wie ein eben Hochgeschossener, meist ein etwas denkerisch angestrengtes Gesicht, immer ein Problem im Kopf wälzend. Darum liegen ihm Geselligkeiten wie Empfänge und dergleichen wenig, Small-Talk noch weniger, weil er schnell bei einem Gedanken, der geäußert wurde, hängen bleibt und dann das Folgende nicht aufnimmt, den Faden zum Gespräch verliert.
Seine engste Familie ist die Familie geblieben, in der er aufgewachsen ist, seine Mutter, der Vater liegt schon auf dem Friedhof, seine Schwester und deren Familie. Ein für eine Dokumentation eher unergiebiges Privatleben.
Die Filmemacherin Klaartje Quirijns hat ihn verstanden, wie sie ihn auf einem Spaziergang über seine menschliche Beziehungs-Geflechte ausfragen möchte und er sagt, er tue sich schwer damit, mit Leuten engeren Kontakt zu knüpfen; gleich darauf schlägt er vor „inside“ zu gehen, da lässt die Dokumentaristin oder die Verehrerin, ihn stehen, schwenkt auf eine Wiese.
Sie sucht zwar seine Nähe, aber letztlich erfahren wir nicht, ob es der Ruhm ist, der sie anzieht oder der Mann oder der Fotograf oder gar der creepy Einzelgänger. In seinen Filmen komme automatisch eher das Thema Tod auf denn Sex und Leichtigkeit. In „Control“ bringt sich der junge Mann, der sein Heil in der Musik sucht, am Ende um. Der Film sollte zwar eine Love-Story werden.
Er selbst ist über die Musik zur Fotografie gekommen. Weil ihn Musik begeistert hat, hat er angefangen Musiker zu fotografieren. Vielleicht einer der Gründe, warum so viele berühmte Musiker und Musikgruppen sich von ihm haben ablichten lassen. Dabei sehen sie auf seinen Fotos doch alles andere als anbiedernd oder leicht und lustig aus. Fast eher wie ein protestantischer Vorwurf, wie ein Gewissensappell gar? Er stellt sie gern vor Mauern, (wie Echos auf die Kirchengewölbe der Jugend) oder an den Meeresrand, wie Statuen, keine Heiligen, aber Figur gewordene, greifbar gewordene Figuren. Gebannt auf Film. Festgehalten. Vom Fotografen in die Form verpflichtet. In das Bild, was kein Abbild sein sollte.
Für Corbijn selbst sind die Shootings wie Ausflüge aus seinem Studio und dann ist er ganz glücklich, wenn er mit dem Material als seiner Beute nach Hause kommt, in seinen Kokon, und diesen Blick auf die Welt bearbeiten kann. Er sieht sich selbst als romantischen Fotojäger, auch wenn er diesen Eindruck äußerlich nicht unbedingt zwingend vermittelt. Das wäre dann die Frage, ob das Bild äußerlich wirklich das erzählt, was innen ist.
Fotgrafieren ist auch ein Mittel gegen die Einsamkeit.
Vom Technischen her ist spannend, wie er immer noch mit Polaroid arbeitet zur ersten Überprüfung eines Sujets und dessen Inszenierung. Eimal hat er eine digitale Kamera in der Hand und spottet ganz abschätzig aus den Mundwinkeln, da sehe er ja gar nichts.
In der Jugend hat er eine Reihe von Selbstportraits geschossen als die verschiedenen Beatles, als Janis Choplin, als Jimi Hendrix. Aber sein eigenes Werk sieht er durchaus skeptisch, perfekt sei es nicht, er hofft, dass noch etwas Leben drin enthalten und erhalten sei. Nüchterne protestantische Sichtweise. Könnte auch frösteln machen.
Klaartje Quirijns begleitet Anton Corbijn behutsam, respektvoll, einühlsam, versucht intuitiv in ihren Bildern zu erzählen, was sie verstanden zu haben glaubt von der Fotografie von Corbijn. Wobei die Verehrungshaltung gewiss einer seziererisch analytischen Haltung wenig Raum lässt. Immerhin scheint sie Corbijn bei seiner Arbeit nicht zu stören, wie Corinna Belz es sich gelegentlich von Gerhard Richter, den sie dokumentierte, vorwerfen lassen musste.