Nathalie küsst

Irgendwie originell dieser Film und sicher nicht intellektuell. Die Gebrüder David und Stéphane Foenkinos haben ihn nach dem erfolgreichen Roman gedreht, den David geschrieben hat.

Nicht intellektuell wirkt der Film im Vergleich zu „Die Kunst zu Lieben“ von Emmanuel Mouret, in dem geistreich über die Risiken und Chancen der Liebe debattiert und experimentiert wird.

Originell ist er, indem man durchaus von einem Elchtest der Liebe sprechen könnte. Ein Skandinavier nämlich, ein Bursche der mit Elchen aufgewachsen sein könnte und der so gar nicht in die Pariser Bürolandschaft hineinpasst, Markus Lundl heißt er und wird gespielt von Francois Damien, wird bei einer Besprechung mit seiner Chefin, Nathalie Kerr, gespielt von Audrey Toutou, vollkommen unvorbereitet und heftig geküsst und dann sofort verabschiedet.

Am nächsten Tag tut sie so, als sei nichts gewesen. Aber wenn der erste Kuss mal passiert ist, so kommt das Verlangen nach mehr. Andererseits wird Nathalie auch von ihrem Chef ziemlich direkt angemacht. Eine schwierige Situation, wenn die Liebe nicht die Hierarchien der beruflichen Alltagsbewältigung beachtet. Das ist der Test, dem Nathalie sich aussetzt. Sie hat, was auch für die Facetten der Standpunkte im Film hilfreich ist, eine Freundin, mit der sie die Dinge besprechen kann.

In der Firma löst das Verhältnis von Markus zu Nathalie, das weiter geht, Gerüchte und Gerede aus. Einmal schenkt er ihr ganz ungeschickt verpackt einen Minzbonbonspender mit Elchohren obendrauf. Wirklich sehr ungeschickt. Einer Kollegin, die eben Geburtstag hatte, bei der ist er mit einem riesigen Bouquet aus weißen Blumen aufmarschiert. Auch nicht unkomisch.

Die Liebe ist an sich schon schwierig und zwischen einem solchen Skandinavier und einer französischen Chefin noch komplizierter. Vor allem: vom Spiel her fibriert nun gerade so gar nichts zwischen den beiden. Das wird teils kompensiert mit bedeutsamer Musik. Kann vielleicht auch damit aufgewogen werden, dass das Publikum sich vornehmlich aus Leserinnen des Romans rekrutieren dürfte, bei denen dann allemal eh der Film ablaufen wird, den sie sich bei der Lektüre gemacht haben.

Es ist die Geschichte von einer Art ungehöriger Liebe, die sich am Ende auch noch die Freiheit nimmt, einfach alles stehen und liegen zu lassen und abzuhauen, das ist sicher Wunschtraum vieler, so dass also das reale Spiel in der doch realistischen Inszenierung gar nicht so wichtig ist.

Immerhin nehmen sich die Gebrüder Foenkinos immer wieder viel Zeit, um ihre Figuren durch Gänge oder Straßen gehen zu lassen, inneren Monolog führen zu lassen, so dass auch der Zuschauer Zeit genug hat, in dem eh langsamen Spiel die Figuren und ihre Gefühle oder die Zwickmühlen ihrer Gefühle selber zu entwickeln.

Es ist auf einer Seite ein Kino des Alltäglichen. Bei einer Beerdigung küsst am Schluss die halbe Trauergemeinde die Hinterbliebene. Diese Art von Realismus meine ich. Und er scheint nicht bewusst gewählte Methode der Regisseure, er scheint aus einem intensiven Mitgehen mit ihrem Roman und der Begeisterung dafür zu entstehen. Insofern kann man durchaus von einer eigenen Handschrift der beiden sprechen.

Zwischendrin spielen sie einen Lovesong ein. Es sind vielleicht einfache Träume, für die sich die Foenkinos begeistern, Träume eher einfacher Menschen – ein Indiz dafür scheint mir die Kostümierung der Figuren, die durchaus von einem Versandhaus wie Quelle es einst war, stammen könnte. Das wäre spannend, eine Vorstellung dieses Filmes zu besuchen und zu schauen, ob sich tatsächlich in der Bekleidung der, wie ich annehme, vor allem weiblichen Zuschauer, ein Trend in Richtung einfach und Versandhaus feststellen lässt. Der Traum von der Liebe, die sich gegen die Hierarchie und das Geschäft und das Erwerbsleben durchsetzt. Wunschtraumkino. Foenkino-Kino.

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