Philippe Falardeau präsentiert eine unaufdringliche, sorgfältig im Hinblick auf dokumentarische Nähe präparierte Fallstudie zu einem Vorfall in einer Schule in Canada. Dabei legt er ganz behutsam und ohne Sensationshascherei einige Problemchens, die das Institut Schule heutzutage so bereiten kann, frei.
Die Lehrerin Martine LaChance hat sich in einer Pause im Klassenzimmer erhängt. Wenn das mal kein Hinweis ist. Allein der Name, den ihr Falardeau gibt: LaChance, die Chance ist von traurigschöner Zweideutigkeit. Was ist die Chance? Sich aus diesem Leben, aus dem Schulleben zu verabschieden? Allein darüber könnte ausführlich diskutiert werden.
Dass der Film nicht sensationsheischerisch mit dem Thema umgehen möchte, zeigt er dadurch, wie er darüber berichtet. Es ist Pause in der Schule. Es sind vor allem 11- und 12jährige. Simon muss kurz vor Ende der Pause noch die Milch für die Klasse besorgen. Er will sie schon mal ins Schulzimmer tragen. Die Tür ist verschlossen. Durch das Glas sieht er die Frauensperson, die da hängt. Auch der Zuschauer sieht das nur ganz kurz. Dann etwas Hektik. Die Lehrerinnen beordern die von der Pause zurückströmenden Schüler sofort wieder aus dem Schulhaus raus.
Es folgt eine Versammlung mit den Eltern. Die Sache wird besprochen. Eine Spezialistin, eine Psychologin ist vor Ort und wird auch eine Weile lang Schüler und Lehrer betreuen. Die Geschichte wird öffentlich und auch, dass ein Ersatz für die Lehrerin gesucht wird. Das Schulzimmer wird frisch gestrichen, als ob das die Erinnerung an den Tod verblassen machen könne.
Da taucht Bachir Lazhar, ein algerischer Immigrant, bei der Schulleiterin auf und bewirbt sich für die Stelle. Mohammed Fellaq spielt diesen Lehrer als weisen, demütigen Mann, als eigenwilligen Pädagogen, der den Kindern höchst-literarische Bildung vermitteln möchte. Er ist ein Typ, der sicher auch einen Komiker spielen könnte mit seinen großen Augen, die in keiner Sekunde private Anbandelmessages aussenden. In der Schule ist er fordernd und vermittelnd zugleich, Balzac kommt vor und Jack London im Diktat.
Er gewinnt schnell das Vertrauen der Kinder. Er ist aber auch Skeptiker. Zum Beispiel wie die Psychologin nach einiger Zeit wieder von der Schule abgezogen wird, fragt er die Direktorin ganz erstaunt, aha, die Kinder sind jetzt geheilt? Und wenn das Thema aufkommt in seiner Klasse, dann geht er darauf ein. Das ist allerdings nicht im Interesse der verdränglerischen Schulleitung.
Simon zum Beispiel hatte von der Verstorbenen einen Fotoapparat erhalten. Damit hat er sie auch während einer Schulstunde abgelichtet – übrigens dann auch den neuen Lehrer. Als eine Traueraktivität hat er der Martine auf dem Foto Flügel aufgemalt und den Strick um den Hals gezeichnet. Die Schule sieht diese Art von Trauerarbeit nicht gern.
Es kommt auch das Thema auf, wie Lehrer die Schüler behandeln dürfen, dass das inzwischen fast so risikant sei, wie radioktives Material. Keine Berühung, keine Schläge. Wie schwierig schulische Erziehung heute sei.
Simon selbst plagen Schuldgefühle. Er ist überzeugt, dass er Schuld ist; dass Martine sich seinetwegen umgebracht hat und den Zeitpunkt und den Ort so gewählt hat, dass er sie entdecken musste.
Es gibt Gespräche zwischen Lazhar und seinem einzigen männlichen Kollegen; eine Einladung bei einer Kollegin, auch ganz verhalten; eine Besprechung mit den Eltern von Simon, die Mutter ist Pilotin und viel unterwegs; alle diese Gespräche und Schulszenen geben so ganz nebenbei Einblicke in den Schulalltag und das Drumherum. Auch über Vandalismus an der Schule wird gesprochen.
Schulalltag. Der dicke Pedell. Einmal der kleine Gag mit einem Fisch aus Papier, der Lazhar an den Rück gepeppt wurde, ohne dass er es merkt.
„Defenestrer“ heißt, sich aus dem Fenster stürzen. Auch so ein Thema. Und immer wieder latent das Thema des Selbstmordes der Lehrerin. Einmal zeigt der dicke Pedell Monsieur Lazhar eine Schachtel mit Dingen, die die Lehrerin zurückgelassen hat und die deren Mann nicht abgeholt hat.
Das Bild, die fast dokumentarische Bildfolge ist wie aus einem Guss.
Schon sehr früh erinnert eine Szene daran, dass Lazhar selber Flüchtling aus Algerien ist. Dass dort seine Familie verbrannt ist bei einem Anschlag, der gezielt ihm gegolten hat. Das muss in Canada vor Gericht genau bewiesen werden. Gemeines Schicksal: wie er den Prozess gewinnt, kommt die Schule dahinter. Seine Anstellung ist leider nicht regelkonform.
Ein traurig-schön erzähltes Beispiel dafür, wie kleinkarierte Auslegung von Paragraphen einen wunderbaren, versierten Pädagogen aus dem Verkehr ziehen können.