Juan of the Dead

Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt. Damit lässt sich alles ertragen, Angola, die kubanische Revolution und sogar eine Zombie- oder Vampirinvasion auf Kuba (und vermutlich kürzlich sogar der Papstbesuch).

Die zwei Freunde, die uns durch diesen unkompliziert-frischen fantasievoll-verrückten, höchst politischen Vampirfilm führen, sind die Titelfiguren Juan und Lazaro. Sie pflegen den Müßigang, was will man auf Kuba auch anderes tun. Sie gehen mit einer Harpune fischen. Juan liegt breit ausgestreckt auf einem notdürftig zusammengebastelten dreieckigen Floß, schaukelt träumend in den Wellen, während Lazar taucht. Aber statt eines Fisches fängt er eine ziemlich tote Hinterlassenschaft in orangener Sträflingskleidung des amerikanischen Imperialismus aus Guantanamo. Nichtsdestotrotz reden sie davon, nach Miami rüberzumachen. Tun es aber nicht. Die Lethargie, die Zufriedenheit im Unglück.

Was diesem kubanischen Film an Geldmitteln fehlt, das macht er mit Fantasie und bitterbösem, schwarzem Humor wett. Auch die Freundschaftsfrage der beiden wird auf die Spitze getrieben. Dazu muss erwähnt werden, dass das Hauptereignis dieses Filmes eine Vampirinvasion auf Kuba ist. Wie also Lazaro überzeugt ist, dass auch Juan von den Vampiren infiziert ist und Juan gesteht dass er ihn liebt und er das Thema Freundesliebe bis auf die Ebene der geschlechtlichen Liebe weitertreibt, da biegt Alejandro Brugués, der Autor und Regisseur dieses Filmes, die sich anbahnende Romantic Comedy gerade noch rechtzeitig mit einem Joke ab.

Nebst der Harpune, die Lazaro auch in Havanna mit sich trägt und die gerne in den ungeschicktesten Momenten losgeht, haben die beiden genügend Alkohol gebunkert und außerdem ein erstklassiges Fernroh auf dem Dach des Mietshauses installiert, in dem sie wohnen. Damit kann Juan seine Tochter Camila und den Sohn von Lazaro, den dieser Vladi California nennt, beim Anbandeln beobachten und noch rechtzeitig eingreifen.

Juan vertreibt sich die Zeit auch gerne mal mit Fensterln, über den Balkon bei einer verheirateten Frau einsteigen; aber bevor sie es zum fünften Mal treiben können, kehrt der Ehemann zurück. Also ab über den Balkon. Der Freund auf dem Dach fragt ahnungslos, wo er denn gewesen sein.

Die Verhältnisse, in denen unsere Cubanos leben sind desaströs. Der Lift im Haus bleibt einen halben Meter unterhalb der Etage stecken, so heißt es rauskriechen, was saukomisch aussieht; kann sich aber zur Entsorgung einer Leiche als ganz praktisch erweisen. Denn das Problem wird sich stellen, wie sich ganz unbemerkt Zombies oder Vampire auf Kuba einnisten. Erst einer, eine dicke Frau bricht mit großem Knall wie ein Ungeheuer durch eine Tür, stürzt sich auf andere Menschen. Es kommt wirklich überraschend. Bis auch das Nachbarschaftskomitee sich mit dem Thema befassen muss.

Für die offizielle Politik ist klar, dass es sich um imperialistische Parasiten, um Dissidenten handeln muss; die Unordnung wird vom Erzfeind geschürt. Die Nachbarin Yiya, deren Mann Regelio seit 15 Jahren unbeweglich im Rollstuhl sitzt, ist überzeugt, das kommt von den Medikamenten, die man ihr und ihm verabreicht. Auch hier wird die Harpune einiges regeln.

Wie das mit den Vampiren zur Plage ausartet (oder: wie Kuba immer mehr von „Dissidenten“ bevölkert wird), hat Juan die brilliante Geschäftsidee, vielleicht sein erste, einzige und eine richtig kapitalistische noch dazu: er garantiert Beseitigung von Vampiren in Verwandt- und Nachbarschaften. Man kann ihn auf seinem Festnetzanschluss auf dem Dach erreichen, einem grünpatinisierten Apparat aus den prähistorischen Zeiten der Draht-Telefonie. Er und seine Truppe kommen auf Anruf und erledigen die Zombies.

Diese schräge, schäbige, ärmliche Truppe besteht aus Juan, Lazaro, China, einem transvestitischen Typen, der aber im entscheidenden Moment gekonnt die asiatische Kampfkunst einsetzt, einem großen Dicken, dem noch die Augen für den Kampf mit einer roten Binde verbunden werden. Das ist also Juans zündende „idea to get rich“. Eine Art Reinigungsbusiness gegen Dissidente. Jedenfalls ist das so eine richtig filmreife, filmschräge, zombiefilmergiebige, armselige Truppe, die hier die kubanische Welt und damit die Revolution auf kapitalistische Weise retten will.

Der Film ist gespickt mit Anspielungen auf die beschissene Gegenwart in Kuba, auf den verlotterten Zustand des Landes zum 50. Jahrestag der Revolution.

Im Laufe des Kampfes treten plötzlich martialisch ausgerüstete Soldaten auf, die es schaffen unsere Vampirbeseitigungstruppe zu fesseln und sich ausziehen zu lassen; die tänzeln daraufhin ein herrlich erotisches Männer-Ballet in der Nacht statt sich ihren Humor nehmen zu lassen. Diese Rettungsarmee, bestehend aus zwei Soldaten nennt sich übrigens die Altruisten.

Je krasser die Invasion der Zombies wird, desto mehr werden auch locker einige Animationstricks eingefügt, die Havanna nach und nach zerstören, die Helikopter in schöne Kuppeln oder in Hochhäuser crashen lassen, die nur noch rauchenden Kaminen gleichen: die gute Frage, wer nun wirlich die Vampire sind, sind sie nicht ein Bild für die revolutionären Ideen, die Kuba seit Jahrzehnten verarmen lassen und ausrauben?

Übrigens warnt Juan seine Tochter vor California, er habe Herpes. So wird junge Liebe gezügelt.
Die vordergründige Intention hinter dem ganzen Spektaktel ist sowieso die eines Musicals, denn ständig wird Sambamusik gespielt und auch dazu gesungen.

Juan definiert sich selbst als ein Überlebender, ein Survivor, er hat Angola überlebt, er hat das 50. Jubiläum der kubanischen Revolution überlebt, er hat die Zombies überlebt, was will er nach Amerika abhauen.

Die Bösen, das sind die Dissidenten, Imperialisten, die Sklaven, der Plebs, Anarcho-Dissidents, Iconoclastics.

Lustiges Spiel: mit einem Auto in Vollgas gegen eine Kartonmauer fahren und genau so bremsen, dass diese nicht umfällt.
Havana Libre, die Neoninschrift über einem Hotel.

Auch eine Bloggerin kommt vor: Sara.

Ein schwarzhumoriges kubanisches Panoptikum. Kuba erfasst und durchschaut.

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