Wer weiß, wohin?

Eine weibliche Improvisation gegen den Krieg, über die Unsinnigkeit des Krieges und diese angesiedelt mitten im explosiven Nahen Osten, in einem abgelegenen Dorf im Libanon an der Grenze zu Israel. Da, wo jetzt wieder verantwortungslos gezündelt wird.

Allein das ist schon ein nachdenklich machendes Bild: die teilzerstörte Steinbrücke über einer Schlucht, über die der einzige Versorger des Dorfes, das sind zwei junge helmbewehrte Männer auf einem Mofa mit vollbeladenem Anhänger, ganz vorsichtig drüberzirkelt. Sonst traut sich niemand mehr aus dem Dorf heraus, es ist zu gefährlich und überall liegen Minen.

Das erste Minenopfer ist Brigitte und das ist, hier meldet sich bereits die Komödie an, eine Ziege, die von der Dorfgemeinschaft anschließend gegrillt und auch vertilgt wird, aber nur die eine Seite ist halal.

Im Dorf leben Christen mit einem Pfarrer und Muslime mit einem Imam normalerweise friedlich zusammen, bis auf plötzliche, nicht näher begründbare Gewaltausbrüche. Die sind eindeutig den Männern zuzuordnen und den Frauen reicht es. Sie verschwören sich gegen den Krieg, wollen den Männern das stupide Kriegshandwerk austreiben.

Frauen können raffiniert sein. Die Macht der Frauen demonstriert ein eindrückliches Bild ganz am Anfang. Die Frauen des Dorfes, alle in Schwarz marschieren als Pulk mit einer Art Tanzschritt, der immer auch einen Schritt zurückwiegt und einer Choreographie an Gestik und Körperbewegung in Richtung Friedhof weit außerhalb des Dorfes, um die Gräber der Getöteten zu besuchen. Die Macht der Frauen als Gang, Tanz, Choreographie in dürrer nahöstlicher Landschaft.

Es gibt im Leben sicher Sinnvolleres als auf Friedhöfen die Gräber viel zu früh Verstorbener zu besuchen. Die Frauen sind als Gruppe untereinander nicht von religiösen Rivalitäten geplagt. Frauen halten zusammen, will uns Nadine Labaki, die Autorin und Regisseurin dieses Filmes, erzählen. Sie ersinnen Pläne, um die Kriegsmaschinerie zu boykottieren. Sie finden, Nachrichten aus dem Fernsehen mit einer sexy Ansagerin und aufwühlenden News sind nichts für ihre Männer. Mit Taschenlampen ausgerüstet schleichen sie sich nachts zu dem erhöht gelegenen Platz, wo das TV-Gerät eingerichtet wurde – wegen dem Satellitenempfang – und demontieren den Apparat.

Das setzt gegen die Absicht eine Eskalation religiöser Gewalt in Gang, denn ein junger Mann sucht in der Kirche Ersatz für die kaputte Tonbox am TV. Eine solche ist über dem Kreuz auf einem Wandsims angebracht. Der junge Mann fällt wie er nach ihr greifen will runter, kann sich nur am Kreuz halten und dieses bricht. Das empfinden die Christen als einen bösartigen Akt der Muslime und also rächen sie sich, indem sie Ziegen in die Moschee lassen, auch hier bleibt der Film der Komödie treu, denn bald schon erschallt aus den Moscheelautsprechern statt des Muezzins Ziegengemecker. Das wiederum regt die Muslime auf, die eine Marienfigur zertrümmern.

Wie die Frauen bei den beiden Jungen, die den Handel zur Außenwelt aufrecht erhalten, einen Prospekt einer ukrainischen Tanztruppe finden, sammeln sie Geld und engagieren diese für ein paar Tage in der Hoffnung, die aufgebrachten männlichen Gemüter zu zentrieren.

Auch das hilft nichts. Die Frauen müssen zu immer verwegeneren Mitteln greifen, sie wollen die Männer in ihren festgefahrenen Weltsichten und Verhaltensweisen erschüttern, verunsichern, aber selbst die Gegenwart der russischen Tänzerinnen und eigens zubereitete Haschplätzchen helfen wenig. Sie müssen nun zum radikalsten Mittel greifen.

Der Film bietet keine Lösung für das Nah-Ost-Problem. Wenn es so einfach wäre, dann müsste man fragen, warum diese Lösung noch nicht eingesetzt worden ist. Er stellt eher die skeptische Frage und durchaus humorvoll, ob der Krieg wirklich nötig sei. Er gibt zu bedenken, dass der vernünftige Menschenverstand, der praktische Frauenverstand gegen den Krieg auch keine Lösung aber auch keinen Sinn drin finden kann.

Schade dass der Verleih sich für eine deutsche Nachsynchronisation entschieden hat; das fällt besonders bei Liedern auf, die auf arabisch gesungen werden und wenn man dann wieder die deutschen Synchronstimmen hört, so ist das doch eine Qualitätsminderung des Kinoerlebnisses, was Nadine Labaki zumindest jenen bietet, die Interesse daran haben, was sich in Nahost tut aber auch an der Frage, ob Frauen wirklich Einfluß nehmen können auf die Weltgeschichte.
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Vielleicht ist es doch etwas gewagt, einfach alles auf die Männer zu schieben. Andererseits sollte man sich vielleicht genau das noch etwas gründlicher durch den Kopf gehen lassen.

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