Der Fall von Realitätsverlust, den sich Jeff Nichols als Autor und Regisseur für diesen Film vorgenommen hat, ist von der Art, dass es einem kalt den Rücken laufen könnte oder dass man sich fühlt, wie auf Treibsand und der Boden entzieht sich unter den eigenen Füssen.
Es geht um einen Mann, der arbeitet an einem Bohrloch und der heißt Curtis. Michael Shannon spielt ihn. Curtis ist verheiratet und leidet unter wachsendem Realitätsverlust, sieht Stürme heraufziehen, wo keine sind, sieht gefährliche Vogelflugformationen, baut aus lauter Panik vor solchen Visionen einen Sturmbunker, ein Shelter, in seinem Garten, leiht sich dafür unerlaubt Gerät von seiner Bohrfirma aus, verliert deswegen seinen Job, flieht bei einem Sturm mit Frau und Kind in seinen Bunker, veranlasst alle, Gasmasken zu tragen, will auch die Tür zur Außenwelt gar nicht mehr aufmachen, wie der Sturm längst vorüber sein muss.
Beim Versuch, die Story als solche nachzuerzählen fällt mir allerdings auf, dass sie nur so strotzt vor Ungereimtheiten – aber wer weiß, vielleicht sind die der ungereimten Materie geschuldet! – , denn nach diesem Sturm, bei dem er sich in den Bunker zurückzieht, und wie sie dann wieder rauskommen, da sind auch andere Leute dabei, Sturmschäden zu beseitigen. Er geht dann von sich aus zum Psychiater, will sich Mittel verschreiben lassen. Der empfiehlt ihm eine psychiatrische Koryphäe, die sitzt aber weit weg, das scheint ihm zu teuer. Er nimmt einen Kredit auf bei der Bank. Der Banker macht ihn darauf aufmerksam, dass das riskant sei, kurz darauf verliert er den Job. Dann ist noch die merkwürdige Geschichte mit seinem Hund. Der Alptraum, dass er sich auf ihn stürzt und am nächsten Tag schmerzt ihn der Arm.
Beim Gespräch mit der Psychotherapeutin, die ausdrücklich erwähnt, dass sie keine Psychiatrin sei, also nur mit Gespräch helfen könne, kommt die Rede auch auf die Mutter von Curtis, die psychische Probleme hatte. Es ist nicht leicht, die Story nachzuerzählen, weil es vielleicht gar keine richtige Story ist. Mir scheint der Film bannt vielmehr mit der Realitätsverlustatmosphäre, die er in immer neue Bilder zu zaubern versteht, darunter grandiose Blitzaufnahmen, aber immer der Farbfilter drin, also immer gedämpfte Atmosphäre wie bei einer Verschwörung, alles grau-grün-bläulich, kein realistisches Rot oder Grün oder Gelb. Auch plätschern die Dialoge alle im selben Tempo, gedämpfte Atmosphäre wie unter Psychopharmaka oder fast zelebriert, wie bei einer einschläfernden Sonntagspredigt. Curtis macht durchgehend ein Gesicht, das von seinem Leiden erzählt.
Die Elemente, die in seinem Film eine Rolle spielen werden, führt Jeff Nichols gleich zu Beginn ein: der Job von Curtis ist bei einer Tiefenbohrung, die viel Dreck aufwirbelt; er ist verheiratet mit Samantha mit den eindrucksvollen Augen. Sie wird gespielt von Jessica Chastain. Sie bewohnen einen schönen Bungalow vor einer freien Wiese. Sie haben ein taubstummes Mädchen, Hannah; man erlebt die Eltern, wie sie an einer Elternschulung mit den Kindern teilnehmen. Hier ist Curtis allerdings schon nicht mehr ganz in der Realität. Er kam zu spät aus der Arbeit. Samantha bestand aber auf Pünktlichkeit, wartet schon im Auto auf ihn und Curtis steigt direkt zu ihr ins Auto, ohne zu duschen und sich frisch zu machen, ohne eine zivile Kleidung anzuziehen mit den verdreckten Schuhen. Bei der Schulung meint Samantha dann, Curtis stinke und gebärdet das auch für die Tochter. Das ist vielleicht bereits ein dickes Beispiel bloss für so eine Schulung den Benimm gänzlich außen vor zu lassen, und auch merkwürdig, dass seiner Frau die Pünktlichkeit vor der Sauberkeit vorgeht. Kleine, auffällige Differenzen zu unserer eigenen Realitätserfahrung.
Oder der erste Regen, der ganz am Anfang vom Himmel fällt, er fällt auf das Gesicht von Curtis, dann auf seine Hand, er ist rostrot, der Regen. Da stimmt was nicht. Das wird sehr deutlich gemacht. Seine Frau guckt immer mit diesen verschreckten Augen, will sagen, Vorsicht, Horror liegt in der Luft. Der Film legt die Story primär in die cineastische Ausdrucks-Sprache und nicht in die Entwicklung einer spannenden Story, er erzählt in immer neuen Szenen von einer Familie, die nur äußerlich eine Familie ist und deren Vater gespalten in zwei Welten lebt. Das wird symbolisch gezeigt zum Beispiel mit der Stehtischlampe, deren Schirm um ein gegabeltes Holz gespannt ist. Symbolik statt Geschichte. Symbolschwere und Bedeutung, statt Handlung. Auch die Gespräche mit seinem Kollegen, die sind wie symbolisch, selbst wenn sie im Auto sitzen und der Kollege von Bekannten erzählt, die gerne mal einen Dreier machen wollen.
Die Familie hängt ständig in den Seilen menschlichen, menschenmöglichen Verhängnisses. Das ist eine Weile interessant als Bild zu studieren. Das Kino könnte allerdings mehr.
Es wird überdeutlich darauf hingewiesen, dass es Curtis nicht gut geht in den anfänglichen Szenen. Die alte Frage: wer interessiert sich schon für einen Menschen, der leidet. Spannender wäre die Konsequenz daraus, das Handeln; gut er baut den Bunker, aber auch das kommt wie schwebend daher (die Taubstummenschule heißt übrigens „Elyra Public School“).
Die Diskussion über die Krankenvesicherung, wie lange die nach der Entlassung noch wirksam bleibt und wie man den Haushalt und die Finanzen weiter händle nach dem Stellenverlust, diese Diskussion mit seiner Frau hört sich akademisch an.
Der Familienname von Curtis ist LaForché, la fourche ist auf Französisch die Gabel, ist auch die Weggabelung, also ein weiterer dicker Hinweis auf die Gespaltenheit der Person von Curtis. Mehr erzählt der Film eben nicht, außer dass es schwierig ist für die Mitmenschen mit einem Mann zusammenzuleben, der an Persönlichkeitsspaltung, an Realitätsverlust leidet. Aber das erzählt er so, dass einem schaudern kann.
Typisch für diese Art Schilderung ist leider die vollkommene Abwesenheit von Humor, der gerade in solchen Verhältnissen, wenn denn ein minimaler Ansatz an realistischer Glaubwürdigkeit intendiert wäre, nicht ausbleiben kann.
Die schwarze Psychotherapeutin, die kann nur reden, aber nicht verschreiben.
Die Hütte für den Hund mit dem Gitter drum herum, aber er war doch ein Haushund, meint seine Frau (doch Curtis hatte den Alptraum).
Eine richtige Fallstudie kann es auch nicht sein. Dazu müssten viel präziser die verschiedenen Stadien des Realitätsverlustes gezeigt werden, und vergleichend dazu die Variante wie er ohne diesen war, was mithin ein anderes Spiel und andere Szenen verlangte.
Jeff Nichols legt über uns und seine Geschichte den Schleier des Nebulösen, was er für ein Indiz von Identitäts- oder Realitätsverlust hält; der Zuschauer wird dieser Atmosphäre ausgeliefert, er kommt wie aus einer Kirche, aus einem Ritual heraus und ist nachher so klug als wie zuvor, ist lediglich mit dem Gedanken beschäftigt, was hat mir gefallen und warum bin ich trotzdem zwiespältig; man könnte auch fragen, warum komme ich nicht geistig freier oder geistig mit einem Erlebnis behaftet aus diesem Film? Weil er mich einzuseifen versucht, statt meinen Geist herauszufordern? Weil er vielleicht Problemübertragung versucht? Oder weil er mir die Erfahrung mit diesem Problem vermitteln möchte?