Evelyn, Graham, Douglas und Jean, Muriel, Norman, Madge sind britische Senioren, die ihren Lebensabend in Indien, im Best Exotic Marigold Hotel verbringen wollen.
John Madden, der Regisseur, nimmt den Zuschauer von England aus mit auf diese nicht unbedingt selbstverständliche Reise in Richtung Lebensabend. Er gibt erst eine kurze Skizzierung der Lebenssituation der Beteiligten, die Gründe dafür, auf das verlockende Angebot aus dem Internet mit der Altersresidenz in Jaipur, einzusteigen. Er schildert sie in zynisch-britischem Humor als ziemlich erstarrte Herrschaften und Ladies. Schürt damit die Erwartungshaltung, dass sich hoffentlich in Indien vorm Ableben der Herrschaften noch dies und das ändern möge.
Primär dürfte der Entscheidungsgrund für das Abenteuer, was für die Beteiligten anfangs nicht als solches genommen wird, das Geld gewesen sein, das Altersruhegeld, womit man sich in Indien einen anderen, einen weit luxuriöseren Lebensstandard gönnen kann als in England.
Davon, dass die Reise nach und nach die Masken der Figuren aufbrechen lassen und wieder persönliche Gespräche ermöglichen und Erfahrungen machen lassen würde, davon hat wohl keiner geträumt. Aber wie das mit einer Reise so ist, sie verändert den Menschen und Madden lässt den Zuschauer daran teilhaben, macht es ihm anfangs nicht leicht mit seinen Holzschnitt- und Klischee-Figuren, lässt sie durch anonyme Flughafenwartehallen ziehen, in Indien kann der Anschlussflug wegen schlechten Wetters (uh, wir sind doch in Indien und nicht mehr in Britannien“) nicht stattfinden. Also muss auf einen öffentlichen, gerammelt vollen Bus umgestiegen werden: merke, in Indien gibt’s immer Platz. Die letzte Strecke muss mit dem Tuck-Tuck, einer Art motorisierter Rikscha zurückgelegt werden, und auch hier baumelt der Rollstuhl jener Dame, die am klischeehaftesten den Bösen Blick mimt, hintendrauf.
Wenn das versprochene Traumhotel jetzt das versprochene Traumhotel wäre, dann könnten wir die Senioren dort abliefern und ihnen einen schönen Lebensabend wünschen, denn dann gäbe es wohl nichts mehr zu erzählen. Aber da dem natürlich nicht so ist, gibt es einiges zu erzählen über das Bröckeln der britischen Senioren-Fassaden. Schuld sind die Umstände: Zimmer ohne Türen, Decken voller Staub über den Möbeln, der Lärm der Stadt, ein junger Hotelmanager, Sonny, viel zu jung und ganz offensichtlich überfordert, der alles verspricht und nichts vorzuweisen hat.
Aber die Alten reagieren erstaunlich wenig pikiert. Vielmehr suchen sie Betätigung, der eine will selbständig den Wasserhahn reaparieren, die andere sucht einen Job in einem Callcenter, die nächsten wollen in einem feinen Club anbandeln, der Herr beschafft sich Viagra, duscht kalt und will top on the mountain und der nächste outet sich und sucht seine alte Liebe in Indien.
Aus dem anfänglich inszenierten Seniorenkabarett, das sich von den Senioren im Allgemeinen und den Britischen im Besonderen eher billig genährt hat, schwenkt der Film, der einen Roman von Deborah Moggach zur Grundlage hat, den Ol Parker zum Drehbuch umgeschrieben hat, um ins Melodram, ins Besinnliche, in immer wieder ernste Gespräche, unterbrochen von Jokes über die Liebe, den Tod und das Risiko, die Zukunft, die Angst vor der Stille und der Veränderung.
Über manche Szenen weht ein Hauch Erinnerung an die Atmosphäre in Romanen von Somerset Maugham, der dekadente Hauch des Kolonialistischen.
Zwischendrin wiederum wähnt man sich im indischen Kino, immer wenn es um die triviale Liebesgeschichte von Sunny geht, der dritte oder vierte Lieblingssohn seiner Mutter und die die Frau, die er liebt, sie arbeitet in im Call-Center, selbstverständlich ablehnt.
Die Erfahrung des Zuschauers in diesem Film ist wie die der Beteiligten, anfangs ruckelt es gewaltig, man ist kritisch distanziert, fühlt sich fremd, es dauert bis man sich aufwärmt, bis man die Figuren lieben lernt, eben immer dann, wenn sie was von sich preisgeben, das nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit ist und plötzlich ist man gefangen darin – fühlt sich weitgehend ernst genommen als Zuschauer oder Reisemitmacher.
Der Film ist so köstlich und auch nachdenklich gemacht,daß man ihn sich ansehen sollte.
Es spricht sicher auch für den Film, dass er mir heute, über zwei Jahre nachdem er ins Kino gekommen ist, noch bestens und munter in Erinnerung ist.