Der Schnee am Kilimandscharo

Ein Marseille-Film. Auch ein Mittelmeerfilm. Ein Hafenarbeiterfilm. Ein sozialistischer Film. Aber doch auch ein Familienfilm.

Ein Film, den man sich vorstellen kann wie den Besuch bei einem alten Bekannten, den man lange nicht gesehen hat, einer der seinen Überzeugungen treu geblieben ist und den man gerade deswegen schätzt. Die beruhen auf Marx und verstehen nur schwer, warum manche sehr reich sein können und in riesigem Überfluss leben, während andere fast am Hungertuch nagen, obwohl alle gleichzeitig auf derselben Welt leben oder auch innerhalb von Marseille.

Ein alter Bekannter von dem man weiß, wenn man ihn besucht, so dauert das, und es wäre respektlos und unfair, sich über ihn lustig zu machen und sich die Zeit nicht zu nehmen; denn es ist eine sehr humane Atmosphäre, die er verbreitet, sie hat ihr Thema, die Gerechtigkeit und er erzählt durchaus reflektiert, er entwickelt seine Story langsam, step by step. Die kann auch recht konstruiert sein, denn der Bekannte ist ein humanistischer Moralist; es kommt also mehr auf die Moral an als auf dokumentarische Beobachtungsgenauigkeit.

Erhellend für diesen Film könnten durchaus zwei Dokumentarfilme sein. Der eine ist von Stanley Kubrick, der erste Farbfilm den er 1953 in Kalifornien gedreht hat, „The Seafarers“, der ganz präzise das System beschrieb, nach welchem die Hafenarbeiter ihre Jobs verteilten, ein System, was versucht größtmögliche Gerechtigkeit herzustellen. Und dann auch Alain Tanners Film von 1995 „Les hommes du port“, in dem er die gewerkschaftliche Organisation der Hafenarbeiter von Genua schildert. Die könnten das Dokumentarische an der moralischen Geschichte von Guédiguian erhellend bedeutsam machen.

Die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit, um die es Robert Guédiguian hier geht, ist die, dass die Gewerkschaft, um Arbeitsplätze zu retten, selbst die Auslosung von 20 Namen von Arbeitern vornimmt, die ihren Job verlieren werden. Guédiguian hat zusammen mit Jean-Louis Milesi das Drehbuch nach einem Gedicht von Victor Hugo „Die Armen Leute“ geschrieben und auch die Regie geführt.

Der Protagonist, Jean-Pierre Darroussin als Michel Marteron, zieht gleich zu Beginn des Filmes am Hafen von Marseille die Lose und liest die Namen vor. Die Betroffenen nummerieren sich von 1 bis 20 durch und treten einzeln vor. Aber es hat auch Michel selbst getroffen. Der ist allerdings schon nahe dem Rentenalter. Seine Frau arbeitet als Pflegerin. Sie haben Kinder. Und Enkel. Die leben in einer gut gesicherten, geschloßenen Wohnanlage hoch über Marseille. Er hat denen eine Pergola gebaut. Ihn trifft es also wenig. Er ist gut versorgt. Für ihn fängt ein neuer Lebensabschnitt an mit viel Zeit für die Enkel. Das wird auch ausgiebig berichtet.

Andere trifft es härter. Ein junger Kollege muss seine zwei kleinen Geschwister versorgen und die Mutter, oder wie sie sagen, die ältere Schwester, ist nie zuhause. Von ihrem Job als Stewardess auf einem Schiff bringt sie nicht genügend heim in die verlotterte Wohnung in einem anonymen Wohnhochhaus.

Unser Erzähler konstruiert nun einen Überfall an dem der benachteiligte Jüngere beteiligt ist, auf die Privilegierten, auf den Frührentner. Denn der und seine Frau haben zu ihrem Jubiläumshochzeitstag von den Hafenarbeitern eine kleine Kiste mit viel Bargeld und zwei Tickets für eine Reise nach Tansania geschenkt bekommen. Ja, es ist ein gemütlicher Film, denn diese Tickets und die Aussicht auf Tansania wird zum Beispiel genutzt für eine kleine Szene am Strand, wie das alte Paar dasitzt und den Badenden zuschaut und wie sie die hübschen jungen Frauen als Löwinnen bezeichnen und die Masse der Menschen als Gnus. Leben in Marseille und träumen von der Welt. Als Arbeit der Imagination ist Tansania doch viel lustiger als selbst hinzufahren.

Gewerkschaftshelden, Arbeiterhelden. Als Junge war Michel von einem Comic fasziniert mit dem Helden „Strange“. Den Comic bekommt er zu diesem Fest wieder geschenkt. Der wird eine entscheidende Rolle spielen bei der später folgenden Überfallsgeschichte, bei welcher sie Geld und Ticket wieder los werden. Michel ist ein eigenartiger Arbeiterheld, eine typische Darroussain-Figur auch. So ganz klar ist mit ihm nicht zu kommen. Vielleicht ist er der typische Arbeiter-Denker-Idealist. Der bis ins hohe Alter sich über die Ungerechtigkeit der Welt aufregen kann. Der sich aber sein kleines, feines Nestchen gebaut hat.

Das schlechte Gewissen dem jüngeren, kriminell gewordenen Kollegen gegenüber, der verhaftet wird, weil Michel der Polizei den Tipp gibt, und in den Knast kommt, wird sentimental kompensiert mit einer guten Tat. Auch sucht Michel vorher noch das Gespräch mit dem Kollegen. Der geht auf heftige Abwehr. So werden ein paar Argumente über die Ungerechtigkeit der Welt virulent.

Eine Szene, die man vielleicht unter der „Art de vivre de Marseille“ subsumieren könnte ist, wie die Frau von Michel vor all diesen Problemen, denn Michel trägt noch Wochen nach dem Überfall den Arm in der Schlinge, allein in ein Kaffee gehen will, was sie seit Jahren nicht mehr getan hat und wie der Kellner, ein ganz junger, aparter mit großen Augen, ihr eine Getränke-Lebenshilfe-Beratung bietet, gegen was was gut sei und für sie zum Schluss kommt: Metaxa. Das ist eine Szene im Film, die die übrige Gemächlichkeit kurzfristig verlässt.

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