Ulrich Schamoni war ein wichtiger deutscher Filmemacher von etwa Mitte der 60er bis Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, einer der prägenden Köpfe des Neuen Deutschen Filmes. Mit seinem ersten Spielfilm „Es“ hatte er dank gezielter Zuspitzung der Probleme in der Beziehungskiste gleich für Furore gesorgt und den Deutschen Filmpreis erhalten, der damals noch eine gewisse Geltung gehabt hatte.
Wie er in den Neunzigern an Leukämie erkrankte, fing er ein filmisches Tagebuch an, das er bis zu seinem Tod 1998 immer wieder fortführte. So sammelten sich die Kassetten, die das Material für ein filmisches Selbstportrait des Künstlers als eines Mannes im Angesicht des Todes lieferten. Seine Tochter Ulrike hat dieses Material jetzt gesichtet, mit anderem historischem Material und mit vielen Filmausschnitten aus dem Werk des Vaters angereichert und zu einem Film montiert, der zu einer beeindruckenden Begegnung mit der Persönlichkeit von Ulrich Schamoni wird.
Sein Lachen erinnert an Willy Millowitsch, so zeigt er jedenfalls seine Zähne. Er hat auch diesen herzlichen, non-aggressiven Humor. Meist baut er die Kamera auf einem niedrigen Stativ auf, vor allem im Garten, und dann beugt er sich von vorn oder von der Seite runter vors Objektiv und erzählt über seinen Zustand, dass er wieder frisches Blut bekommen habe, dass er früh aufgestanden sei, dass er sich auf die Sonne freue an diesem Tag oder auf Naturaufnahmen, die er im Garten machen wolle von den Fröschen, den Amseln, den Bienen, von Krokussen und rotem Mohn. Meist trägt er eine Art Raumfahrer-Hausanzug wie eine Art Pyjama aus einem Stück, einen häuslichen weißen Overall, mit dem er sich zuhause und im Garten bewegt, darüber einen Schal und eine Baskenmütze und oft raucht er eine feine Cigarre.
Der Arzt hat ihm das sowieso empfohlen, je schlimmer die Befunde wurden und er solle sich durchaus gelegentlich besaufen. Das tat er einmal ausgiebig mit dem Wirtschaftsminister, zu viel Marillen-Schnaps, so dass ihm am nächsten Morgen richtig schlecht war.
Schamoni wohnt in einem idyllischen Häuschen mit Garten, Swimming-Pool und Goldfisch-Teich. Leider wurde 1997 das Haus nebenan, in dem früher mal Gretchen Dutschke geschaukelt hatte, abgerissen, so dass oft der Baulärm stört. Aber Schamoni geht ganz stoisch um damit, muss eventuell mal seinen Vortrag für die Kamera, die für ihn wie zum vertrauten Zuhörer wird, abbrechen. Aber nie eine Regung von Rage oder Wut.
Er scheint immer sehr ausgeglichen. Oft sitzt er auf dem einen oder anderen bequemen und ausladenden Möbel seines Hauses, das, wie es in einem Filmclip einmal erwähnt wird, das Zentrallager des Parises Flohmarktes sein könnte. Die Wände vollbehängt mit Bildern, die Regale voll mit Büchern und Figürchen und schönen Gegenständen. Eine akademische Künstlerbehausung. Wirtschaftliche Probleme scheinen keine Rolle zu spielen.
Er hat sich eingerichtet mit seiner Krankheit. Jammern kommt nicht in Frage. Eher sieht es so aus, als mache der Filmer hier ein freches Experiment, als lasse er sich auf eine radikal-private Selbstdarstellung ein.
Einmal heiratet er eine zweite Frau. Da gibt’s tolle Hochzeitsdekorationen im Haus und Fototermin ist unterm Brandenburger Tor. Mal räkelt er sich im Bett oder auf dem Sofa und sagt, er denke schon darüber nach, was er für eine bessere Welt beitragen könne.
Sein größtes Projekt scheint zur Zeit dieses Tagebuches die Entwicklung der Idee eines Filmes über Arminius, Hermann den Cherusker; nicht über die Schlacht im Teutoburger Wald, nein das wär Scheiße, das interessiert ihn nicht; ihn interessiert, wie dieser Herman aus Pflichtgefühl den Feldzug nach Palästina mitmacht und dann in den Census verwickelt wird und wie er auf Zacharias stosse und auf eine Maria und damit sei man schon mitten im Neuen Testament. Schamoni hat Studien zum Thema angefordert. Einmal präsentiert er ein dickes Paket mit viel solchem Material, was eben angekommen sei. Da schaut er triumphierend-listig-lustig-verheißungsvoll, nicht ohne Schalk in Augen, Stimme und Gestik.
Aber dann verliert sich das Thema plötzlich aus dem Film. Dafür geht er auf Shopping-Tour ins KDW und bringt Tüten voller Spielzeugfiguren mit nach Hause, die er zum Teil im Garten postiert oder auch auf dem Tisch in Großaufnahmen zeigt. Des Knaben Wunderhorn.
Als Eingangsmotto setzt Ulrike Schamoni ein Zitat von ihrem Vater, das er in die Kamera spricht „Wer einen großen Sprung tun will, der muss erst rückwärts gehen“. Oder ein anderes Thema: „Gott gibt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht auf.“
Eindruck: Beschauliches Filmgelehrtenleben, Akademiker-Künstlerleben, die Aussicht aus seinem Haus, die erinnert ihn an Caspar-David Friedrich. Je nach Laune setzt er zu einem schönen Bild zum Beispiel eine Beethovenmusik auf. Bei seiner Hochzeit spielten Mariacchis „La Cucaracha“. Ein gebildeter Mensch. Der aber voll in seiner kleinen privaten Welt aufzugehen scheint. Der aufmerksam das Wetter und dessen Veränderungen betrachtet, das Erblühen der Natur: Katze, Frösche, Amsel, Schmetterlinge, Bienen, Spinnen, Igel, Lilien, Mohn: er sucht „Poesien im Regen“ einzufangen. Oder er freut sich über den Altweibersommer. Einmal fällt er beim Drehen auch in den Pool. Das wird klar gestellt in einer späteren Szene: er fischt die nassen Pantoffeln raus und erwähnt den Sturz. An der Stelle selber war mit Platsch aus. Manchmal trägt er Holzschuhe oder auch Stiefel.
Künstlerische Selbstportraits im Film. Was will uns Schamoni damit erzählen. Es sind absolut keine wichtigen Sätze zum Kino, die darin vorkommen. Er schildert nur, und das von Szene zu Szene anrührender, sein kleines privates, menschlich-fleischlich-intellektuell-bürgerlich-spießiges Leben in seinem Häuschen und dem es umgebenden Garten-Biotop und wo man an einem reichlich gedeckten Frühstückstisch sich für den Tag stärkt.
Die Baustelle stört in offenbar doch stärker, als er bisher sich hat anmerken lassen, weil nämlich sein eigener Garten plötzlich in Mitleidenschaft gezogen wird. So gibt es denn eine köstliche Szene, in der bekommt ein junger Rechtsanwalt. „ein Einführunsgespräch für einen jungen Anwalt, der aktiv werden soll wegen der Baustelle“, so der lakonische Kommentar von Schamoni.
Seine Zeit vertreibt er sich auch mit Fernsehschauen, am Rande interessieren ihn Sportereignisse, wie Boxer Tyson und das abgebissene Ohr, Fussball, Tour de France oder der Tod, der furchtbare Unfalltod von Prinzessin Diana. All das kommentiert er mit einer leicht distanzierten Nähe zur Ironie, in einer Art Verwunderung, was es nebst dem Kreuchen und Fleuchen in seinem Gärtlein sonst noch so alles gibt. Er behauptet auch, dieses Selbstportrait, das sei Non-Fiction, das sei harte Realität.
Leben in guten Verhältnissen und doch krank sein. Immer wieder frisches Blut erhalten müssen. Später dann Medikamente mit unangenehmen Nebenwirkungen. Gehobene Lebens-Verhältnisse, die sich eine Putzfrau leisten können. Der Arzt rät ihm zu Aufregung, aber nur positiver. In seinem Haus, da werden Weihnachten und Ostern ausgiebig dekoriert gefeiert. Am Rande kommen auch mal seine Frau oder seine Tochter vor oder es gibt sogar Besuch von seinem Bruder Peter. Aber die anderen Figuren spielen in diesem Selbstportrait eine periphere Rolle. Mal hilft ihm die Tochter den Osterbaum oder den Christbaum schmücken. Oder seine Frau steht hinter der Kamera. Und um den Christbaum herum fährt eine Spielzeugeisenbahn mit einem Putto drauf.
Ein standesgemäßer Intellektueller? Gewiss. Gerne macht er Präsentationsgesten, lässt auch mal das neue Jahr zur Tür rein. Und ist ganz verwundert, wie schon Februar ist oder gar März. Und dass er immer noch lebt. Was treibt ihn dazu, dieses Tagebuch zu führen? Dann beklagt er sich aber doch, und er wirkt müde, er habe zu viel Eisen im Körper durch die vielen Bluttransfusionen. Dann wiederum findet er es „irr, nö“ dass schon Oktober ist und er immer noch am Leben.
Ein besonders schönes Bild: da sitzt Schamoni kaum zu sehen in einem Fauteuil, raucht Ciagarre, die Kamera ist durch dieses und das folgende Zimmer nach draußen gerichtet, dann verlässt er gegen das Licht den Raum und die Rauchschwaden ziehen langsam gedehnt in Richtung Kamera. Fast zu poetisch für ein baldiges Ableben.
Eine Art Wettbewerb zwischen Vätern und Söhnen: den Vater zu überleben, er jedenfalls stellt mit 58 Jahren fest, dass sein Vater so alt nicht geworden sei. Doch nur ein Schnippchen dem Schicksal schlagen?
Biographischer Background: er fing als Schauspielschüler bei der Zarboni-Schule an, wurde später Regieassistent bei Rudolf Noelte.
Er möchte doch so gerne was tun für den Fortschritt der Menschheit, erkennt aber auch: manchmal muss man spielen wie die Geige es will. Die Medizin, die ich zur Zeit nehme, ich leide sehr darunter, Nebenwirkungen.
Warum der Film vielleicht gerade heute interessieren sollte? Vielleicht weil so gar kein karrieristisches Denken von Ulrich Schamoni ausgeht. Aber vielleicht hattens die auch leichter. Es wurden ja noch keine Regisseure an protzigen Neubau-Hochschulen ausgebildet. Die Menschen hatten in den 60ern noch genügend zu tun mit dem Wirtschaftswunder. Heute wird durch die Schulen und die Subventionen eine ganz andere Kampfstimmung in die Branche gebracht. Die Künstler haben heute viel mehr so zu spielen, wie die Geige es will, um mit Schamoni zu sprechen. Aber er hatte bei dem Satz wohl eher seine Gesundheit im Auge gehabt. Und: dieser Film macht neugierig auf seine fiktionalen Filme.