Seine Universität ist sein Vater. Seine Vorbilder sind Mahatma Gandhi und Richard Branson, ein britischer Milliardär und Unternehmer mit einem Faible für Ökologie.

Die Rede ist von Mehmet Göker, den Klaus Stern in diesem Film, der sicher eher fürs Fernsehen taugt, zu portraitieren versucht. Seine Firma war MEG und galt als der größte private Makler für Krankenversicherungen. Der Firmensitz war in Kassel, wo Göker in einfachen Wohnblocksverhältnissen aufgewachsen ist. Nach einigen Jahren stetig steigenden Erfolges kam der Verkauf für einen Euro und bald darauf die Insolvenz. In Deutschland habe er noch 20 Millionen Euro Schulden. Die Staatsanwaltschaft ermittle seit über 6 Jahren wegen Vorwürfen gegen ihn.

Das erzählt Göker aus einer feinen Ferienwohnanlage mit Swimming-Pool in der Nähe von Izmir in Kleinasien. Er ist sonnengebräunt. Er fühle sich ruhig und nicht mehr so gestresst, ja er sei glücklich, seit er diese MEG-Geschichte hinter sich habe. Und da die Katze das Mausen nicht lassen kann, erfährt der Zuschauer auch, dass er jetzt bei einer Firma beschäftigt sei, die auf den Namen seiner Mutter laute und die bereits 40 Mitarbeiter habe – ein Schelm, wer sich Schlechtes denkt dabei.

Zum Einkaufen fährt er einmal im Monat auf die griechische Insel Samos, weil es dort einen Lidl gibt und Schweinswürste. In der Ferienanlage „Alizes Villa“ seien etwa 40 Muslime, 30 davon würden Schweinefleisch essen. Das Interview im schönen Kleinasien ist der Heute-Zugang zum Objekt des Interesses dieses Dokumentarfilmes.

Eigens für die Dokumentation gibt’s auch einen Besuch in Kassel. Da fährt Göker mit seinem blauen Ferrari in ein gesichtsloses Hochhauswohnviertel, geht zu einem Fenster im Parterre, erzählt, wie hier die Freunde vor dem Fenster standen, um zu ratschen, wie er hier seine ersten Kunden beraten habe, wie die Mutter mit der Frage, ob er Nutella wolle, gestört habe und er dem Kunden die Mutter als Sekretärin verbraten hab.

Einmal landet er im Helikopter auf dem Firmengelände. Auch Günter Netzer hat seine Aufwartung gemacht. Die Firma hat am Ende über 1000 Mitarbeiter gehabt. Gökers Geheimnis war die Manipulation von Leuten, das Anstacheln des Ehrgeizes, das hat sektiererische Formen angenommen; das wäre vielleicht interessant gewesen, das noch etwas genauer zu sehen, die Entwicklung vom Idealisten gemäss seinen Idolen wie eingangs erwähnt zum despotischen, brutalen Chef einer Firma, der Leute auch mal laut brüllend entlassen hat, so dass es im ganzen mehrstöckigen Gebäude zu hören war. Dieses Gebäude bezeichnen ehemalige Mitarbeiter als einen total überwachten Ort. Göker habe durchaus auch mal mit Eierabschneiden gedroht und sei dafür sogar vor Gericht gezerrt worden sei und habe 2500 Euro Strafe bezahlen müssen.

Mit steigendem Erfolg hat Göker sich in einen Erfolgswahn hineingesteigert, je imposanter die Umsatzzahlen in die Millionen wuchsen, je mehr seine Motivationsmethode Erfolg zeigte. Alle Mitarbeiter immer perfekt gestylt, bei großen Anlässen extrem overdressed, der Wettbewerb um die luxuriösesten Schlitten, Maseratis, Ferraris, Incentive-Reisen nach New York inklusvie Absteigen im Waldorf-Astoria. Wie kann ein Mahatma Gandhi Verehrer zu so einem Luxus- und Verschwendungsmenschen werden?

Seine Philosophie ist eben nicht nur Gandhi, sie lautet auch: das Leben ist eine riesige Torte und ich möchte mehr als nur einen Krümel davon haben. Auch Göker-Abtrünnige kommen zu Wort, die das ganze Getue nicht mehr ausgehalten haben.

Viel Material konnte Stern aus den Imagefilmen der Firma nehmen, in welchem Glanz und mit welcher Glorie simples Verkäufertum hollywoodmässig gehypt worden ist, wie die Stars unter den Verkäufern geehrt wurden; wie in kleineren Versammlungen Göker immer die einen positiv hervorhebt und andere abkanzelt; die Effekte sind ganz klar, sie machen Angst und treiben brutal an. Die fleischlich-persönliche Bindung trieb er soweit, von einigen seiner Mitarbeiter zu verlangen, dass sie das MEG auf den Unterarm gut sichtbar hinter dem Handgelenk sich tätowieren liessen. Eine andere kleine Fortsetzungsgeschichte im Film ist derjenige ehemalige Mitarbeiter, der offenbar so frustriert war von MEG, dass er sich das Tattoo unbedingt wegmachen lassen wollte. Was so einfach nicht ist. Er entschied sich für den Vorschlag einer Kriegerfigur, die dann genau über den drei Buchstaben plaziert wurde, wodurch diese in einen dunklen Sockel umtättowiert werden konnten. So ist MEG nicht mehr lesbar.

Göker selbst hinterlässt in diesem Film durchgehend den Eindruck einer fassbaren Persönlichkeit, die einem nach den knapp 90 Minuten wie vertraut vorkommt, vielleicht auch dank seiner zielgerichteten Präsenz, denn er hat in jeder Sekunde seine Wirkung und sein Image im Sinn. Er hat immer sein Ziel vor Augen. In diesem Film also: sich positiv darzustellen. Sebst wenn er als Figur viel komplexer ist. Die Negativseiten werden nicht verheimlicht.

Nur wenig ist über sein Privatleben zu erfahren. An einer Stelle beschreibt ihn einer seiner Mitarbeiter, für ihn komme an erster Stelle die Firma, an zweiter Stelle die Firma, an dritter Stelle die Firma und dann seine Mutter. Der Vater ist vor einigen Jahren gestorben. Das dürfte eine nicht verheilte Wunde sein, ist aber auch kein weiteres Thema im Film. Bei einer der oscarähnlichen Ehrungsveranstaltungen kniet Göker plötzlich auf der großen Bühne vor einem Mitarbeiter nieder, hält ihm einen Ring entgegen und fragt ihn, ob er sein Mann werden möchte. Im Swimming-Pool in Kleinasien erwähnt er das als einen Teil seiner Glückes, dass er hier mit seinem Freund zusammen sein könne. Mehr gibt’s dazu nicht.

Er ist ein Menschenmanipulator, er versteht es, seinen Mitarbeitern das Gefühl zu vermitteln, sie seien Bestandtteil einer „geilen“ Geschichte und das versucht er auch in diesem Dokumentarfilm zu bewirken; seine Faszination ist nicht zu leugnen.

Ausgiebig kommt der Kasseler Ferrari-Händler zu Wort, das sieht zum Teil eher nach Füllmaterial aus. Der weint noch einer Anzahlung von 50’000 Euro hinterher.

Ein Ex-Mitarbieter wurde der Revoluzzer genannt. Der ist heute Fußballtrainer. Der hat sich als einziger getraut, Göker zu widersprechen. Göker selbst scheint sich in absolutistische Höhen hinaufkatapultiert zu haben, wo er keinen Widerspruch mehr duldete. Diese Entwicklungen präziser herauszuarbeiten, hätte dem Film durchaus gut getan und hätte ihn fürs Kino attraktiver machen können.

So haben wir vor uns eine ordentliche, ordentlich geordnete Materialiensammlung zum Fall Göker. Gut sortierter Wühltisch.

3 Antworten zu “Versicherungsvertreter – Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker”
  1. Versicherungsvertreter - Mehmet E. Göker und die MEG-Story sagt:

    […] Filmjournalisten: Versicherungsvertreter – Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker […]

  2. Quassler71 sagt:

    Schon lustig zu sehen, wie man als Krimineller neben einer eigenen Homepage

    Mehmet Göker gibt jetzt Verkäuferkurse

    auch noch einen WIkipedia-Eintrag bekommt..

  3. Stefe sagt:

    Steht irgendwo geschrieben, dass Kriminelle keine Website haben dürfen? Die Deutsche Bank, Volkswagen, die haben doch alle auch eine Website und einen Wikipedia-Eintrag.

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