Sen Kimsin – Wer bist du?

Tekin vom Detektivbüro Gipfel (und nicht Zipfel, wie er so oft missverstanden wird, bis er sich selbst irrtümlich als solcher vorstellt, und er leidet drunter!) ist ein Unglücksrabe und Privatdetektiv dazu. Statt Geldfälscherbanden dingfest zu machen, zündet er eher so ganz nebenbei und ungewollt das Hotel an, in dem sie sich treffen. Er wird gespielt vom türkischen Comedien Tolga Cevik, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat. Die Regie führt sein Co-Autor Ocan Aciktan. (Im türkischen Original heißt die Detektei „Zirve“ = Gipfel; wird dann aber als „Kirve“ falsch ausgesprochen, was den Beschneidungspaten bezeichnet).

Tekin hat einen Partner, es ist Ismail, der ist rundlicher, älter, gemütlicher und auch etwas langsamer von Begriff. Sie selbst nehmen sich an einer bestimmten Stelle ihres Auftrages vor, den guten und den bösen Polizisten zu spielen; aber statt dessen landen sie in den Kostümen von böser Stiefmutter aus Schneewittchen und des sprechenden Spiegels. Denn am Ort ihrer Auftraggeberin, einer sehr reichen Dame und selbst auch Stiefmutter, findet gerade ein Kinderwohltätigkeitsnachmittag für obdachlose Kinder statt. Die Dame haben sie vorher schon kennengelernt. Es ist Suzan, sie kommt angezogen daher wie eine persische Kaiserin aus den 70er Jahren und bangt um die Sicherheit ihrer Stieftochter. Der Fall erweist sich allerdings als verzwickter als ein Märchen der Gebrüder Grimm, bei denen sich die Autoren sozusagen mit einer kleinen Prise bedient haben. Sie haben ja noch andere Vorbilder: Johnny Guitar, ein berühmter Western von Nicholas Ray wird gleich zweimal erwähnt. Da geht es um eine Frau, die ihre eigene kleine Westernstadt bauen will an einer Stelle, wo bald die Eisenbahn vorbeikommen soll. Suzan in der heutigen Türkei hat andere Absichten. Aber Absichten hat sie durchaus mit dem undurchsichtigen Kriminalfall, in den sie unsere beiden Detektive wegen der entführten Stieftochter hineinstolpern lässt. Die Autoren verweisen ferner auf Shakespeare, Sein oder Nichtsein. Auch das eher als lockere Anspielung verstanden

Es gibt filmkomödiengewohnte turbulente Verfolgungsjagden, wenn Tekin mit der hübschen Stieftochter durch die engen Gassen Istanbuls vor den Schlägern flieht. Köstlich die Szene, wie sie von einem Mauervorsprung auf einen Lastwagen voller bunter Plastikbälle springt. Bis der Unglücksrabe Tekin sich überwindet auch zu springen, hat sich leider die Ladeklappe geöffnet, die Bälle sind schon am Rauskullern und er fällt auf den harten Pritschenboden. Doch dann laufen die beiden inmitten der rollenden Plastikbälle die Gasse hinunter, ein Bild am Rande der Poesie, fehlte nur noch, dass es mit Zeitlupe aufgenommen worden ist – das hätte aber dem guten Komödientempo geschadet.

Ein anderes fast poetisches Bild kommt am Schluss, wenn Tekin aus dem Hafen fliehen kann und scheinbar antriebslos vor der grandios erleuchteten Silhouette von Istanbul auf einem kleine Floss treibt. Herrenlos. Antriebslos. Identitätslos?

Wer bist Du, ist die deutsche Übersetzung des Titels. Vielleicht über mehrere Ecken auch ein Identitätssuchfilm. Denn Tekin hat weder Frau noch Kinder und der Vater ist ihm gestorben – auch das ist Gesprächsstoff, ob man den 40. Todestag begehen soll oder nicht, wie es sich im Islam gehört. Wie es sowieso nebst der vielen Action doch vor allem ein Konversationsfilm ist mit genügend Pointen und vielen Themen vom Führerschein über männliche Identität und Beschneidung bis zu getricksten Fernsehaufnahmen.

Das Vorbild dürfte ganz klar Peter Sellers als Monsieur Clouseau sein, der sein stärkstes Echo in der Zeit sich beschleunigenden wirtschaftlichen Umbruches in den 60er/70er Jahren des Nachkriegseuropa hatte, Veränderungen wie sie im Moment wohl die Türkei erlebt. Möglicherweise brauchen solche Filme einen ganz bestimmten gesellschaftlich-wirtschaftlichen Background, vor dem sie im Kino Erfolg haben können.

Nun, Tolga Cevik ist zwar nicht Peter Sellers, aber er hat durchaus Qualitäten mit Minimalgrimmastik und Setzen von Bewegung und Blicken, die einen solchen Film tragen. Am nächsten bei Peter Sellers ist er in dem Augenblick, nachdem er den falschen Schnauzer mit den glatten, herunterhängenden seitlichen Haaren aufgeklebt hat und wie dann der Wind die paar langen, schwarzgefärbten Schnauzersträhnchen auf der einen Seite leicht rauf und runter weht, das ist selber schon wieder wie ein Kommentar zur hoffnungslosen Figur – zur verwirrenden Zeit.

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