Haywire

Manche Szenen, es sind Erinnerungsszenen, lässt Steven Soderbergh leicht braun- oder rotstichig erscheinen. Die Wirkung ist die wie bei manchen Celluloid-Filmen aus den 70er Jahren, alle Farben bis aufs Rot sind raus, aber die Filme haben meist nichts von ihrem Charme eingebüsst, dadurch sogar einen besonderen Reiz erhalten. Oder es ist gar dieses leicht Verblasste, das Soderbergh fasziniert und so beschäftigt er sich zugeneigt und schnell skizzierend in der Art einer kleinen Fingerübung mit dem Genre Agentenfilm, genauer Agentinnenfilm.

Durch die etwas zurückgelehnte Betrachterhaltung fallen ihm viele neue Nuancen auf und ein, so dass es ein pures Vergnügen ist, Gina Carano als Mallory Kane dabei zuzuschauen, wie sie, die abgebrühte Geheimagentin und spezialisiert auf Geiselbefreiungen in aller Welt und für alle Arten von Auftraggebern, plötzlich selber zur Gejagten wird, weil sie als Zeugin aus der Welt geschafft werden soll.

So lässt Soderbergh sie ein großes Streckenpensum als Flüchtige rennen, dass Lola, die einsten rannte, längst der Atem ausgegangen wäre. Er lässt sie mit Michael Fassbender als Paul härteste und hautnahe Mann-Frau Kämpfe ausführen. Richtig schöne Kampfkunst ohne digitale Tricks. Dazu kommt es bei einem Auftrag in Irland, der als Falle gedacht war. Die beiden Agenten, die sich noch nicht kennen, müssen bei ihrer ersten Begegnung gleich so tun, als wären sie ein lang vertrautes Paar. Soderbergh verbirgt sein Ergötzen nicht über ein solches Blind Date, wie es wohl nur in Agentenfilmfantasien denkbar ist. Bald wird Paul Mallory jedoch im gemeinsamen Hotelzimmer grundlos zusammenschlagen. Hört sich brutal an, ist es auch, hat aber durch die Betrachtungsweise von Soderbergh einen distanzierenden Filter dazwischen geschoben. Kommt so als Genrekampf und als Spass am Genrekampf und nicht als dumpfes Reality-TV daher.

Mallory wird von erst nicht näher identifizierbaren Herrschaften verfolgt, muss Heerscharen von Polizisten, Agenten, SEKs entkommen, muss rennen und rennen und über Dächer springen und an Dachrinnen runterklettern, sich auf einen harten Betonboden fallen lassen um dann in letzter Sekunde gerade noch zu entwischen; der Zuschauer bangt um ihren Rücken.

Ihr Vater ist ein bekannter Thriller-Autor, sein Buch „Desert Assault“ ist einmal zu sehen. Er lebt in New Mexiko und ist ihr einziger Vertrauter. Die Geschichte ist nicht neu und ist auch nicht so wichtig. Sie gewinnt ihren Reiz durch Soderberghs Zeichnung aus leichtem Handgelenk heraus. Man sieht den Bildfolgen und den Szenenauflösungen förmlich an, wie es ihm einen Spass macht, es gerade so und nicht anders zu machen, dies und das wegzulassen, was nicht wichtig ist, weil so wie die Szenen im Genre normalerweise laufen, das kennt eh ein jeder, da kann man schon mal was verkürzen, da muss nicht alles ausführlich erklärt werden, da muss nicht jeder Dialog bis in die letzte Silbe hinein verständlich sein, da muss nicht jeder Take gestochen scharf daher kommen, da kann die Tonangel sich wie desinteressiert auch mal wegdrehen. Das aktiviert umso mehr den Zuschauer und mehrt sein Vergnügen.

Interessant ist, dass nebst dem Rising Star Michael Fassbender auch Michael Douglas mit von der Partie ist. Die beiden Typen haben bei allem Generationenunterschied, ein gewisse Ähnlichkeit. Auch Antonio Banders war sich zur Recht nicht zu schön, dem Ruf Soderberghs zu einer eher kleineren Ganoven-Rolle zu folgen, in die er genüsslich schlüpft und Barcelona ist bestimmt kein schlechter Drehort.

Eine Recherche von Soderbergh, was kann den Reiz eines Agentenfilmes ausmachen. Er knallt uns das Movie also nicht möglichst laut, effektbeladen und flächendeckend vor den Latz. Computeranimation? Fehlanzeige. Ist auch gar nicht nötig. Im Gegenteil, er seziert das Genre eher, reinigt es von reizminderndem Tohuwabohu oder Overanimation.

Interessant wäre zum Vergleich „Colombiana“ von Luc Besson herbeizuziehen. Dort hat sich eine Frau aus Rachegründen zur Killerin ausbilden lassen, ist aber im Endeffekt nicht minder eine Gejagte als Mallory hier. Bei Besson war es Zoe Saldana als Catalaya Restrepo, die vor allem durch ihre Katzenhaftigkeit bei Selbstbefreiungsaktionen auffiel, die eher in Richtung Hochglanz-Magazin gestylt war, wie denn Besson sowieso vor allem das Elegante, das Styling zu interessieren schien. Gestylte Katze zwängt sich durch Lüftungsschächte oder Gefängnisgitter.

Soderbergh scheint sich mehr für den Menschen zu interessieren, allerdings noch vor der Grenze zum Melodramatischen. Man kriegt kein Mitgefühl mit Mallory. Man wundert sich eher über sie, wie so eine Frau, die gar nicht der kalte Killertyp ist, so einem Business nachgeht, das aber in aller Coolness und voll professionell. Aber sie ist keine kalte Frau, obwohl sie praktisch durch Abwesenheit jeglicher demonstrierter Erotik und Verführbarkeit durch Erotik charakterisiert wird, ist sie nicht unnahbar. Sie ist eine auf ihre Aufträge konzentriert Frau, ein auf seinen Job konzentrierter Mensch. Wobei die Frage wäre, ob sie denn überhaupt interssieren würde für ein Psychogramm. Oder die Frage, ob diese Frau für Soderbergh so eine Art Spielball ist, dass es ihm Spass macht, sie richtig schön technisch kampffighten zu lassen, sie dann aber wieder mit einem Kopftuch zu zeigen oder mit einer gehäckelten Schlägermütze, unikumshaft.

Zum Vater flieht sie zurück nach Überstehen fast alles Gefahren, der villenähnliche Wohnsitz ist ein schöner Ort für den semifinalen Count-Down und ihr Vater, Bill Paxton, spielt den weltfremden Autor, der garantiert von nichts eine Ahnung hat und kein Wässerchen trüben kann.

Es scheint, als liesse Soderbergh vor seinem inneren und für unser Kinoauge das Agentengenre locker erzählt oder teils nur angedeutet Revue passieren. Leicht angerichtet. Wobei zu fragen bleibt, wie weit er ihm damit auf die Spur kommt. Die deutsche Synchronisation wurde ohne Berücksichtigung dieser neugierigen Haltung Soderberghs quasi stoff- und genreneutral, sprich routiniert, geliefert. Und mindert als einziges Ingredienz den Genuss.

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