Die vierte Macht

Das Kino hat die Welt nur verschieden interpretiert, aber es käme darauf an, sie zu verändern. Das ist vielleicht die These, die Dennis Gansel mit diesem Film zum Ausdruck bringen will, denn ein zentraler Satz der geistigen Auseinandersetzung, die momentweise in diesem Film aufflackert, ist von Marx „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern“.

Im Zusammenhang mit der Veränderung geht es noch um die Macchiavellische These von der begrenzten Berechtigung von Terror. Ausführlich wird das allerdings nicht behandelt in dieser filmischen Schulstunde zum Thema Terror von Dennis Gansel, der auch das Drehbuch geschrieben hat, aber es kann Anlass zu Diskussionen geben.

Es geht um einen westdeutschen Journalisten, Paul Jensen gespielt vom gut gefallenden Moritz Bleibtreu, der in Moskau beim „Moskau Match“ die Gesellschaftsspalte beleben soll.

Gansel führt die Geschichte launig und mit leichter Hand ein mit Dialogen die deutlich souveräner sind als die üblichen Fernsehdialoge, die nur allzugerne im subventionierten deutschen Kino ihr Unwesen treiben.

Jensen ist der Sohn eines bekannten Recherchejournalisten, der in Russland bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Es wird sich später herausstellen, dass der Vater von Jensen einer heißen Sache auf der Spur gewesen ist und außerdem leidet Jensen, das verleiht der Figur von Moritz Bleibtreu zusätzliche Glaubwürdigkeit, unter einem Vaterproblem, dass er ihn viel zu wenig gekannt habe, viel zu wenig gesehen habe.

Jensen Junior gerät sehr schnell von der Gesellschaftsspalte über Partys in schlimme Verwicklungen, die mit tschetschenischem Terror zu tun haben und er landet unversehens im Gefängis, keine ersprießliche Angelegenheit in Moskau. Gansel nutzt die Situation zu harter Schilderung der Aussichtslosigkeit in so einem Knast, in dem ein Dutzend Männer auf engem Raum zusammengepfercht die Tage verbringen müssen. Aber hier erfährt Jensen mehr über seinen Vater.

Eines Tages wird ihm in Aussicht gestellt, dass er ausgeflogen wird. Er merkt aber, dass die beiden Herren, die ihn in einer schwarzen Limousine vom Knast zum Flughafen bringen sollen, ganz woanders hin fahren. Er riskiert die Flucht. Die gelingt ihm vorerst auch; aber er gerät damit in etwas hinein, wie wir es eher von Kinderabenteuergeschichten her kennen. Ihn zieht es zur Wohnung seiner verstorbenen Vaters. Auf einem Foto erkennt er eine Spur, die zur Geschichte seines Vaters führen wird, genauer zu dessen Vermächtnis. Hier wechselt das Genre des Filmes zum Kinderabenteuerfilm, der dann auch gut ausgehen wird.

Moritz Bleibtreu versucht von dem Moment an die sich einschleichenden eklatanten Mängel von Drehbuch und Handlung, aber das ist eine eher subtile Beobachtung, zu deutlich mit überartikulierten emotionalen Grundhaltungen seiner Figur aufzuwiegen: Neugier, Schock, Überraschung, Geleide alles ganz groß und deutlich gespielt, damit auch jeder es versteht.

Mir scheint unentschieden, ob Gansel nun einen Film zu den Thesen von Marx und Macchiavelli machen wollte oder einen richtigen Politthriller. Klugerweise hat er das Drehbuch aus der Position der Bleibtreu-Figur geschrieben, dem man gerne zuschaut.

Film für den Schulgebrauch. Samt Versuch einer aktuellen Schilderung Russlands; das stärkt die Befürchungen, wie das dort nach der erneuten Wahl Putins weitergehen soll. Denn ein schönes Bild von Russland zeigt uns Gansel nicht. Allein das setzt schon Gedanken in Gang, dass uns unsere Demokratie, die doch nicht ganz so korrupt und verfilzt ist wie die russische, es wert sei, erhalten zu werden, eine Demokratie, mit der man jedenfalls noch ohne terroristische Mittel miteinander umgehen kann.

Details. Barfuss-im-Schnee-Schikane der Gefangenen.
Der Typ im Gefängnis, genannt Vögelchen, der zum Selbstmord gezwungen wird.
Die Finger des Geheimdienstes, die bis in die Redaktion von Moskau Match hineinreichen. Denn Jensen hatte in der Klatschspalte ein Gedenkbild an einen engagiert recherchierenden Journalisten untergebracht.
Er wurde von seiner Freundin Katya denunziert, weil sie damit ihren und ihres Bruders Hals aus der Schlinge ziehen konnte.

Wie er nach der Flucht aus der Limousine und dem Verfolgen eines dubiosen Typen Katya in der leeren Wohnung findet, wie sie sich aussprechen, da wird viel hyperventiliert um die Gefahr herum, um die kritische Situation zu verdeutlichen. Schicke Wohnung der Freundin von Katya, in der sie sich verborgen halten können, mit dem großen Wandaquarium.

Ein sehr merkwürdiger Moment, wenn er zu Katya sagt, Moment, er müsse noch in seine Wohnung, wo offenbar auch viele Dinge von seinem Vater sind, er müsse noch was überprüfen. Das setzt das „Kinderabenteuer“-Geschichtsmodell in Gang. Er findet das Foto von seinem Vater, der die Hand in eine bestimmte Richtung hält. Wie im Kinderabenteuerfilm weiß Jensen sofort, dass der Vater ihm damit ein Zeichen, einen Hinweis geben wollte. Und wie im Kinderabenteuer-Film wird Jensen auch fündig. Findet die CD mit den Recherchefunden seines Vaters, weswegen dieser vermutlich “bei einem Unfall“ ums Leben gekommen sei.

Es ging um einen Anschlag von 1998, der tschetschenischen Terroristen zugeschrieben wurde, das mächtige Zusammensacken eines Teiles eines riesigen Hochhauses wurde schon früh im Film gezeigt, wofür jedoch russische Dienste zuständig waren, denn die erste Reaktion auf den Anschlag war eine Verschärfung der Sicherheitsgesetze. Insofern ist der Film als genereller Beitrag zur Terrorismusdiskussion zu sehen, der ein schönes Modell vorführt, wie die Voraussetzungen zur Verschärfung von Sicherheitsgesetzen geschaffen werden können. Gerade war in den Zeitungen zu lesen, ein Komplott gegn Putin sei jetzt kurz vor den Wahlen aufgedeckt worden. Ob Taliban oder Tschetschenen, Al Quida oder Hamas, jeder Anschlag wird immer zur Verstärkung von Sicherheitsgesetzen genutzt – und nicht nur in Russland.

Auf dem Foto also der Hinweis auf den Spind. Der war tatsächlich noch da. Und den Fotografen finden sie auch, den haben sie zuerst entdeckt und der konnte zeigen, wo der Spind sich befindet und im Spind findet sich die CD. Die CD war unter das Deckpapier der ersten Innenseite des Kapitals von Marx geklebt.

Für den Schulunterricht hervorragend pädagogisch präpariertes Kino. Und in diesem Rahmen unterhaltsam.

Sentimental in diesem Zusammenhang, dass der Vater, der offenbar wusste, dass sein Sohn die Hinterlassenschaft finden würde, das ist wirklich so eine vollkomen aus heiterem Himmel erfundene Erfindung des Drehbuches, schreibt, „Paul, mein Junge, hätten wir doch mehr Zeit miteinander verbracht“. Bleibtreu darf dazu sagen, er wollte, er hätte ihn besser gekannt. Hier werden Löchrigkeiten im Drehbuch deutlich, darum wirkt der Satz hier wie herbeigezaubert, weil Gensel nicht radikal genug war, als den Hauptkonflikt von Jensen wirklich dessen Vater-Verhältnis zu nehmen und radikal durchzuziehen, der eben in jeder Sekunde seine Wirkung tut und dann so ganz nebenbei seine politische Hauptmessage zu verpacken; hier ist er eher dekoratives Beiwerk, was dem Bleibtreu zwar gut steht, aber wenig zum Schulstoff oder zur Spannung des Filmes beiträgt.

Auch der Satz von Katya, sie könne nicht weg, solange Andrej im Gefängnis sei, hört sich sehr nach Fernsehseriensauce an. Ruf an, wenn Du in Deutschland bist.

Die Menschen haben ein Recht auf Wahrheit. Den Satz muss Gansel dem Jensen in den Text schreiben. Es braucht aufrechte Verfechter der Demokratie.

Sehr in die Länge gezogen der lange Weg vom Privatjeteingang am Moskauer Flughafen durch die Kontrollen, die Sicherheitsschleusen, an den MP-bewaffneten Soldaten überall vorbei – der Weg zur Freiheit kann unendlich lang und nervtötend sein.

Jensen schafft es, dass die Rechercheergebnisse seines Vater veröffentlicht werden, da verfügt er plötzlich über ein prima agentisches Geschick im Täuschen und Hintergehen all der falschen Figuren an Machtpositionen, die eine Veröffentlichung mit allen Mitteln verhindern wollen (aktuelles Beispiel: der Report über den Zustand der neuen Bundesländer); auch da folgt Gansel eher einem bewährten dramturgischen Prinzip, gerne auch aus amerikanischen Filmen, in denen die Freiheit, der Freiheitsgedanke, das Demokratische Prinzip siegt, und er verändert seine Figur schnell mal, stattet sie mit Eigenschaften aus, die ihr vermutlich vom bisherigen Verlauf des Filmes und auch vor dem Hintergrund des Vaterskonfliktes, des nicht ausgetragenen, nicht unbedingt eigen sein würden.

Da würde es mich nicht wundern, wenn der Zuschauer intuitiv empfindlich reagiert, erst recht, wenn Figuren auf eine Art doch recht plausibel eingeführt worden sind, hier eher der zwar rechtschaffen denkende, aber nicht gerade die Welt verändern wollende Jensen; nein, es ist eben nicht klar, wie weit der Apfel vom Stamm gefallen ist oder ob diese Distanznahme durch den Film vorgenommen wird. Denn der Sohn scheint von Anfang an mit sich im Reinen, es gibt keinerlei Hinweis auf einen Konflikt, weder einen latenten noch einen ungelösten mit dem Vater. Jensen scheint vielmehr aus demselben Holz geschnitzt, nicht ganz so widerstandsfähig und auch nicht ganz so aktiv dem Demokratiegedanken verhaftet.

Auch die Frage, wenn er schon aus demselben Holz wie der Vater geschnitzt ist, warum akzeptiert er dann die Versetzung nach Moskau und dort ausgerechnet zur Gesellschaftsspalte? Das Verhältnis dazu wird uns nicht vorgestellt, dabei wäre gerade das die Chance gewesen, einen Konflikt, der mit dem Grundkonflikt von Jensen zusammenhängt, aufzuzeigen. Dass es ihn wurmt, dass er ein Problem hat damit, das macht keiner so einfach, der ernsthaft Politjournalist ist und plötzlich soll er über die neureichen Russen und zwar hofbericherstatterisch leichte Texte schreiben. Er ist aber auch nicht so charakteriseirt, dass er ein Hans-Dampf-in-allen-Genres sei. Diese Leichtigkeit schreibt ihm Gansel nicht zu.

Der Film düfte seinen größten Erfolg in der Schule habe in Fächern, die mit politischer Bildung zu tun haben. Dafür bietet er Anlass für genügend Diskussionen.

Frühe Russlandschilderung bei einem Empfang, das sei die Bürgermeisterin von Moskau, die jede Menge Verfahren am Hals hätte, aber trotzdem die größte Bauunternehmerin sei
Die generelle Warnung vor russischen Frauen.
Es ist nicht ganz klar, wo sich das alte vollgestopfte Büro von seinem Vater befindet. Aber wahrscheinlich ist es ein Zimmer in der Wohnung, die Paul zugewiesen wurde.

Verwunderlich auch, warum Paul überhaupt nach Moskau geschickt worden ist, wenn doch sein Vater schon aus dem Weg geräumt worden ist; es wird nicht klar, wer daran ein Interesse haben könnte.

Sogenannter Wahrheitssatz: bei den Taliban, bei den Tschetschenen, es gehe dabei nur um Geld und Oel (vielleicht hat Gansel den Satz in dem Moment geschrieben, als der Bundespräsident Köhler auf dem Rückflug von Afghanistan Ähnliches „schwadronierte).
Macchiavelli und das Recht auf Terror.

Vielleicht war das der Fehler von Gansel, dass er zuviel aufs Mal wollte, dass er zuviel an den Schulunterricht und die Diskussion über Marx und Terror und Macchiavelli gedacht hat und dadurch die Figur Jensen nicht genügend seziert hat; womit er doch viel weiter gekommen wäre, womit doch alles viel deutlicher zutage zu fördern gewesen wäre; aber vielleicht hätte die Handlung dann einen völlig anderen, nicht den für den Schulunterricht kalkulierten Thesen- und Themenverlauf genommen.

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