Trans Bavaria

Der Film zeigt sehr schön, dass es eines ist, eigene biographische Erlebnisse in einem Bilderbogen sympathisch zu verarbeiten und dass es ein anderes wäre, aus den biographischen Erlebnissen ein Drehbuch zu bauen, was Hand und Fuß hat und somit über den biographischen Wirkkreis hinaus Interesse erwecken und Bedeutung erlangen könnte.

Konstantin Ferstl, der Autor und Regisseur dieses Filmes, hat sich für erstere Lösung entschieden.
Er hat eine ganze Menge Schauspieler engagiert, viele bekannte Gesichter aus dem Bayerischen TV-Biotop – und sie kommen gar nicht gut weg bei ihm. Sie müssen sehr hölzern und fassadenhaft agieren, denn sie bilden den unangenehmen biographischen Heimatrahmen, in dem seine Hauptfigur, Quirinalis, sich unwohl fühlen muss, sich als Außenseitervorkommen soll, dass er das Gefühl bekommt, er sei anders als die anderen, denn dieses Gefühl wird auch der Anlass für die Reise sein, die er unternehmen wird.

Quirinalis begeistert sich aus diesem Ungutgefühl seiner Heimat gegenüber für revolutionäre Ideen. Die Geistes- und Bildungswelt eines jungen Menschen zum Zeitpunkt des Abiturs ist sein Horizont; es ist auch der geistige Horizont des Filmes, der Horizont, der im Leben eines Menschen als der weiteste gilt, denn durch die konkrete Entscheidung auf ein Fach- und Studiengebiet wird er sich gezwungenermaßen wieder einengen. Es ist der Moment im Leben, wo der Mensch alles weiß und noch nichts kann, extrem gesagt, das scheint auch ein bisschen auf den Macher dieses Filmes zuzutreffen, vielleicht sich ganz in die Welt seines Protagonisten hineinversetzend.

Da der Darsteller des Quirinalis vom Casting her kein komplizierter, sondern ein gradliniger, ja geradezu ein total angepasster Typ ist, muss mit der Besetzung der Chargen um ihn herum entsprechend krud umgegegangen werden, damit überhaupt ein konflikt- und damit handlungsauslösender Gegensatz aufscheint. Sonst wäre nicht zu verstehen, warum Quirinalis ausgerechnet die Verteilung der Abiturszeugnisse mit revolutionären Parolen aufzumischen versucht und von den Dorfautoritäten zur Rede gestellt mit einem Satz antwortet, der ihm beigebracht worden ist: sich fügen heiße lügen. Insgesamt kommt dieser Aufmischversuch sehr naiv, eher wie ein Schülerstreich daher, denn es wurde vorher keine Auseinandersetzung gezeigt, die diesen Auftritt nötig gemacht hätte. Auftritt ohne Vorgeschichte. Respektive als Vorgeschichte blättert Ferstl filmisch das Fotoalbum von Quirinalis’ Jugend durch – mit unerhörtem Personalaufwand bis zur Feuerwehr, gibt aber trotzdem keinerlei Anhaltspunkte für eine Begründung für den Aufttritt. Vielleicht unterlag der Jungregisseur dem Irrtum, großer Drehaufwand sei gleichbedeutend mit großem Kino und seine Hochschule, die Filmhochschule in München, hat es versäumt, ihn darauf hinzuweisen, dass Drehaufwand allein noch kein zwingender Paramter für großes Kino sei, dass die Größe von Kino doch eher im ganz exakten Herausarbeiten eines Problemes und seiner Folgen bestehe. Das wurde hier allerdings nicht geleistet.

Jedenfalls will Quirin nach der gestörten Feier ausbrechen aus dem Dorf. Er hat beim Pinkeln auf einer Wandzeitung gelesen, dass Fidel Castro auf dem Roten Platz in Moskau eine Rede halten wolle. So mobilisiert er seine beiden Kumpels Joker und Wursti. Mit dem Metzgereiauto von Wurstis Vater brausen sie los gen Osten. Auf dem Auto steht ein weißes Plastikschwein. Verwunderlich, dass sich die jungen Roadmovieleute dessen nicht schämen, auch im Osten nicht.

Sicher, die Reise soll eine Reise zu sich selbst werden. Eine solche hat wohl der Regisseur selbst einmal gemacht. Und sich daran erinnert. Dadurch kommen immer wieder durchaus schöne Momente und Situationen zustande, in denen er sich Zeit lässt, die jungen Männer, die man noch nicht so richtig Männer nennen mag, einfach mal dasitzen und Trübsal blasen lassen ohne dass sie weiter wissen; oder er macht ne große Nummer aus dem Gestank, der sich im Metzgerauto zu den Metzgergerüchen durch die Reisenden noch ausbreitet, sie besorgen Auto-Geruchsbäume, Zeder, Citrone oder was, und schließlich gehen sie hinters Parfüm vom Quirin, was ihn an seine noch akute große Lieb erinnert und ernstlich böse werden lässt. Gerade wenn man versucht, solche Szenen zu referieren fällt auf, wie viel Raum sie einnehmen, wie wenig sie mit dem behaupteten Thema des Filmes, der Reise von Quirin zu sich selbst, zu tun haben, wie sie vielmehr persönlichen Reminiszenz-Charakter haben dürften.

Konstantin Ferstl erschien es offenbar nicht allzu ergiebig ein reines Roadmovie bis Moskau zu drehen, irgendwann erschöpfen sich die Hygieneprobleme mit dem Gestank im Metzgerauto. So lässt er die Jungs in der Ukraine in einem Kloster stranden. Das ist dann eine andere, auch schön träumerische Geschichte, hier finden die jungen Leute, vor allem der Sucher Quirinalis, in Trotta einen deutschsprechenden Ansprech- und geistigen Austauschpartner; so dass er zur Einsicht kommen wird, er habe hier seinen roten Platz gefunden. Was auch zeigt, dass seine beiden besten Freunde und Reisekumpels keine Ahnung von dem haben, was mit ihm vorgeht; der Zuschauer fragt sich, warum er den cigarrenrauchenden Joker und den dicken Wursti überhaupt auf die Reise mitgenommen hat.

Im Kloster gibt’s später eine kleine Feuersbrunst mit einer Feuerwehr, die offenbar nicht ausrücken will und einem nicht gezeigten Löschversuch, jedoch mit dem gezeigten Klau eines Löschwagens, einer Verhaftung von Quirinalis, einem Gaudiauftritt von Trotta und einem Klosterbruder als Gorbatschow, reiner Studentenscherz würde man sagen. Hier hat die Geschichte den Faden verloren. Und wird dann urplötzlich wieder aufgenommen, mit der Behauptung von Quirinalis, er habe jetzt gefunden, was er gesucht habe, was wissen wir immer noch nicht, und dass er nicht mehr bis zum Roten Platz reisen müsse und wieder nach Hause kehren könne. Also bittschön, ein bisschen genauer hätte man uns das schon mitteilen können, was genau jetzt mit Quirinalis los war, was sich in seinem gesammelten Schweigen so alles getan hat.

Ging dann jedenfalls ganz schnell. Und wie das Trio wieder zuhause in Bayern ist und noch merkwürdige Texte zum Abschluß den Abschluß hinausdehnen, entsteht der Eindruck, dass es eher um das sentimentale Portrait, einen Portraitversuch eines Künstlers als eines jungen Mannes gehe, der sich aber letztlich in sentimentalen Sehnsüchten verformuliert und zu keinem konkreten Ergebnis kommt. Das ist eine Folge davon, dass der Autor dachte, mit seinem Erfahrungsschatz reichts schon für einen Kinofilm und er brauche also nicht unseren Protagonisten ganz klar mit seinem Hauptproblem und seinen Charaktereigenschaften oder deren Mangel vorzustellen, könne uns dieses vorenthalten, könne also darauf verzichten, diese zu analysieren und die Charaktermerkmale zu präsentieren, die dann die chemischen Reaktionen hervorrufen, die die Geschichte vorwärtstreiben und spannend und für ein größeres Publikum verkäuflich machen könnten. Quirinalis ist letztlich nur eine armselige Figur, die sich anders fühlt als andere, die mehr sein will, aber das nicht beweisen kann. Romantische Überhöhung des Selbstgefühls, Künstlerberufung, ist es das, was dieser Film formulieren will, ich spüre, da ist was, aber ich weiß nicht genau was? Eines Selbstgefühls, das sich mit revolutionären Ideen in die Höhe schraubt. Hätte also alle Voraussetzungen für eine falschen Pfaffen beispielsweise.

Cineastisch gesehen kommt die Story in recht krakeliger Schrift daher; und so richtig ausbüchsen aus dem Versuch konventionellen Erzählens in Richtung eines Achterbusch beispielsweise, das traut sich Ferstl dann auch nicht.

Bildungshorizont: Trotta gibt ihm ein Buch von Josef Roth. Und lässt dann Goisern spielen.
Die pathetischen Beteuerungen am Schluss „wir waren, wir sind und wir werden sein“ (Ironie oder Ernst?), „wir schaffen das schon“. Was? Den Erfolg im Kino? Den Durchbruch? Mei, wie aufgeblasen.
Ambition des Machers und Qualität des Produktes klaffen weit auseinander.

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