Exquisites Kino aus England.

Der White Collar und das Tier in ihm. Der erfolgreiche Geschäftsmann und Sexmaniac, der verdammt gut aussehende und ebenso spielende Michael Fassbender als Brandon Sullivan, der vollkommen durcheinander gerät, wie seine selbstmordgefährdete Schwester, die umwerfend filmschöne Carrey Molligan als Sissy Sullivan, zu ihm in seine elegante New Yorker Wohnung zieht; die Geschwister die sich wieder zanken werden wie in New Jersey, wo sie aufgewachsen sind.

Sie ist Sängerin und behauptet, kein Geld von ihrem Bruder zu brauchen, der ein erfolgreicher Geschäftsmann ist in einem Geld-Business, in dem es Zynismus-Seminare für die Mitarbeiter gibt, die lehren, was man seinen Kunden besser nicht sagt, auch wenn man es denkt.

Allein wie Steve McQueen, der Regisseur, der mit Abi Morgan zusammen das Drehbuch verfasst hat, Sissy in einer Bar-Szene den bekannten Song „New York“ singen lässt, erzählt alles über die subtile, wenn nicht am Rande der Subversivität anzusiedelnde Inszenierungsart von Steve McQueen. Sie singt es deutlich einen Tic zu langsam. Die Kamera bleibt die ganze Szene nur auf ihrem rundlichen Gesicht mit den roten Lippen, dem blonden Haar. Als ob sie den Song neu entwickle, sie drückt also gar nicht kopierend drauf, nicht in der leisesten Intention den Song oder dessen Text zu toppen, sie singt ihn eher in sich und ihn hineinhörend aus sich heraus. Ein sagenhafter Non-Show-Show-Auftritt. Und dies nur als ein Beispiel. Mit einem respektvoll-retardierenden Moment gewissermassen. Und sie singt es sehr lang. Sie als Frau ist schließlich das Objekt männlicher Begierde. Um die geht es hier und von dieser handelt der Film, der ein pointiertes, äußerst sorgfältig gemachtes, hochsensibles Portrait eines solchen Büromenschen, der nebst geschäftlichen Erfolgen nur den Sex im Kopf und im „versifften“ Computer und in Zeitschriftten und Magazinen in den Schränken hat. Und der schnell mal eine Frau für einen Tausender kommen lässt. Der in der U-Bahn das Anbandeln nicht lassen kann. Wie sich Steve McQueen allein dafür Zeit lässt. Wie er die Komparsen führt, dass man wirklich glaubt, sie sässen schon seit mehreren Stationen in ihren inneren Monolog versunken da, bis irgendwann eine Frauensfigur den Blick von Brandon erwidert; vielleicht ist der Name nicht zufällig gewählt, scheint mir doch der Film ein fernes, leises, aber für heutzutage zeitgemäßes Echo auf Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris“ mit Marlon Brando in der männlichen Hauptrolle zu sein. Am Vergleich der Filme lässt sich ganz gut ablesen, wie die Zeiten sich geändert haben. Und die Männer mit ihnen.

Einmal lässt Steve McQueen als Kompensationshandlung seinen Protagonisten durch New York joggen, auch das eine ellenlange Zeit; Fassbender hat einen wunderschönen, fast grazil-harmonisch zu nennenden Gang drauf, wie er die Füsse weit nach hinten schleudert nach dem Auftreten, wie McQueen ihn dann endlich am Eingang einer Metro-Station an Ort treten lässt bis die Ampel auf grün schaltet und ihn dann aus dem Bild laufen lässt.

Oder das Date mit Marianne, gespielt von Nicole Behari, in einem feinen Lokal, wie sie das Gespräch auf Beziehungen bringen möchte und wie der Kellner ständig wieder dazwischen kommt, weil er noch was zum Wein zu sagen hat und ob man schon gewählt habe und wie Brandon voll überfordert ist mit den Ansprüchen von Marianne und dann noch vom Kellner dazu, immer wieder eine Wahl zu treffen. Verantwortungsunfähig.

Ebenso bringt ihn der lustige Abend mit seinem Chef David in die Zwickmühle, der dann mit seiner Schwester im Bett landet. Oder wenn seine Schwester mit ihm ein ernstes Gespräch führen möchte und im Hintergrund läuft ein lustiger alter Zeichentrickfilm. Wie er sich nach einer Anbandel-Flop-Nacht sogar in einem Schwulen-Club von einem Typen einen blasen lässt. Oder eine Schreck-Szene bei einer U-Bahn-Fahrt. Die U-Bahn stoppt, aber die Türen gehen nicht auf. Alle Passagiere dürfen nur geführt durch eine Tür aussteigen. Im Hintergrund auf dem Bahnsteig Polizei-Absperrband, ein Personenunfall. Man befürchtet das Schlimmste.

Ein Film, in dem alles stimmt, die großartige Besetzung, die Auflösung der Szenen, die Auswahl, was zu zeigen, was nicht; man kriegt immerhin mit, dass Brandon gut bestückt ist zum Beispiel. Aber dann sitzt er wieder wie am Rande des Bildes, das vor allem von einem großen weißen Heizkörper ausgefüllt wird, wie eine vernachlässigte Kreatur, die ihren inneren Konflikt absolut nicht lösen kann.

Ein Film, der von Anfang an fesselt, der ein mögliches Röntgenbild eines Teiles unserer modernen Gesellschaft bis in die feinsten Fasern hinein spannend auf die Leinwand wirft. Mit ganz dezenter Pianomusik, gelegentlich Bach-Improvisationen unterlegt, damits nicht zu schwer wird mit diesem schweren Problem mit der Männlichkeit.

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