Safe House

Ziemlich früh im Film gab es einen Moment, der hat mich hellwach werden lassen. Nicht dass mich die Einführung unbeteiligt gelassen hätte; sie nimmt den Zuschauer an der leichten Hand; lässt ihn mit ineinandergeschnittenen Szenen die beiden Protagonisten kennenlernen. Da ist Ryan Reynolds als Matt Westen, ein CIA-Nachwüchsler, der in Südafrika ein sogenanntes „Safe House“ des Geheimdienstes bewachen muss, für einen ambitionierten Mann ein erniedrigender Job. Denn nur das Freizeitleben mit seiner französischen Freundin, die von seinem Beruf nichts weiß, füllt ihn nicht aus. Auf der anderen Seite ist Denzel Washington als Tom Frost ebenfalls in Südafrika zugange. Er hat sich seit zehn Jahren aus dem CIA zurückgezogen; ihn interessiert nur noch der Handel mit geheimdienstlichen Erkenntnissen und der Profit daraus ohne Ansehen der Käufer. Und da er einst ein Top-Spion war, ist wohl klar, dass er über brisantes Material verfügt, hinter dem mehr als nur seine ehemaligen Dienstherren her sind, in schwarzen Vehikeln wie in Agentenfilmen auch finstere Gestalten mit gefährlichen Bärten und strengen Mienen und schießbereiten Maschinengewehren auch wie in Agentenfilmen.

Die beiden Protagonisten werden sich bald begegnen. Nach wenig Vorgeplänkel mit Schießereien und Verfolgungsjagden durch Kapstadt mit einigen Leichen bleibt Frost keine andere Möglichkeit mehr als die Flucht in die Höhle des Löwen: in die amerikanische Botschaft.

Das alarmiert Lengley, die CIA-Zentrale, und schon sitzen „Interview-Spezialisten“ im Flugzeug nach Südafrika. Matt Westen bekommt in seinem öden Safe House einen very important Gast. Hier wird bald dieser Moment folgen, in dem in meinem Kopf eine Hochrechnung losging, wie CIA-kritisch kann den so ein Film sein?

Bis jetzt war aber der einen am stärksten anatmende Eindruck der von „Männern“, schön, kräftig, aus der Nähe, dass man ihre Regungen mitkriegt, ihre Konzentration und Nervosität oder ihre Abgeklärtheit, ihre Anspannung; Männertum, Männlichkeit, was zu transportieren ein Agentenfilm sowieso ein ideales Vehikel ist. Männer in Gefahr, Männer mit Mut, Intimkampf zweier Männer im Fluchtauto, der eine mit Handschellen gefesselt, das ist schon atemberaubend intim – Luftröhrenquetschen gegen Kofferraumeinsperren, Männer mit Verwegenheit, Männer, die ein großes Risiko eingehen. Männer am Puls der Zeit (das wäre doch der Traum, der hier dann doch nicht ganz in Erfüllung geht), Männer, die an Grenzen stoßen.

Jedenfalls bringt Lengleys Alarmismus die beiden Männer zusammen, Frost als Gast bei Westen, der nur ungläubig zur Kenntnis nehmen kann, wie ihm da geschieht. Er hat das Verhörzimmer ordentlich hergerichtet und schon sind die Besucher da. Jetzt wird der berühmt-berüchtigte Westen gefesselt hereingeführt. Washington sieht hier aus wie eine Mischung aus Smiley und Onkel Tom, mehr klug und weise und alles kennend als raffiniert durchtrieben, also den Geschäftsmann, der zynisch nur des Geldes wegen mit Geheimnissen handelt, den nimmt man ihm nicht so ganz ab; das macht aber vielleicht gerade den Reiz dieser Besetzung aus. Die so entworfene und dargestellte Figur wird dann zwar später im Film zu einem Problem, auf das noch einzugehen sein wird, ist aber im Moment interesse- und spannungsfördernd, denn sein Gegenüber, das Greenhorn Westen ist wirklich sehr naiv, sowohl sein Weltbild als auch die Erfahrung betreffend.

Jetzt folgt der Anfang des Verhörs. Da schnell evident wird, dass Frost nicht gedenkt zu reden, wird das Water-Boarding vorbereitet. Das ist diese Szene, die mich elektrisierte. Denn sie ruft die ganzen unsäglichen News der letzten zehn Jahre in Erinnerung über den absurden „Krieg gegen den Terror“ von Bush und Konsorten mit den illegal Renditions über die Auslagerung von Verhörgefangenen in Diktaturen, was Obama heute mit leicht veränderten Mitteln, vor allem Menschenjagd mit Drohnen in aller Herren Länder weiter führt.

Die Folter-Szene ist bemerkenswert aufgelöst. Sie wird mental vorbereitet, indem eine Diskussion über die Dicke der Handtücher zwischen Frost und seinen Verhörern stattfindet, weil jener moniert, die seien zu dünn, zu leicht und würden so nicht den gewünschten Effekt herbeiführen: das Gefühl zu ertrinken. Dann wird ihm das zu dünne Handtuch über den Kopf gelegt. Der Eimer Wasser ist hinter seinem Kopf in Bereitschaft. Der Kopf wird nach hinten gedrück. Wasser darüber geschüttet. Westen darf hinter Beobachterglasscheiben angstvoll fragen, ob das legal sei. Frost schluckt und prustet und erstickt schier. Wie die Peiniger nachlassen, wundert er sich nur, wieviele Sekunden es denn gewesen seien. Das wars dann aber schon mit dem aktuellen Bezug und allfälliger Kritik in diesem Film.

Der Rest ist – zeitgemäss sind die begehrten Daten auf einem kleinen Datenträger aufbewahrt – übliche, gut gemachte Geheimdienststory mit einer fetten Überdosis an Verfolgungsjagden und Schießereien, filmaltbekannte Verdorbenheit des CIA bis ganz hinauf. Das tut keinem weh, das ist so pauschal dargestellt, dass das eine x-beliebige Geschichte sein könnte.

Nachdem das Spiel zwischen Frost und Westen, was leider auch zusehends in bekannte Bahnen einläuft, sich geklärt hat, so bleibt als Frage übrig, was denn Frost zu all dem treibt, das passt nicht zu seinem Charakter, dass er nur am Geschäft interessiert sei.

Bleibt noch die moralische Frage, die dann auch beantwortet werden wird, ob Greenhorn Westen seine Lektion gelernt hat und korrupt geworden ist – oder ob nicht. Das sind alles Gründe, weshalb ich mit wundern würde, wenn dieser Film im Kino einen besonderen Zuspruch des Publikum erlebte.

Übrigens wirkt die deutsche Synchro angenehm zurückhaltend und somit konsumentenfreundlich, weil sie sich offenbar eher als Voice-Over denn als Rollennnachinterpretation begreift. Das wäre ein Versuch wert, in diese Richtung die Synchronisierung weiter zu entwickeln, so dass man sogar noch die Originalstimmen ganz leicht drunter legen könnte. Ein Versuch wäre das allemal wert.
Vom Drehbuch her durchaus angenehm, dass die es nicht darauf angelegt haben, besonders einen auf witzig zu machen.

David Guggenheim hat den Stoff nach dem Drehbuch von Daniel Espinosa verfilmt.

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