Glück

Über den Abspann lässt Doris Dörrie, die Macherin dieses Filmes, den Song „When you are happy, I am too“ spielen, was ohne weiteres als die Message verstanden werden kann, die sie mit ihrem neuesten Streifen verbreiten möchte. Knifflige Aufgabe an die Drehbuchautorin: erfinden Sie nun eine kinotragfähige Geschichte, die als Moral diesen Satz zeitigen könnte. Eine Knacknuss von Aufgabe. Ich vermute, Frau Dörrie hatte einfach die Zeit nicht gehabt, diese Aufgabe zu lösen, falls sie sich überhaupt gestellt hat.

Das Drehbuch, sofern von einem solchen ernsthaft die Rede sein kann, es gibt auf jeden Fall eine Vorlage dazu, eine Geschichte von Ferdinand von Schirach, besteht hauptsächlich aus einer losen Aneinanderreihung von Szenen ätzend-spießiger, erzkonservativer Kleinmädchenfantasien zum Thema Glück zwischen Mann und Frau nebst Bildern von einem Storch, von Wolken, Rotes Mohnfeld, Schafe, ein Lamm, ein Balkon mit grünem Kunstrasen und sitzenden Rehen aus Plastik unter grünem Sonnenschirm, Honig, Kirschenblüten, auf rotem Mofa durch eine toskanische Gegend fahren, der Hirsch im Wald. Das Glück zu Zweit, was hier erträumt wird: zusammen schaukeln, zusammen Eis schlecken, zusammen Kirschblüten schütteln, zusammen in einem fremden Auto sitzen und Musik hören, zusammen picknicken am See unter einem dickstämmigen Baum auf der mit Lämmchen bestickten Decke, unter der mit Lämmchen bestickten Decke nebeneinander liegen und plauschen, über der mit Lämmchen bestickten Decke sich die Hände geben, zusammen Zigarette rauchen nach dem Akt, Essen mit einem Kind dabei und Gugelhupf mit Geburtstagskerzen drauf, Gugelhupf backen, die Uridee der Familie. Frauenträume vom Glück, in das sich die Männer widerstandslos einzufügen haben, soweit wohl das Weltbild der Macherin dieses Filmes, was sie hier mit ihren Bildern auszubreiten versucht.

Um diesen kleinmädchenhaftesten aller weiblichen Träume nun aufregend und nicht miefig erscheinen zu lassen, werden als Protagonisten zwei arme, verlorene Seelen gewählt, die in malerisch-geschmackvollem Unglück leben und schwere Schicksale haben. Nur so kann der Traum vom Liebesglück sein kitschiges Potential voll entfalten. Mit Kitsch meine ich, dass es eben um das Ausmalen von Befindlichkeiten und Gefühlszuständen und nicht um die Betrachtung mündiger Menschen mit ihren Handlungen geht, die so lange der Mensch agiert und irrt, spannende Kinogeschichten generieren können. Das ist hier nicht der Fall.

Irina wurde im Krieg vergewaltigt und geht als Folge davon in Berlin auf den Strich. Dort stößt sie auf Kalle, einen Punk mit Hund, über dessen Hintergrund wir nichts erfahren, aber es geht hier um weibliche Träume und Träumereien und Liebesausmalereien. Die beiden Figuren werden nun in einer losen Reihenfolge von Begegnungen gezeigt, in denen sie versuchen Variationen zum Thema „Glück von Mann und Frau“ zu improvisieren; einzige kleine Handlung, dass Irina aus dem Hotel in eine eigene Wohnng zieht, wobei sie doch eine Illegale ist.

Da die Aneinanderreihung solcher Szenen bald langweilig wird, macht Frau Dörrie auch noch einen Einkaufsfilm aus dem „Glück“, Shopping als Glück, Lifestyle als Glück: Einkaufen von Herrenkleidung für den Punk, Einkaufen eines Spatens für das Begräbnis des totgefahrenen Hundes, Einkaufen einer Nähmaschine zahlbar in Raten von 20 Euro für die Geliebte, Einkaufen von Teppichen und Möbeln und Dekor, Leuchte in Herzform, für die neue Wohnung, Einkaufen im Asia-Shop fürs Kochen und schließlich zum Entsorgen der Leiche: Einkaufen von blauen Mülltüten, Dialog mit der Kassiererin: „4 Euro 38. Äh. Das reicht nicht. Reichts jetzt? Kassenbon?“ Frau Dörrie, die Textjägerin im Supermarkt und immer hart am Puls der Zeit. Frauliches Shoppingkino.

In der Auswahl ihrer Protagonisten, Alba Rohrwacher als Irina und Vinzenz Kiefer als Kalle, da beweist die Filmerin allerdings Geschmack. Mindestens in den ersten zwei Dritteln und so lange Irina meist die weiße Anschaff-Perücke trägt und Kalle die blonden Strähnen kühn übers Gesicht mit dem breiten Grinsen fallen lässt und die beiden die verschiedenen Partner-Versuchsanordnungen der Regisseurin, was kann ich mit Mann und Frau so anstellen, durchspielen, schaut man ihnen gerne zu, weil sie es gut, konzentriert und attraktiv gestalten.

Da aber der Autorin dieses Filmes die dünne Grundlage ihrer Drehidee was die Tragfähigkeit im Kino anlangt, sehr wohl bewusst gewesen sein dürfte, musste eine Leiche her, der Herzinfarkt des Freiers „Fette Sau“. Ab da säuft der Film dann in öde Fernsehroutine ab mit der kleinen Abweichung, dass die um das Protagonistenpaar herum routinemäßig besetzten Routinefiguren, die routinierte Leistungen erbringen, ein paar Sätzchen über die Liebe sagen dürfen; in dieser traurig öden TV-Welt wirken auch die vorher spannenden Protagonisten verloren. Der Anwalt kommt auf die originelle Begründung für die Leichenzerstückelung, es handle sich dabei um „Unfug aus Liebe“, das wäre echt vertiefenswert oder der Aspekt unter dem sich so ein Thema vielleicht aufregend abhandeln ließe, worauf die Staatsanwältin dem Anwalt gestehen darf, dass sie für ihre erste große Liebe ein paar Gummibärchen geklaut hat – im Kindergarten. Tja, wo kein richtiger Anfang, nämlich Vorstellen einer Figur mit ihren Charaktereigenschaften und Konflikten, Konfliktpotential, was Handlung und Konflikte und damit eine Geschichte in Gang setzen könnte, da ist auch schwer wieder rauszufinden.

Als Hinweis, dass Frau Dörrie sich als Künstlerin sehe, dass auch Kunst im Spiele sei, baut sie einen kleinen Running Gag mit einer roten Hundescheißtüte ein, die zieht Kalle erst allein am Kinderspielplatz über den Kopf, worauf als origineller nicht weiter hilfreicher Gag die laute Musik aussetzt (hier lässt die Regisseurin Kinder mit Kriegsspielzeug spielen, sie will aufrütteln) später dann Kalle und Irina nebeneinander an derselben Stelle sitzend und die Tüten über den Kopf ziehend und dann noch später eine solche rote Tüte über den Kopf der Leiche. Verlegenheitssurrealismus. Kunstbastelei.

Das klassisch-konservative Bild von Liebe aus weiblicher Sicht, das Gegenteil jeglicher Emanzipationstheorie: die kleine, zarte Alba Rohrwacher darf sich, nachdem sie sich weh getan hat, anlehnen an den großen, starken, mächtigen Vinzenz Kiefer. Oder Sätze wie: Du weißt so manches nicht von mir. Weil Du nichts erzählst. Paarstereotypien aus der Paartherapie für Jedermann abgeschrieben. Dazu passen auch, man habe noch nie Glück in der Liebe gehabt, das spricht doch direkt die Mitleidsader im Zuschauer an, die Rührader und liesse sich in jedem anderen Film zum Thema x-beliebig verwenden. Nur sind das alles keine Sätze, die Handlung und Spannung erzeugen, sie geben Befindlichkeiten wieder. Ein recht beschränkter Begriff von Kino, den uns Frau Dörrie hier zumutet.

Verständlich, dass man bei so einem Film immer wartet und wartet, bis er endlich losgeht, bis man merkt, dass er nie losgehen wird oder statt dass er losgeht, läuft er dann auf eine TV-Krimi-Chose hinaus, gespickt mit einzelnen Sätzen zum Thema Glück und Liebe.

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