Gefährten

Ein Pferdefilm, ein Kinderfilm, ein Kriegsfilm, ein Tierfilm.

Steven Spielberg ist zweifellos ein grandioser Kinoerzähler. Wie er sich Zeit nimmt, die Dinge einzuführen, die Dinge signifikant zu machen, die in der Geschichte wieder vorkommen und eine Rolle spielen werden. Sinnvoll, bewährt, traditionell. Zuerst zu sagen, wo wir sind, mit wem wir es zu tun haben. Das ist irgendwo auf der britischen Halbinsel. Die Geburt eines Pferdes in einer Koppel. Die wird beobachtet von einem Jungen. Das Pferd wird die durchgehende Rolle haben. Der Junge wird bei Kriegsbeginn 1914 zurückgelassen. Logisch, das verlangt die Gekonntheit der Exposition, dass sie sich wieder finden werden.

„Es war einmal ein Pferd. Das wurde von einem Jungen beobachtet. Der entwickelte eine innige Beziehung zu dem Pferd. Durch den Krieg verloren sie sich aus den Augen. Nach den Kriegswirren finden sie wieder zueinander.“ So könnte die Geschichte in 5 Sätzen zusammengefasst werden. Das muss man Spielberg lassen, das macht die großen Geschichten aus, dass sie in wenigen Sätzen zusammengefasst werden können. Aber, es gibt ein Aber in dieser Geschichte: die dicke, fette Emotionssauce, in die Spielberg die Geschichte tunkt, verdirbt sie ganz und gar.

Die Geschichte wird dem Pferd durch die Kriegswirren folgen. Das ist eine Schmerzstelle, wer die Einführungssequenz für bare Münze genommen hat, in der der Junge zu dem Pferd über wunderschöne Szenen zuerst mit einem Apfel das Vertrauen und die Zuneigung gewinnt; wie er einen Lockruf wie den eines Vogels ausstößt, auf den es zu hören lernt. Das wird so deutlich gezeigt, dass der geneigte Zuschauer im weiteren Verlauf nur darauf wartet, bis das Pferd so von seinem Jungen wieder gefunden werden wird, das ist dann allerdings schon 1918 und der Krieg kurz vor dem Ende und das Pferd hat Kriegsleiden wie ein Kriegsheld und noch einen Solohusarenritt durch Stacheldrahtverhau hinter sich und die Umstände, die das zusammenführen, was am Anfang ausgiebig ausgestellt worden ist, die sind noch potenziert ausgewalzt, also da fragt man sich ganz laut, für wen macht Spielberg diesen Film, für wen plättet er diesen so dick absehbaren Wiedersehensmoment in die Länge wie Kaugummi oder wie einer der zu heftig einen Orgasmus herbeiführen möchte und dann im entscheidenden Moment doch nicht kommen kann, weil er die Spannung überdehnt hat, so kommt dieses Wiedersehen zustande. Als ob die Zuschauer nicht nur schwer von Begriff sondern auch noch schwerhörig und schwachsichtig zugleich wären und noch nie einen Film gesehen hätten.

Ein Pferdefilm. Ein Tierfilm. Und als ob es Spielberg leid täte, dass er zwischendrin in diesem Tierfilm in hollywood-genuinen Kriegsbildern mit viel Dreck, vielen, vielen Komparsen, vielen toten Soldaten, viel Stacheldraht, viel Nebel, vielen toten Pferden, vielen Explosionen, vielen Kanonen, vielen Säbeln geschwelgt hat, will er am Schluss, wie die anfängliche Pferdefamilie wieder zusammenkommen wird, das darf man ruhig verraten, impliziert er es ja selbst mit der breiten Exposition, da ist er so glücklich, dass er noch heroisch, Lob des Helden, kaum genug davon kriegt, die Figuren, fast erstarrt wie im Nazireigentheater stehen lässt, wie die Familie zusammenkommt und der Himmel in Rot und Gelb weint dazu. Sag mal, wo lebt der Spielberg eigentlich, lebt er überhaupt noch? Weiß er überhaupt noch, was auf der Welt außerhalb von Hollywoods Gemarkungen vor sich geht? Oder hat er sich so in seinen Stoff reingekniet, dass er sich selbst – auch geistig – hundert Jahre zurückversetzt gefühlt hat?

Über das Wie des Geschichtenerzählens kann man bei Spielberg viel lernen. Besonders die Exposition. Wie das Verhältnis zwischen dem Jungen und dem Pferd wächst. Wie der Vater es trotz Schulden bei einer Auktion ersteigert zu einem überhöhten Preis. Sein Sohn ist der Junge, der schon die Geburt beobachtet hat, er hat somit bereits ein Fernverhältnis zum Pferd. Und dann bringt der Vater, der ein Kriegsinvalide ist und humpelt, ein Kriegsrübckbleibsel, eine Art Ehrenflagge, einen Heldentribut ins Spiel, was dem Pferd mit in den Krieg gegeben wird, damit der Wimpel wiedererkennungshalber nach einem langen Spielfilm wieder ins Bild kommen kann. Das Gedächtnis des Zuschauers ganz gut kalkuliert für diesen puren, emotionalen Kitsch. Kitsch-as-Kitsch-Can.

Wie der Junge das Pferd zähmt, dann die agrar-heroische Tat des Pflügens, weil die im steinigen Acker Rüben pflanzen wollen, damit seine Eltern die Zinsen zahlen können. Der gigantische Heldenkampf mit der Pflugschar, das filmt Spielberg alles großartig, kommt aber wie eine Werbung für das Hehre des Ackerbaus, Ackerideologie, das Lob der Scholle daher, erinnert an Wandgemälde aus sozialistischen Diktaturen, naiv heroisierend.

Spielberg erzhält immer sehr genüßlich. Die Mutter des Jungen, die Aufnahmen fangen alle mit einem Closeup auf das Objekt ihrer aktuellen Tätigkeit an, Töpfe und Gefäße, in denen sie rührt. Aber schon da, alles verdammt heroisch, der Junge, das Pferd, der Besitzer mit seinem Auto, die Dorfbevölkerung, sein Freund.
Die Heldentaten des Vaters in Transvaal. Und wieso er zum Trinker wurde. Die Attacken der Soldaten.

Der Schwenk zum Krieg, dass der Vater das Pferd an die Armee verkauft, damit er die Zinsen bezahlen kann, der Abschied vom Jungen; das ist für den mehr menschenbezogenen Zuschauer doch eine leichte Überraschung, dass jetzt definitiv ein Pferde- und Kriegsfilm draus zu werden droht, für zarte, pubertierende Mädchen, die doch so gerne reiten, allerdings zu brutal, für harte Jungs zu weich.

Die Attacke mit den Pferden und den gestreckten Säbeln, wie sie das deutsche Lager überrennen, da sind ein paar Zeitsprünge drin, die nicht logisch sind; die Briten scheuchen die Franzosen aus Langeweile auf, jagen sie vor sich her, und doch fangen die schneller an, aus den Kanonen zu schießen, die sonderbarerweise auf das Lager gerichtet sind.

Dann die Geschichte in Frankreich mit den beiden deutschen Soldaten Michael und Günther, die desertieren und in der Mühle erwischt und gleich füsiliert werden. Die Pferde aber entdeckt die Enkelin des Mühlenbetreibers (der wird später das Pferd wieder auf einer Auktion ersteigern und unserem Jungen schenken, denn die Enkelin, der das Pferd das Leben gerettet hat, ist inzwischen auch tot, noch eine Rührgeschichte). Die Oberrührszene aber findet sich im Lazarett nach dem Krieg. Aber der voraus geht, um die Rührung dann noch zu verstärken, die Szene, wie das Pferd sich im Stacheldrahtverhau zwischen den Fronten verfängt, ganz gausam ist das, da würde ich mit einer Altersfreigabe doch recht knickrig sein wollen, und wie ein Brite es befreien will mit weißer Fahne und ein Deutscher hilft ihm, das ist nun wirklich nicht neu und immer noch naiv zu zeigen, dass die Soldaten auch nur Menschen sind und dann werfen sie eine Münze um das Pferd und das Pferd geht mit den Briten. Dann ist der Krieg vorbei. Jetzt muss gegen die Grausamkeit der kulminierende Rührpunkt gesetzt werden, auf den hin der ganze Film mit seiner naiven Botschaft ausgelegt scheint: Lazarett, der Junge vom Anfang im Film ist blind. Das Pferd soll erschossen werden, weil es eh nicht genügend Tetatanusmittel gibt gegen die Wunden vom Stacheldrahtverhau und der Junge macht den Vogelruf und das Pferd schaut und der Offizier drückt nicht ab, spannt wieder, das dauert eine Ewigkeit dieses künstliche Erhöhung vermeintlicher Spannung durch Spielberg, bis endlich die Soldaten dann einen großen Bahnhof für den Jungen machen und der zum Pferd geht und es beschreibt, aber man sieht keine weißen Flecken vor lauter Dreck und dann wäscht einer den Dreck von den Beinen und man glaubts immer noch nicht und dann wäscht der es erschießen soll noch den Fleck von der Stirn frei und dann ist Friede Freude Eierkuchen angesagt, ich glaube wir haben uns da in eine geistig ganz entlegene Weltgegend verirrt, und dann sollten die Kinobetreiber mit Schneuztüchlein im Saal erscheinen, oder sollen sie erklären, es handle sich um cinéastisch-amerikanische Selbstironie? Aber nein, der Film wehrt sich vehement dagegen und fährt nun das letzte seiner Rührgeschütze auf, denn der Soldat mit der weißen Flagge, der brummelt oder singt noch, oh nein, das war vorher beim Stacheldrahtverhau, „Der Herr ist mein Hirte“, man fragt sich da nur noch, ob dieser Film nicht eine einzige Tier- und damit Zuschauerquälerei sei.

Großer Hollywoodbahnhof für ein Pferd, als ob die Welt schon lange stehengeblieben sei.

Das Buch stammt von Lea Hall und Richard Curtis nach einem Roman von Michael Morpurgo.

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