Extrem laut und unglaublich nah

Stephen Daldry, der Regisseur dieses Filmes, hat mit „Der Vorleser“ beeindruckt und einen erinnerungswürdigen Film hingelegt. Mit seiner einfühlsamen Regie hat er deutlich gemacht, dass der dem Film zugrunde liegende Roman von Bernhard Schlink ein starke Geschichte ist.

Mit „Extrem laut und unglaublich nah“ geht es ihm umgekehrt. Hier macht seine einfühlsame, soghafte Regie deutlich, dass die Geschichte von Jonathan Safran Foer, die von Eric Roth zu einem Drehbuch bearbeitet worden ist, eine rein amerikanische 9/11-Sülze ist, die schier zerfließt vor amerikanischem Selbstmitleid und die hierzulande wohl kaum jemanden ins Kino locken dürfte. Denn die amerikanischen Rachefeld- und Kreuzzüge, die unter dem Titel „Krieg gegen den Terror“ unendliches Elend und zahllose Gräueltaten in Irak und Afghanistan angerichtet haben – dazu kommen Guantanamo und Drohnenkrieg -, sind im europäischen Bewusstsein inzwischen lauter präsent und gehen ihm deutlich näher.

Da mag Tom Hanks als Thomas Schell noch so sehr kumpelhafter, lustiger Vater mit irrem Forschungstrieb sein und mit Ideen, die seinen Buben begeistern. Er ist der Sympathieankerpunkt, um den es einem leid tun wird, wenn man mitkriegt, wie er beim Flugzeuangriff auf das World Trade Center in einem der Türme war und einer von denjenigen, die sich aus dem Fenster stürzten, wie Daldry das bebildert, das erinnert an die magische Fantasiewelt von „Amélie“; da mag sein Schells Oscar mit Assoziationen zum Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel“ vom Namen bis zum Tamburin versehen sein (dieses hält er ohne es zu gebrauchen nur so in der Hand, als hätte es der Requisiteur ihm kurz vor der Aufnahme eben mal schnell in die Hand gedrückt); da mag dieser Oscar ständig in Bewegung sein und die schier unglaubliche Aufgabe in Angriff nehmen, aus Hunderten von Blacks als Familiennamen im New Yorker Telefonbuch, den zu finden, der vielleicht etwas mit einem vom Vater hinterlassenen Schlüssel zu tun hat; da mag Sandra Bullock all ihre Gaben einsetzen, eine den Sohn voll unter Kontrolle haben wollende Mutter zu spielen. Die Grundaussage des Filmes ist und bleibt die, wie schlimm doch 9/11 gewesen ist, wie der Titel sagt: wie extrem laut und unglaublich nah, und wie dieser einzigartige Terroranschlag ein kleines verspieltes Familienglück auseinandergerissen habe. Das ist natürlich ganz furchtbar. Kino, was mit spitzem Finger auf Unglück und auf Übeltäter zeigt. Nicht meine Vorstellung von Kino.

Es ist das Konstrukt der Geschichte, was mir keineswegs schlüssig erscheint. Sie startet mit 9/11 und den Folgen für Oscar, dem Verlust des Vaters. Wie der Junge auf die Spur einer Hinterlassenschaft des Vaters kommt. Wie er weiß, dass der Vater diese Spur für ihn gelegt habe. Dann erscheint eines Tages wie ein Deus ex Machina in der Wohnung der Großmutter dieser stumme alte Mann, nicht taubstumm, er hört wohl und muss bei einem einschneidenden Erlebnis die Sprache verloren haben – damit soll auf Teufel komm raus ein Nexus hinsichtlich der Grauenhaftigkeit von 9/11 und Zweitem Weltkrieg geschaffen werden – Komparabilität der Unglücke? Dass er dann andauernd einzelne Wörter und kleine Sätze aufschreibt, wie ein Gottvater den Jungen damit an der Hand nehmend, kommt nicht über Schnitzeljagdqualität hinaus, Schnitzeljagd auf der Spur des Vaters. Diese Großvaterfigur kommt einem wie aus dem Ärmel gezaubert hervor. Amerikanischer Wunderglaube? Auch dass dieser alte Mann mit dem verwitterten Gesicht ausgerechnet und gerade jetzt bei der Großmutter auftaucht und sie ihn verstecken will, ist zumindest merkwürdig. Aber der Junge kann mit einem Fernrohr die Wohnung der Großmutter über die Avenue oder die Street hinweg beobachten – auch eine extrem konstruierte Situation – und entdeckt so den geheimnisvollen Besucher. Ferner stellt sich spät im Film nullkommaplötzlich ein perfid-perfektionistischer Überwachungsmechanismus durch die Mutter heraus, der Junge nennt es „Snooping“, der auch wie aus heiterem Himmel freigelegt wird und man fragt sich warum, denn bis dahin schien die Gute eher überfordert.

Durch die sensible, hellsichtige, auf den Stoff horchende und auch fantasievolle Regie legt Stephen Daldry die Verwirrtheit des Konstruktes der Geschichte nur noch deutlicher frei, das sich für keinen Themenstandpunkt entscheiden kann: Trauma 9/11, Vatersuche oder Mutterabhängigkeit? Vom Titel her dürfte es eindeutig 9/11 sein, zum Nachteil der existentiellen Geschichten der Protagonisten, die nicht als solche interessant erscheinen, sondern eben nur zu Demonstrationszwecken der Größe des Unglück von 9/11 ab Stange gekauft und eingesetzt werden.

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