Die Macher dieses Filmes, Paul Smaczny und Günter Atteln muten dem Zuschauer eine volle Jahresdröhnung „Thomaner“ zu – TV-häppchenweise. Sie haben sich für diese Hommage oder dieses Portrait des weltberühmten Leipziger Thomanerchores für eine Rasterung nach Jahresablauf entschieden. Die Wirkung ist dann doch nachhaltig – den folgenden Einwänden zum Trotz.
Der Film umspannt ein Jahr, anfangend mit den Eignungsprüfungen für die neu eintretenden 9- bis Zehnjährigen bis im Jahr drauf wieder die Neuen kommen. Dieses Vorgehen zeitigt „natürgemäss“ einen Effekt, der vielleicht einem bunten Erinnerungsalbum an Zeiten des Heranwachsens ähnelt. Dieses Vorgehen hat zur Folge, dass der Zuschauer dem strengen und stressigen Ablauf eines Thomaner-Lebens ausgesetzt wird, Aufstehen, Zähneputzen, Frühstück, Schulstunden, Gesangsproben, Musikproben, Fussball, Hausaufgaben, Schlafengehen nach Kissenschlacht und dazwischen wieder Konzerte oder gar eine Reise nach Lateinamerika volles Freizeitprogramm inbegriffen. Der Zuschauer wird ein Jahr Thomaner im Schnelldurchlauf durchseuchen.
Der ganze Film läuft in solcher Stückelung ab, man könnte auch von einer Art Intervallfilm sprechen orientiert am Intervall-Training, dabei werden die Einheiten auf fernsehtaugliche Schnipsel verknappt, die Konzertausschnitte immer wieder unterbrochen, streng protestantisch darf kein Genuss aufkommen; die ganze Prozedur dauert für einen echten Thomaner 9 Jahre. 9 Jahre im „Kasten“, so nennen sie das Internat, und die „Stube“ als Familienersatz; dann werden sie ins brutale Leben entlassen. Sie haben Angst davor.
Was aus ihnen geworden ist, ob dieses musisch rigide Erziehungskonzept mit Johannes Sebastian Bach als Obermuse, der immer wieder Blumen auf die Grabplatte in der Kirche in Leipzig gelegt werden, erfolgreich glückliche Menschen hervorbringt, das erfahren wir leider nicht.
Ein Blick auf die Filmographien der beiden Macher bei IMDb, zeigt, dass sie vornehmlich mit Musikfilmen zugange sind; vielleicht liegt hier ein Irrtum vor, weil das musische Substrat für die Erziehung die Kantaten und Oratorien und Motetten von Johannes Sebastian Bach sind, dass Musikfilmer glauben, sich eines solchen Themas annehmen zu müssen.
Die Musik kommt auch hervorragend, wirklich ein extremer Gegensatz dieses Jubilierende und die in höchste Knabensopranhöhen sich in himmlische Höhen schraubenden Töne im Gegensatz zum doch sehr nüchternen, ostdeutschen puritanischen Protestantismus. Das allein wäre schon eine Bemerkung oder ein Hinweis wert gewesen. Kommt aber nicht vor. Wie die Macher generell darauf verzichtet haben, einen geistigen Rahmen für ihre Dokumentation abzustecken. Sie haben damit gerechnet, dass es wohl genüge, einige Bubengesichter aus den über 90 Thomanern herauszupicken und sie übers Jahr zu begleiten. Diese 90 sind diejenigen, die im Internat wohnen, das sind die elitärsten von den etwa 600 Schülern an der Thomas-Schule, das sind diejenigen, die den Chor bilden und wöchentlich eine Kantate neu einstudieren, wofür, das betonen sie gerne und oft, ein anderer professioneller Chor ein halbes Jahr lang üben würde.
Es kommt viel Interessantes vor, die Stubengemeinschaften aus Buben verschiedener Jahrgänge, die Verantwortungspositionen, die die Älteren einnehmen, hübsch sind sie alle in ihren Choruniformen, ob süßes Matrosenkostüm oder schlichter Konfirmandenanzug. Und es ist ein erhebendes Erlebnis, in einem riesigen Opernhaus in Montevideo oder Buenos Aires aufzutreten. Dort ist es allerdings schade – und das gereicht nicht zur Ehre von vorgeblich auf Musikproduktionen spezialisierten Machern – dass sie erst die Ermahnungen des Chorleiters hinter der Bühne zeigen, wie er den Jungs sagt, man müsse die Gefühle der Lieder auch in ihren Gesichtern ablesen – und sie dann vom Konzertmitschnitt lediglich routinierte Bilder von den Seiten zeigen. Das wäre die Differenz zur anspruchsvollen Kinoproduktion. Und ein kleines Indiz dafür, warum der Film im Kino auf nicht allzu großen Zuspruch stoßen dürfte; im Grunde ein nettes Familienalbum für Zugehörige und zugewandte Orte oder für Fans.
Obwohl die wahren Fans und Anbeter der Bachmusik, die dürften ständig herb enttäuscht werden, weil immer nach wenigen Takten einer Mottete, einer Kantate, diese schon wieder mit Interviews oder anderen Szenen zwischengeschnitten werden. Die Smaczny-Atteln-Thomaner-volle-Dröhnung umfasst außer den erwähnten Programmen Interview-Ausschnitte, einige Infos über diese Institution. Aber was man wirklich gerne wissen würde, wie ein Thomaner zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre nach dieser harten Schulung im Leben steht, darüber kein Wort.
Übrigens findet in diesem Jahr auch ein Umzug in ein Container-Provisorium statt, weil das alte Internat umgebaut werden soll; denn die „Stuben“ mit vier, fünf Jungs verschiedenen Alters zusammen, die seien heute nicht mehr vertretbar, überall sonst hätten die Jungs inzwischen ihre eigenen Zimmer.