Die Summe meiner einzelnen Teile

Das Kino ist sicher einer der idealen Orte fürs Träumen, für die Imagination, für die Fiktion. Insofern ist der Stoff, den Hans Weingartner hier als Kinofilm zuzubereiten versucht, gewiss auch ein idealer Stoff fürs Kino: ein Mann aus desolatem sozialem Milieu, aber ein Mathe-Genie, verdaut den Tod seiner Mutter mit 10 Jahren schlecht, sie starb an einer Überdosis, wie im Film erwähnt wird, und der Sohn sehnt sich nach einem fingierten zehnjährigen Freund zurück.

Als erstes fällt mir der wunderbare nordische Kinderfilm „Knerten“ ein, bei dem ein Zehnjähriger den Verlust seiner bisherigen Freunde durch Umzug mit einem Astgabelmännchen fantasievoll kompensiert und seine Seele dadurch gesund hält. Bei Weingartner hingegen beschäftigt mich das Thema fingierte Realität nach dem Film überhaupt nicht; mir stellt sich vielmehr die Frage, ob Hans Weingartner als Filmmensch auch nur eine ersehnte und fingierte Realität von Hans Weingartner ist. Ob er nicht viel eher ein recht sentimentaler und auch leicht verquaster, aber durchaus engagierter Intellektueller ist, der sich für Minderheiten, für Rebellen und für Gerechtigkeit einzusetzen versucht. Und darum in der öd-geförderten deutschen Filmlandschaft gleich aufgefallen ist und dann bei seinen weiteren Filmen mit einem großen Bonus leben konnte, obwohl sich längst abzeichnete, dass mit den Filmen cineastisch kein Blumentopf zu gewinnen ist.

Wie setzt sich Weingartner nun für diesen Martin ein, so heißt der Protagonist? Er lässt den Schauspieler Peter Schneider, ein an sich sympathischer Typ, so ziemlich verhungern, denn das Drehbuch gibt ihm überhaupt kein Futter; dass Peter Schneider trotzdem nicht ganz verhungert, ist eher als Hinweis auf seine Schauspielerqualitäten zu werten.

Die erste halbe Stunde lang schildert das Buch von Hans Weingartner pausenlos das soziale Elend von Martin; er war als Mathe-Genie erfolgreich in seinem Beruf und muss einen Zusammenbruch gehabt haben. Erst wird er von der Polizei in der Klinik abgeliefert, in Handschellen auf einen Rollstuhl platziert, dann lässt Weingartner uns mittels einer Szene in der Klinikapotheke erfahren, welchen Tabletten-Mix Martin zu sich nehmen muss, alles schön recherchiert, aber keine Bereicherung für den Film, dann bekommt Martin, obwohl er ein sehr schwerer Fall ist, gleich eine eigene Wohnung, er hat Hoffnung seinen Job wiederzubekommen, den bekommt er aber nicht mehr zurück, Grund dafür ist das Misstrauen des Chefs der Krankheit gegenüber.

Dann die einsetzende Verwahrlosung bis zur Zwangsräumung der Wohnung. Bis zur Obdachlosigkeit. So weit das Soziogramm wie für einen Lehrfilm, kinomässig eher in Alltagsschrift geschrieben, am Realfiktionalismus der Brüder Dardenne orientiert, aber denen nicht genau genug zugeschaut bei ihrem Handwerk oder sie nicht richtig verstanden, falls Weingartner diese überhaupt als Inspiration im Kopf hatte.

Es folgt die Erfindung des 10jährigen Russenjungen. Mit dem baut er nun die „Hütte im Wald“, wie der Filmtitel laut IMDb bis vor kurzem noch hieß. Diese Robinsonade oder dieses Pfadfinderlager, diese Traumwelt zu zweit bis in kleine Details hinein füllt die nächste Stunde im Film.

Die letzte halbe Stunde wird das wieder zerstören, Martin wird gewalttätig, die Psychiatrin erklärt ihm und damit den Zuschauern, sie heißt Frau König, was es mit ihm, dem Patienten Blunt, auf sich habe, dass sein Freund Viktor nur eingebildet sei. Aha so ist das, können wir nüchtern und ohne weiteren Kitzel feststellen.

In dieser letzen halben Stunde fängt die Schlaufe wieder von vorne an, Ablieferung in der Klinik, Zwangseinweisung; Ausbruchsversuch inkl. Kampf mit einem Polizisten und Entwenden von dessen Pistole. Dann muss noch eine kleine Revengegeschichte rein, die mit der Sache rein gar nichts zu tun hat, die eine sentimentale Revengegeschichte von Weingartner zu sein scheint, als Erinnerung an seinen Film von den fetten Jahren, die vorbei sind.

Ferner muss noch eine aus dem Ärmel gezauberte Frauengeschichte mit einer Lena, die zum Thema des Filmes auch nichts beiträgt, reingewürgt werden, ein Reise nach Portugal gebucht, der Traum von der Freiheit, und ab und an muss noch offen gelassen werden, ob Viktor nun existiert oder eben nur Fiktion ist. In der Fiktion „Kino“ war er real und Weingarnter hat nicht darauf hingewiesen, weil er vermutlich, wie viele andere auch, einen ganz groben Drehbuchfehler begangen hat, dass er nicht die Konfliktsituation von Martin genau unter die Lupe genommen und dramaturgisch urbar gemacht hat. Er beschränkt sich quasi auf Phänomenschilderung und macht es dem Zuschauer schwer, weil er keinen Grund hat, Phänomene von eingebildetem Phänomen zu unterscheiden.

Die endlose Schilderung von Martins Elend besonders in der ersten halben Stunde wirkt fast makaber, sich delektieren am Outsider, am Erniedrigten. Ein Intellektueller hat die Güte, sich mit dem Elend der Welt zu beschäftigen und dieses uns von hoher intellektueller Warte herab zu servieren. Eindimensionale Resozialisierungs- und Absturz-erste-halbe-Stunde.

Verpiss Dich Russensau (Asoziale zum zehnjährigen Martin-Double mit den langen Haaren).
Eindruck: Sozialhelferkino.
Der Sozialfall als Opfer des Intellektuellen.
Was fehlt, ist die Handlung. Die Info, dass Martin elend dran ist, muss nicht mit Flaschensammeln und weissgott nicht mit was allem eine halbe Stunde lang gezeigt, fast doziert werden; so aber kommt mir das wie eine Art Soziallüsternheit vor, die Weingartner praktiziert, nicht unbedingt eine Vorstellung von Kino, der ich was abgewinnen kann.

Und dann immer wieder die peinlichen Fragen, die Fernsehdramaturgie-Fragen: Herr Blunt, was machen Sie hier (eine merkwürdige Unterführungsbegegnung mit seiner Psychiatrin, könnte Titel eines Sketches sein: Herr Blunt und Frau König in der Unterführung).
Weingartner fehlt der Humor und die Herzensgüte, die Kinomenschlichkeit.
Sind Sie obdachlos? Kommen Sie zurück.

Das Sentiment des Filmemachers, wenn die Obdachlosen in den Glaskontainern wühlen, dann untermalt er das mit legerer Klampfenzupfmusik. Romantisierend, sich gar ergötzend an der eigenen Kunst?

Erst nach einer dreiviertel Filmstunde, sind die beiden, die sich hier finden müssen, Martin und sein jüngeres Double Viktor „en route“, hier erst geht die fingierte Reise los und sie geht los, als ob es keine Fiktion sei, das mindert den Reiz für den Zuseher, wird ihm das Gefühl vermitteln, hinters Licht geführt worden zu sein, erweckt den Eindruck einer naiven Pfadfinderstoryfilmes, eines Nostalgiefilmes, zehnjäjhrig, die Sehnsucht nach einem Freund, die bei einem 30jährigen doch sicher auch das Thema Pädophilie dringend ansprechen müsste.

Dann der ganze Hüttenbau, wie sie die Plane von der Baustelle besorgen, wie Doku-Soap oder Realitiy-TV.

Kaum haben sie die Hütte, da bricht ein Unwetter herein, große Gefahr für die neu gefundene Freundschaft – was ist Freundschaft für einen Zehnjährigen, was die Freundschaft mit einem Zehnjährigen für einen 30-Jährigen? – ein Unwetter, das sich auf keine Weise angekündigt hatte; war es auch nur fiktional? Aber warum gibt Weingartner keinen Hinweis darauf. Hat er es nicht nötig, dem Zuschauer die unabdingbaren Parameter für sein Experiment bekannt zu geben?

Verschwurbelte Robinsonade. Aber auch der Spießertraum von der selbst gebauten Hütte.

Peinliche Szene wie Schauspielschule: die Begegnung mit Lena, die Stotterei, das Café.
Stellenweise kommte ich mir als Publikum direkt düpiert vor. Wie schwer ist der Fall von Martin wirklich, wenn es doch heißt, er sei eine Gefahr.
Kann man so einen einfach selbständig in eine Wohnung entlassen?

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