The Artist

Es gibt Leute, die vollbringen im Kino wahrhaftige Wunderwerke. Erst vor kurzem hat Lech Majewski in „Die Mühle und das Kreuz“ ein fast 500 Jahre altes Gemälde von Peter Bruegel auf der Kinoleinwand lebendig werden lassen. Jetzt verzaubert uns Michael Hazanavicius mit einem ähnlich genialen Wunderwerk, das die Zeit des Übergangs vom Stummfilm zum Tonfilm wieder lebendig werden lässt, und wie! Eben nicht nostalgisch. Nicht museal. Nicht als Abklatsch oder brav-getreuliche Rekonstruktion, sondern als frisch-fröhlicher Event, als ob damals heute sei. Verblüffende Timemachine.

Ein Leinwandstar aus der Stummfilmzeit, Jean Dujardin als George Valentin, verweigert sich dem technischen Fortschritt des Tonfilmes, denn er sieht sich als „Artist“, als Künstler – als ob das Kino nichts mit Technik zu tun habe. Die Frage also, ob er nicht ein etwas abgestandenes Künstlertum zelebriert. Er produziert, wie das Studio die Stummfilmstars nicht mehr will, seine eigenen Streifen – und floppt. 1929 kommt die große Wirtschaftskrise dazu – zu welcher heute angesichts der Währungs-, Bank- und Börsenturbulenzen gerne Parallelen gezogen werden, insofern auch ein aktueller Streifen. Oder auch 3D ist so ein technischer Fortschritt, dem sich zumindest der Kritiker gerne mal verweigert, verweigern täte.

Durch einen Zufall ist Valentin noch vor 1929 auf ein Tanzmädchen gestoßen, das dank seiner Hilfe zum Star geworden ist; Bérénice Bejo als Peppy Miller; die ihre große Zeit mit dem aufkommenden Tonfilm hat. Parallel zu ihrem beispiellosen Aufstieg verläuft der beispiellose Abstieg von Valentin. Seine Frau verlässt ihn, er muss seinen Frack verpfänden, sein Hab und Gut wird versteigert, er neigt zu selbstzerstörerischer Depression.

Aber da wir im Film sind und Peppy ihren Gönner nicht vergessen hat, wird’s noch zu einem guten Ende kommen.

Was ist so faszinierend an diesem Film? Das ist das Gefühl, das Hazanavicius vermittelt, einen wie durch einen Time-Channel in jene Epoche zurückzubeamen – und nicht in ein Museum, thats the difference. Obwohl, das ist wahrscheinlich genau das, was verhindert, dass man von Nostalgie-Kram sprechen muss, er viele gewagte technische Dinge treibt, zwischendrin momentweise überhaupt kein Ton, praktisch kein gesprochenes Wort im ganzen Film, kleine Gags, die wunderbar sind, der Fox-Terrier des Stars, der sich tot umfallen lässt, wenn der Star zur Pistole greift, überraschende Spiele mit dem Ton, wie der Tonfilm aufkommt, welchen Klang ein Glas macht, das abgestellt wird, richtig altmodisch oder wie beim Stummfilm sind die Zwischentitel auf schwarz und wie beim Stummfilm sprechen die Darsteller, ohne dass was zu hören ist.

Viel zu der Atmosphäre dürfte die Orchestermusik beitragen, die vor allem vom Elan und der Begeisterung für das Medium Film erzählt. Im Gegensatz zu der heute oft bis zum Überdruss eingesetzten – vor allem voluminös um des Volumens willen – Filmorchestermusik, die offenbar nur noch von der Panik vor der Stille, die als Leere empfunden wird (oder vorm Wegzappen des Zuschauers) getrieben wird und damit alles zudonnert. Hier ist der Mut zu Stille das Knallige.

Film als Erlebnis, das dürfte hier die erste Qualität sein. Die Geschichte, die würde man heute vielleicht als eine Romantic Comedy zu verkaufen suchen.

Fängt mit einer Filmszene an, die mit „Long live freee Georgia“ aufhört.
Ein vorpsychologisches Kino.
Plakat in seiner Garderobe, wo Peppy reinkommt: „Thief of her Hart“.

Das ist vielleicht wirklich ein nostalgisches Element: der treue Diener oder Kammerherr von George, der für ihn auch die Autogrammkarten ausfüllt.
Der Film, den George selbst produziert „Tears of Love“, da gibt’s dann eine ganz traurige Premiere; Peppy war drin und ihr aktueller Freund („Toys“ hat sie ihre Verehrer einmal genannt) macht George das vergiftete Kompliment, sein Vater habe ihn sehr verehrt. Das sind Allerweltsgeschichten von Künstlern, aber wie sie hier gebracht werden, nicht zu dick, nicht zu dünn, nicht mit Zeigefinger, eher trocken stiebitzend auf die Leinwand gebracht.
Seine Frau ist plötzlich „unhappy“ wie es mit seiner Karriere nicht mehr läuft.
1931 dann die kleine Wohnung.
Die Auktion seiner Besitztümer.

Später dann regt George sich auf, wie stupid er gewesen ist.
Eine Geschichte von Realitätsverweigerung. Vielleicht muss man gar keinen tieferen Sinn drin suchen, sondern sich einfach dem Kinobann hingeben.
Kino als Eskapismus? Eigentlich nicht.
Einfach meine Frage, was sind das für Kinotüftler?
Wollen sie Mahnung an unser heutiges Kino sein?
Oder ist das auch wieder viel zu umständlich gedacht?
Oder ist es nur dieses launige, hey Zeitgenossen, ich nehm Euch mal kurz mit auf einen ziemlich verrückten Trip, den so nur das Kino bieten kann? Also doch auch wieder Jahrmarkt (den wir philosophisch nun endlich ergründen und evaluieren sollten!).

Kino, weils Laune macht.

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