Die pädophile Liebe ist eine Liebe, mit der sich unsere Gesellschaft schwer tut und der Erstlingsautor und –regisseur Markus Schleinzer aus Österreich ebenso. Denn er klammert das Thema Liebe gleich schon mal vollkommen aus, fängt somit schon mit einer Bankrotterklärung ans Kino an. Und erschwert sich die Angelegenheit noch dadurch, dass er diese Liebe, die er ausklammert, noch mit Vergewaltigung und Freiheitsberaubung anreichert.
Statt der Liebe zeigt der Macher dieses Filmes nun unseren Protagonisten, als ob er in einer Einmannprozession durch sein Leben geht mit dem Feuereisen auf seine Stirn gebrannt: P Ä D O. Alles wird dadurch bedeutungsvoll. Die Anfahrt zu seinem Häuschen wird bedeutungsvoll. Das Häuschen mit den runtergelassenen Rollläden wird bedeutungsvoll. Dass davor zwar ein Briefkasten ist, ein Garagentor im Anbau, aber keine Haustür, wird bedeutungsvoll. Das automatische Öffnen der Garagentür wird bedeutungsvoll. Die Einfahrt in die Garage wird bedeutungsvoll. Das Schließen des Garagentores wird bedeutungsvoll. Das Rauf- und Runterlassen der Rolläden wird bedeutungsvoll. Das Anbräunen von drei Scheiben Leberkäs bis zur Schwärze wird bedeutungsvoll. Das Öffnen der Tür zur Kellertreppe wird bedeutungsvoll. Das Entriegeln des Verlieses wird bedeutungsvoll. Dann folgt bedeutungsvolles Schwarz, das Innere des Verlieses: Michael steht seinem Opfer im Dunkeln gegenüber. Das große schwarze Loch als Zentrum des Films. Dann ist ein zartes Stimmchen zu hören. Dann kommt der Titel, bedeutungsvoll, der Name des Filmemachers, bedeutungsvoll.
Michael, der Pädo, der Vergewaltiger, der Freiheitsberauber geht bedeutungsvoll durch seinen Alltag. Das will uns dieser Film zeigen. Jede Kleinigkeit wird bedeutungsvoll. Pädophile Freiheitsberauber und Vergewaltiger leben bedeutungsvoll, das will uns dieser Film offenbar erzählen. Das Waschen des Schwanzes im Lavabo nach dem vollzogenen Geschlechtsakt mit dem Buben wird bedeutungsvoll. Das Kreuzchen für die Statistik des Geschlechtsverkehrs in seinem Kalender wird bedeutungsvoll. So viel Bedeutungsfülle ward selten in ein so ausdrucksloses, bedeutungsloses Gesicht wie dasjenige unseres Protagonisten hineininterpretiert. Will auch sagen: pädophile Freiheisberauber und Vergewaltiger haben keine Gefühle. Dafür handeln sie bedeutungsvoll. Das Telefongespräch mit dem Kunden im Geschäft wird bedeutungsvoll. Das Einkaufen wird bedeutungsvoll. Der Ausflug in den Zoo mit dem Buben wird bedeutungsvoll. Das Anbaggern von fremden Buben bei der Go-Kart-Bahn wird bedeutungsvoll. Selbst das Packen der Klamotten und Utensilien für den Skiausflug mit den Kollegen wird bedeutungsvoll. Die Weihnachtsfeier mit dem Buben wird bedeutungsvoll. Sie stehen bedeutungsvoll nebeneinander und singen bedeutungsvoll ein Weihnachtlied. Das Liegen im Spital nach einem Unfall von Michael wird bedeutungsvoll. Die Feier zu seiner Beförderung im Betrieb wird bedeutungsvoll. Das Einschenken von Sekt auf dieser Feier wird bedeutungsvoll. Immer wieder: die Anfahrt zur Garage, das Öffnen des Garagentores, das Schließen des Garagentores, das Runterlassen der Rolläden. Alles wird bedeutungsvoll. Das Schaufeln eines Loches in einem abgelegenen Waldabhang wird bedeutungsvoll. Die Frage einer Passantin, ob er ein Feuchttuch brauche, wie sein Opfer nach dem Zoobesuch erbricht, wird bedeutungsvoll.
Vielleicht versucht der Macher dieses Filmes eine Art Pädophilie-Liturgie zu zelebrieren, Alltagsrituale um die Pädophilie herum.
Vielleicht hat der Macher dieses Filmes sich von Ulrich Seidel fehlinspirieren lassen, hat geglaubt, wenn er Tabus auf die Leinwand bringe, sei er schon ein Hirsch im Filmemachen; Höhepunkt dieser Hirschigkeit ist ein Frühstück von Michael mit Wolfgang. Die beiden sind sich gegenüber. Der Bub sitzt über den Teller gelehnt, stochert lustlos in seinem Essen. Michael steht ihm gegenüber am Tisch, öffnet die Hose, hängt seinen Pimmel raus, fragt den Buben, was ihm lieber sei, dass er ihm seinen Schwanz oder ein Messer reinstecke und der Bub antwortet spontan „ein Messer“ – in der Erinnerung hört sich das durch die inszenierte Spontaneität fast wie Begeisterung an.
Es gibt willkürliche TV-Hintergrundprogamme. Die Nachrichten lassen auf Niederösterreich als Location schließen, denn Michael schaut die NÖ-Nachrichten. Sonst kommt im TV der Viktoria-Barsch noch vor.
Lange vor Ende des Filmes sehnt man sich nach Befreiung oder Tod. Wie der Tod dann endlich Michael von seinen vermuteten Qualen befreit, befreit der Filmemacher den Zuschauer noch lange nicht. Es muss noch bedeutungsvoll beerdigt werden, bedeutungsvoll geweint, bedeutungsvoll gepredigt, bedeutungsvoll diskutiert unter den Hinterbliebenen, ob man nicht allmählich mal in das Haus gehen solle. Dann werden erst lange bedeutungsvoll Kleiderschränke geräumt. Dann werden bedeutungsvoll Kellerregale geräumt. Immer wieder wird bedeutungsvoll am Verlies vorbeigegangen, aus dem kein Laut mehr zu hören ist. Bis endlich die Darstellerin der Mutter, die nun auch nichts dafür kann, dass sie vom Regisseur, der laut IMDb hautpsächlich Caster ist, für diese kaum zu spielende Rolle gecastet worden ist, bis also diese Mutter endlich bedeutungsvoll den Riegel vor dem Verlies entdeckt, bedeutungsvoll langsam, dann bedeutungsvoll langsam den Riegel öffnet, und schließlich und endlich bedeutungsvoll langsam die Tür öffnet bis sich bedeutungsvoll langsam Schwarz zeigt – und in dieses hinein erst kommt die Befreiung für den Zuschauer, der Abspann.