Jonas – Stell dir vor, es ist Schule und du musst wieder hin!

Der Film ist eine Art semidokumentarischer Soap. Christian Ulmen, der auch die Idee zu dem Film hatte, zieht sich eine Langhaarperücke an, lässt sich dicken, jugendlichen Teint auf die Backen streichen, damit die Barthaare verdeckt werden und er wie ein 18-jähriger aussieht, drückt für 6 Wochen Drehzeit die Schulbank und lässt sich dabei von Robert Wilde oder dessen Kameramann Frank Lamm abfilmen. Das Resultat ist dieser Film.

Jonas gibt vor, schon mehrfach sitzengeblieben zu sein. Er kämpft jetzt, und das wird alle freuen, die noch eine emotionale Bindung zur Schulzeit haben, gegen Logarithmen, Exponentialrechnung, chemische Experimente, gegen Musiknoten und die Hochsprunglatte, die Entwicklung der Menschheit im Allgemeinen und die Gründung einer Schulband im Besonderen.

Christian Ulmen kommt als Jonas wirklich sympathisch rüber, im Gegensatz zu den Rollen in seinen Spielfilmen. Den Jugendlichen mimt er verdammt überzeugend, obwohl er doch einige Jährchen drüber sein dürfte, aber auch noch recht leicht in den Bewegungen. Und wie er die Lehrer umarmt, diese Emotion, wunderbar, das geht ans Herz. Vielen Zuschauern dürfte damit geholfen sein. Warum ich den Film aber dann doch eher im Fernsehen sehe, das scheint mir nebst dem doch recht lockeren Zusammenschnitt des Materials eine anderes Problem von so einem Projekt.

Fürs Filmen müssen die Schüler und Lehrer Einverständniserklärungen abgeben, dass sie abgefilmt werden dürfen, dass das Material im Film drin vorkommen darf. Ob sie auch Geld bekommen dafür, das wäre zu erkunden. Es gibt eine Stelle, an der offeriert Ulmen, der sich hier Jonas nennt (obwohl schon beim ersten Betreten der Klasse ein Mitschüler, kaum hat Ulmen sich gesetzt, dem anderen zuraunt „Christian Ulmen“) dem Direktor 5000 Euro.

Die Filmerei verändert selbstverständlich die Situation in der Klasse enorm. Denn einmal müssen auch die Lehrer einverstanden sein, dasss bei ihnen gedreht wird. Und auch die Mitschüler. Darum kann kaum je die ganze Klasse gezeigt werden, denn es ist kaum zu erwarten, dass alle einverstanden waren. Und ein Filmteam, und wenn es noch so klein ist, regt Jugendliche gerade in diesem Alter, wo sie zum Teil noch voller unrealistischer Hoffnungen und Träume von Größe und Prominenz sind, auf und sie spielen natürlich und zum Teil wirklich gut für die Kamera. Nicht anders mit den Lehrern, von denen andernorts mehr über Burn-Out zu lesen ist als darüber, was hier im Film zu sehen ist: solide, freundliche Autoritäten, humorvoll, nie um einem gutem Spruch verlegen.

Doch die Lehrer müssen vor den Stunden auch verkabelt werden für den Mikroport. Sie wissen auch, dass die Kamera da ist. Es wird also eine durch die nicht versteckte Kamera veränderte Schule gezeigt und garantiert eine geschönte.

Dass Ulmen dann noch eine Band gründet, das sehe ich eher als einen privaten oder gar karrieristischen Gag von Ulmen, der sicher bei den Schülern, die mitmachten, gut angekommen ist. Warum die Gründung der Band mit großem Banner zum Fenster raus und Megaphon so angekündigt werden musste, wer weiß. Wer weiß, warum Ulmen für einen Mathetest sich das Nasenbluten hat einfallen lassen. Es ist gnadenlose Schulploitation, die Ulmen betreibt.

Spannender wäre für mich eine Doku über das Drumherum eines solchen Filmes, die diversen Ehrgeize, die ein solches Projekt in den Lehrern, dem Direktor, den Schülern auslöst; aber auch die deutlicher oder weniger deutlich vorgebrachten Einwände, allfälliges Misstrauen. Da kommt einer in diese Schule, der am Tag 5000 Euro oder gar mehr verdient; uns speist er mit einem Trinkgeld ab; wir dürfen Kulisse für seinen Ehrgeiz sein und können nicht ausweichen, denn die Schule ist eine Zwangssitituation. Sich blöd vorkommen angesichts eines solchen Projektes, das auf das Bedenken eines gesamtgesellschaftlichen Zusammenhanges von Bildung und ihrer Exploitation vollkommen verzichtet, wäre eine durchaus mögliche Reaktion.

Es wäre interessant zu erfahren, was Ulmen dabei verdient hat und wieviel für die Schule abgefallen ist, wieviel von einem allfälligen Kinoertrag und weiteren Fernsehauswertungen für die Schule abfallen wird. Mir kommt dieses ganze Projekt doch sehr, sehr harmlos und schulverniedlichend vor. Die Schule ist kein Zoo. Und gewiss war nicht jeder Schüler damit einverstanden, dass diese Institution, in der er zwangsweise einsitzt, für sowas benutzt wird. Schon in Andreas Veiels, allerdings höchst sorgfältig gemachten Langzeitbeobachtung einer Schauspielklasse „Die Spielwütigen“, hat mich gestört, dass nur der kamerageile Teil des Lehrkörpers mitgemacht hat – dass die Schauspielschüler es sind, das ist schon von Berufes wegen zwingend. Fürs Kino jedenfalls ist mir dieser „Jonas“ schlicht zu harmlos, ein nettes Scherzchen ohne Satire und tieferen Sinn.

Eine belanglose, wenn nicht schönfärberische, erziehungs- und bildungssystemunkritische Nettigkeit mit einem sympathischen, sich gänzlich unpolitisch wähnenden Christian Ulmen.

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