Huhn mit Pflaumen

Den Machern dieses Filmes, Vincent Paronnaud und Marjane Satrapi, haben wir „Persepolis“ zu verdanken; entsprechend hoch ist die Erwartung an diesen neuen Film von ihnen.

Leider kann „Huhn mit Pflaumen“ in keiner Weise an Persepolis anknüpfen. Einige der scherenschnittartigen Kulissen, Stadtkulissen, kommen hier wieder vor. Die Geschichte spielt in Iran, in Teheran. Die Hauptfigur ist Nasser Ali Khan, gespielt vom großäugigen Mathieu Amalric, einem Hans-Dampf in allen (Film)Gassen, der um die Wirksamkeit seiner großen Augen wissen dürfte und vielleicht etwas leichtsinnig geworden ist und es nicht mehr für nötig hielt, intensives Rollenstudium zu betreiben. Oder, der es sowieso nicht gewohnt ist, weil er entweder mit ganz großen Regisseuren arbeitet, auf die sich die Schauspieler verlassen können oder dann gar selber produziert, inszeniert und die Hauptrolle spielt, wie in „Tournée“.

Hier liegts allerdings auch an der Geschichte. Die ist etwas durcheinander und kommt insgesamt recht scherenschnittartig daher, auch insofern, als in mir der Eindruck entstand, die Macher hätten aus einer ordentlich erzählten, chronologischen Geschichte undendlich viele Szenen und Einzelbilder rausgeschnitten, so wie wir früher als Kinder aus Zeitschriften Bilder rausgeschnitten haben und die dann neu kombiniert und teils über und untereinander und ohne Zwischenräume in leere Hefte eingeklebt hatten.

Mathieu Amalric erinnert mich entfernt an Ben Becker, der sich auch sehr auf sein Aussehen verlässt. Es wurde auch die Nähe zum Film „Amélie“ erwähnt. Dort war aber die Geschichte zielführend und die Hauptdarstellerin auch deutlich durchlässiger und geheimnisvoller als Amalric. Amalric fehlt die Magie, die eine solche Hauptfigur haben müsste in einem recht salopp zusammengestellten Zusammenhang aus Bildern, die einerseits 1958 spielen und dann 20 Jahre später, nachdem der Musiker Nasser Ali Khan in der Welt rumgereist ist als Geiger und wieder zurückgekehrt und dann nicht die Frau seiner Liebe geheiratet hat.

Seine Kinder kommen mal klein, mal groß und vor. Die Tochter ist spielsüchtig geworden. Der Sohn führt eine überzeichnet dargestellte amerikanische Ehe. Das hat alles viel mit Beliebigkeit zu tun, obwohl sogar bald eine gewisse Chronologie anfängt. Denn Nasser möchte nach einem unglücklichen Geigenkauf sterben, weil er abgrundtief unglücklich ist. Er meint, seine große Liebe wieder getroffen zu haben. Deren Vater ist strikt gegen eine Verbindung. Dieser betreibt ein Uhrengeschäft. Nasser selber muss sehr vornehm aufgewachsen sein, es gibt eine Szene im großzügigen Garten zuhause bei seiner Mutter. Auch deren Begräbnis kommt vor in einer der Rückblenden, die nun in seine letzten acht Tage eingeschoben werden. Aus der Grabplatte stieg eine Wolke auf, „ihr gesammelter Rauch“ wurde über die starke Raucherin gewitzelt. Überhaupt sollen immer versponnene oder originelle Dinge passieren, aber es sind ihrer soviele und sie haben so wenig mit einem ersichtlichen Thema zu tun, außerdem ist es meist sehr dunkel und die Undurchlässigkeit von Herrn Amalric trägt das ihre bei zu einer sehr düsteren, lustig sein wollenden Atmosphäre. Ein paar lichte Bilder werden dazwischen gestreut: Träume von Liebe und Heirat, Kleinmädchenträume vom Glück. Dann aber wieder: Verschiedene Selbstmordversuche, die alle nicht gelingen.

Ein Nippes-Film. Kino ohne Subext. Steif inszeniert, gespielt und geschnitten, theaterlich, sehr staatstheaterlich getragen. Auch keinen richtigen Rhyhtmus gefunden, umso mehr sehnt man sich nach dem Ende, nach jeder neuen erlösenden Tageszahl, die er näher bei seinem Tod ist. Sich ziehender Countdown zum Selbstmord, das ist hier die Dramaturgie.

Traum vom Sokrates und seinem Sterben. Umgeben von hübsch sein sollenden Jungs, aber alle unerotisch, wie überhaupt dem Film jegliche Erotik abgeht, trotz einer ganzen Anzahl schöner Frauen; es scheint als sei die Erotik mit der Schere weggeschnippelt.

Keine Leinwandgschmeidigkeit. Die Filmemach-Methode dieses Teams dürfte bei satirischen, politischen Dingen funktionieren, hier aber geht es um Erzählung. Der Film eher eine Grobskizze eines Arrangements von Bildern aus dem Leben von Nasser, der sterben möchte. Gespräche mit dem Todesengel, mit Azrael.

Endlich, am 7. Tag hat er „la fièvre“.
Weisheitssatz seiners Musiklehrer: in jeder Note müsse seine nicht erwiderte Liebe erklingen. Das tat sie auch 20 Jahre.

Um die Sache vielleicht doch noch retten zu können, bügeln die Macher in der letzten Viertelstunde mit heißem Eisen ein furioses Konzertfinale über den Bilderpansch. Und so hört man Kritiker sagen, gegen Ende hin sei es besser geworden. Reingefallen, würde ich sagen.

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