Und dann der Regen

Der Film ergreift eindeutig Partei für die Sache der Indios, aber nicht in der Art eines dezidierten Agit-Prop-Filmes, sondern mit einer Spielhandlung, die die komplexere Struktur des Films im Film benutzt.

Ein Filmteam will in Kolumbien einen Film über die Ankunft von Kolumbus drehen, einen rechten Historienschinken wie es aussieht und wie man es gewohnt ist. Dabei verhält sich das Team, das eine Menge Indio-Statisten braucht, nicht viel anders als die Eroberer. 2 Dollar Statistengage am Tag sollen genügen. Parallel erhöhen die Wasserwerke, die inzwischen privatisiert sind und das Wasser als Goldgrube entdeckt haben, den Preis auf über 400 Dollar im Monat. Ein Komparse bei diesem Film kann mit seinem kärglichen Gehalt nicht mal die Wasserrechnung bezahlen.

Der Film fängt mit dem Casting an, bei dem für 6 Positionen Hunderte Indios Schlange stehen und die Filmleute relativ schnoddrig das Verfahren, das auf Flugblättern als fair angekündigt worden ist, abkürzen und den Rest nach Hause schicken. Das wollen sich Daniel mit dem ausgeprägten Indiogesicht und seine junge Frau nicht bieten lassen. Er insistiert und macht Rabbatz. Dadurch wird er wahrgenommen, bekommt eine wichtige Hauptrolle, die des Indioführers Hatuey. Er belauscht ein Handy-Gespräch eines der Filmentscheider, wie er seinem Produzenten auf Englisch sagt, wie billig sie hier die Komparsen kriegen. Dieser Filmmensch ist dann merklich irritiert, wie ihm aufgeht, dass Daniel ihn verstanden hat.

Man sieht einiges vom Dreh oder auch ein Musterschauen in einem Studio. Gleichzeitig erhöhen die Wasserwerke die Preise massiv für dieses existentielle Gut und die Indios protestieren dagegen. Daniel wird zu einem der Worfführer des Aufstandes. Die Filmmenschen zittern, er könnte bei den schnell ins Gewalttägige ausufernden Auseinandersetzungen verletzt werden.

Parallel zur Aufruhrszene gibt es im Rathaus einen Empfang für die Filmleute, selbstverständlich ohne einen Indio. Die sprechen dem Bürgermeister gegenüber das Thema auch an. Aber wie Politiker so sind, ohne Erfolg. Später landet Daniel im Knast, er ist auch verletzt. Für die Produktion eine Katastrophe, denn man kann nicht mitten im Dreh einen Protagonisten umbesetzen. Der Produktionsleiter handelt mit dem Knast den Deal aus, dass er Daniel frei lässt, bis die letzte Szene, das ist die Kreuzigung, vorbei ist.

Prompt nach dem letzten Take am letzten Drehtag, wie die Feuer vor den Kreuzen noch brennen und die gekreuzigten Darsteller gerade anfangen runterzusteigen, trifft die Polizei ein, um Daniel zu verhaften. Er kann entkommen, herrlich wie die Indio-Darsteller das Polizeiauto, in dem Daniel drin ist, einfach umkippen, so dass der fliehen kann, die Polizisten drücken sie in der Zwischenzeit auf den Boden.

Das Filmteam will abreisen. Aber in der Stadt herrschen überall Unruhen. Barrikaden, eine zum Bersten gespannte Stimmung; der Produktionsleiter lässt sich von der Frau von Daniel überreden, noch ihre verletzte Tochter zu suchen; das wird eine Fahrt durch Feuer, Polizeiphalanxen und Barrikaden. Bis sie das Mädchen finden und im Spital abliefern können.

Anfangs kommt mir der Film etwas staatstheaterlich, aber in dieser Art gut gemacht vor, so wie für ein Publikum der 70er Jahre. Spätestens aber ab dem Thema Wasser, hat auch der Europäer seinen Andockpunkt. Und er kann sich nur wundern, wie leichthändig die Regisseurin Iciar Bollain, die auch als Schauspielerin arbeitet, die Szenen baut und aneinanderreiht. Oft zwar mit viel Gefühl, oft scheint es mit der überhaupt nicht negativen Routine, mit der lateinamerikanische Telenovelas gemacht werden, aber ohne kleinsten Abstrich am Kino. Denn der Film sieht nach viel mehr Budget aus, als er wohl gekostet haben dürfte. Gut dosiert die Massenszenen, dass die nach viel mehr aussehen. Schnelle, unkomplizierte Art, eine Geschichte zu erzählen, immer die Geschichte und ihr Ziel im Kopf. Das Ensemble zieht wunderbar mit, hat das (berechtigte) Vertrauen in die Regisseurin.

Der Erzählstil wechselt zwischen Momenten der Romanze bis zu den Momenten mit dem größten Sog, beim Show-Down durch die Barrikaden, zur feschen Art eines Blair-Witch-Projects. Und eben Telenovela, mit gefühligen Szenen dazwischen, aber nie nur des Gefühles willen, sondern weil die Handlung das verträgt, sozusagen, ein Minihauch an Ausschweifigkeit, und zwischendrin immer wieder diese Goya-Farben und Lichteffekte (die die vermutlich ohne großen Aufwand herstellen, lediglich mit Filter und Lichtreflexen auf die Hauptdarsteller, und dem Verzicht auf Ausleuchtung der Hintergrundräume).

Ein Film, der nicht nur aufregend erzählt, wie Lateinamerika versucht seine Vergangenheit aufzuarbeiten, sondern auch die Gegenwart im Kino brisant werden zu lassen. Das Buch zu diesem Film, den man sich gut merken kann, hat Paul Laverty geschrieben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.