Ich reise allein

Aus einer ruhigen Erzählposition heraus schildert der Norweger Stian Kristiansen die Geschichte, die Tore Renberg geschrieben hat. Vielleicht liegt es auch an der Behaglichkeit skandinavischer Winternächte, dass man sich Zeit lassen kann und immer wieder in der Erzählung, wie in trauter Runde hin und wieder einen Schnaps, einige geistige Erörterungen einbauen kann über Proust oder Fasching, die stehen sich in nichts nach, was den Erzählgehalt betrifft.

Hier geht es um Jarle Klepp, der rotschopfige Rolf Kristian Larsen spielt ihn, der im Film 25 Jahre alt ist, Student und Single und nebst dem Hauptaugenmerk auf seiner Dissertation über die Proustsche Onomastik noch genügend Zeit zum Feiern und für die Frauen hat. Eine Nacht allerdings, die hat er vollkommen vergessen – der Film erinnert sie gleich zu Beginn – und zwar vor genau sieben Jahren und neun Monaten. Er ist damals betrunken im Bett von Anette Hannsen gelandet, sie wird gespielt von Marte Opstadt, und Kondome – forget about it. Das wird ihm am Folgemorgen, wie er nackt im Doppelbett aufwacht, schlagartig bewusst. Er versucht nun mit einem Kollegen durch Lüften des Rockes der noch schlafenden Anette zu eruieren, ob was passiert sei, ein absurdes Unterfangen aber genau eine ausführliche Episode einer nordischen Erzählung wert, die somit auch über das nordische Erzählen was berichtet, dass man so ein Detail, was auch ganz anders abgehandelt werden könnte oder gar nicht geschildert zu werden bräuchte, der Geschichte diese eigenartige Würze und Lakonie verleiht.

Jarle hat die Episode vollkommen vergessen. Sieben Jahre und neun Monate später erhält er – er studiert in Bergen und wir schreiben das Jahr 1997 – einen Brief von Anette. Darin erfährt er, dass er Vater eines siebenjährigen Töchterchens ist und dass dieses auf dem Weg zu ihm nach Bergen sei, denn die Mutter bräuchte dringend Urlaub. Er möge das Mädchen am Flughafen abholen, es würde eine Woche bleiben und hätte außerdem noch Geburtstag in dieser Zeit.

Was macht also der nordische Erzähler? Er setzt unseren Jarle, der sich am Tag vor diesem überraschenden Treffen einen angesoffen und dann erbrochen hat, in einen leeren Flughafenbus, platziert genau noch eine Passagierin eine Reihe hinter ihn, und diese Frau fängt mit ihm prompt ein Gespräch über das Glück mit den Kindern an. So bereitet man ein Thema ohne Hast vor. Das Töchterchen heißt übrigens Charlotte-Isabel und Jarle findet den Namen gar nicht lustig.

Jetzt dürfen wir erleben, wie Charlotte-Isabel unseren Protagonisten allmählich aus seinem wissenschaftlichen Elfenbeinturm rausholt, wie sie Vertrauen zueinander fassen. Die Mutter von Jarle findet sich plötzlich als glückliche Oma und will sich dieses Glück nicht nehmen lassen. Täglich erhält Charlotte-Isabel mehr Onkels, denn die ganzen Kommilitonen von Jarle sehen darin eine dankbare Rolle für sich. Auch Charlotte-Isabel entgeht das Faszinierende dieser bunten, nonchalenten Studenten-Welt nicht.

Für die melancholische Note sorgen Tod und Begräbnis von Prinzessin Diana, was Charlotte-Isabel immer wieder am Fernsehen sehen will, denn ein bisschen möchte auch sie sich als kleine Prinzessin fühlen. Die Welt von Universität und Studenten stehen diesem Gefühl in nichts entgegen.

Wie dann ihre Mutter auftaucht, wandelt sich unsere Erzählung kurfristig zum Soziodram aber Gitarrenzupfmusik verhilft dazu, die Kurve zur Lakonie wieder zu kriegen. Auch die Tamagochis spielen eine Rolle, die niedliche japanische Modeerscheinung, die wie eine Heuschreckenplage vor einigen Jahren unseren Planeten überzogen hat, man muss diesen Spielzeugen immer wieder Zuwendung geben, sonst sterben sie; welche Mode aber auch wieder von einem Tag auf den anderen verschwunden ist. Weil das Erzählen so Spaß gemacht hat und weil wir die Figuren so lieb gewonnen haben und weil noch dazu der nicht-leibliche Vater von Charlotte-Isabel sie und ihre Mutter hat sitzen lassen, so beenden wir die Geschichte als schöne Romantic Comedy, das kann uns nun, da wir so lange aufmerksam ausgehalten haben, keiner mehr verwehren.

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