Sommer der Gaukler

Rosenmüller zeichnet ein ungehobeltes, wüstes Menschentum, Figuren, die stolzieren und blöken als hätte ein Laie und nicht der Herrgott die Menschen geschaffen (so wie Hamlet in seiner Rede eine bestimmte Art von Schauspielerei als abschreckendes Beispiel anführt), ein Kino zwischen Alptraum, Aufwachen, Zähneputzen und Morgengymnastik, Figuren, die alle nicht richtig sprechen können als ob sie Zahnlücken hätten, ein Kino, das dem Zielpublikum, den Kurgästen in bayerischen Alpenvorlande in BadTölz oder Bad Aibling ein herrliches Zerrbild ihrer Selbst vorführen soll.

Ein Kino, das klar macht, dass es sich weder für Godard noch für Melancholia interessiert. Ein Bauerntafelnmalerei-Genrekino. Rosenmüller interessiert mehr die malerische Bildtafel mit Bauerndeppen drauf als eine spannende Geschichte. Insofern die Möglichkeit des Kinos nur teilweise genutzt, mehr vom Bildnerischen und vom Sound her, nicht aber von der Möglichkeit des Kinos, eine spannende Geschichte aufzubauen und zu erzählen. Die Geschichte selbst, das vermittelt er uns im Untertext, die scheißt ihn nur an, es reicht doch vollkommen, wenn wir in Adlkofen, Grabenstätt und Miesbach, in Lalling oder Prittriching Erfolg haben, was wollen wir ein Kino für die Welt machen.

Oder: was Rosenmüller in „Wer früher stirbt, ist länger tot“ mit dem Bauerntheater-Strang schon verheißungsvoll angefangen hat, das führt er jetzt robuster, tollkühner (aber noch lange nicht so, dass er mit Hieronymus Bosch gleichziehen könnte) fort: die Malerei von der Menschheit als etwas Misslungenem (Aufgabe an den Caster: stellen sie ein Ensemble zusammen, was absolut drittklassig ist, was weder richtiges Bühnendeutsch sprechen noch richtig gehen oder sich in klassischen Kostümen bewegen kann, was grimassieren und utrieren kann und die theaterkulturell verpönte Zeigefingergestik einsetzt); die Menschheit als etwas Misslungenes darzustellen, das gelingt Rosenmüller recht plausibel; nur ist das leider nicht abendfüllend; selbst der Trash braucht eine spannende Geschichte, erst recht, wenn er fast zwei Stunden lang sein soll.

Wenn Prittwitz an der Knatter eine Kinokultur hätte, dann wäre Markus H. Rosenmüller einer ihrer herausragenden Exponenten. Oder man könnte zu formulieren versuchen: für die Geschichte, die davon handelt, wie der Theaterleiter Schikaneder Mozart kennenlernte und wie er in einem Bergdorf, in dem es gerade Spannungen zwischen Bergarbeitern und dem ausbeuterischen Kapitalisten gab, aus Geldmangel hängen geblieben ist, für diese Geschichte also, die im ausgehenden 18. Jahrhundert spielt, stellte er sich ein Ensemble aus Knattermimen zusammen, damits schön kracht und knattert und mimt.

Kommen wir zu den Glanzpunkten dieses Filmes. Da ist zum einen die Songnummer mit dem Hebel, den die Bergarbeiter singen, wobei der Chorführer Maxi Schafroth als Erwin Steinhauer aus dem Allgäu stimmlich herausragt, weil melodisch und gefühlt und inhaltlich. Auch den zweiten Glanzpunkt dieses Filmes verdanken wir dem Nachwuchskabarettisten Maxi Schafroth in seiner letzten Szene, wie er mit zwei Handkoffern und Huckepack auf seiner Angebeteten über einen Bergweg getragen wird und mit einer anrührend traurigen Komik erzählt, wie er aus dem Allgäu hierhergekommen sei. Der Rest ist Schweigen.

Nicht ganz. Die Musik verfolgt offenbar eine ganz andere Intention als das Theater in diesem Film, sie gibt großes Konzert und große Kunst vor. Was die Absicht dahinter ist, was damit ausgesagt werden soll, das bleibt mir rätselhaft. Ob das der Rahmen sein soll, der klar macht, dass es sich hier um Klamotte handelt, bei der der Regisseur, falls ihm mal fad wird, noch einen Hahn oder ein Schwein in die Szene bugsiert. Ob die Musik das Parodistische an diesem Film, das unfreiwillig Parodistische, also das nicht gekonnt Parodistische unterstreichen sollte? Großes Orchester zu kleiner Kunst. Fröhlicher Voralpentrash, der keinem was will. Eine Hommage an Mozart kann diese Musik jedenfalls nicht sein.

Rosenmüller pfeift auf jegliche Art von prononcierter Könnerschaft, von Beherrschung von Sprache, Gang und Gestik, findet dies nur langweilig (man mag ihm diese Skepsis dem Geschleckten und Perfekten gegenüber nicht mal übel nehmen). Ein Hoch auf die programmatische Drittklassigkeit. Es muss sich was tun vor der Kamera, egal ob es Sinn macht. Nur nicht in den langweiligen Bahnen des Erlernten, Überprobierten, Überstudierten lahmen.

Wenn der Film weniger als eine halbe Million gekostet hat, dann könnte ich mir vorstellen, dass er sich mit dem Verkauf an die Kurorte halbwegs amortisieren liesse. Wenn er mehr gekostet hat, dann würde ich die Diskrepanz zwischen finanziellem Aufwand und geistig-künstlerischem Ertrag für mehr als bedenklich halten.

Als verantwortliche Autoren für das Drehbuch zeichnen Robert Hültner, Klaus Wolfertstettner, die sich damit nicht zwingend der Vorstellung von einem spannenden Kino andienen.

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