Ein junger Filmemacher, Rudi Gaul, nähert sich mit scheuer Naivität den Sängerikonen, für die seine Elterngeneration geschwärmt hat: Konstantin Wecker und Hannes Wader.
Gaul formuliert allerdings nicht primär die Verwunderung oder die Neugier seiner Generation darüber, dass Wader und Wecker einsten seinen Eltern geistige und emotionale Nahrung waren; nein, Gaul meidet den Generationenkonflikt, versucht geschmackvoll ein liebe- und respektvolles Portrait der beiden Sänger im Rentneralter auf Tournee durchaus im Sinne eines verehrenden Betrachters herzustellen. Das ist das was mir hier zu sehen scheint: ein Fanartikel mit vielen netten Runduminformationen, man erkennt ganz deutlich, was für einen Wagen Wecker fährt und welchen Wein Wader trinkt, oder dass Frau Wecker Gebäck für ein Geschäft in München herstellt.
Anlass für die Dokumentation war eine gemeinsame Tournee der beiden Sänger, eine Idee, die der umtriebige Wecker hatte, vermutlich nicht um die Welt zu ändern sondern mehr aus Marketing-Gründen; Synergie könnte man das nennen.
Hannes Wader, der sich selbst steif wie ein Stock und außerdem gescheitert sieht, machte mit. Auch er muss ab und an Geld verdienen, das denkt sich jedenfalls der Zuseher. Es dürften definitiv Geldbeschaffungsprobleme gewesen sein, eine andere Begründung für das Geschäftsmodell mit dieser Tournee wird im Film auch nicht vorgebracht.
Denn das Seniorenpublikum, was die beiden in der Jugend verehrte, ist heute recht zahlungskräftig. Andererseits vermehrt es sich nicht mehr; es muss aus biologischen Gründen mit Schwund gerechnet werden. Über die wirtschaftlichen Hintergründe jedoch kein Wort im Film, das ist schade und zwingt den Betrachter zu Spekulationen, wie eben angeführt und stützt dagegen den Eindruck von diesem Film als einer devoten Ikonenverehrung. Und wenn es nicht Einblicke in Fehler und Verfehlungen der beiden gäbe, die längst allgemein bekannt sind, dann hörte sich ihr heutiger Gesang stellenweise an, als ob ein alterndes Schlagersängerduo das Provinzpublikum mit einer Abschiedstournee erfreuen möchte.
Die beiden Herren sind, so ist zu erfahren, beide mehr oder weniger in ihre Karrieren hineingerutscht. Beide behaupten, sie hätten jeweils das gesungen, was sie beschäftigt hat. Wecker ist irgendwann in die Toscana geflohen, weil er hier zu berühmt war und weil jede politische Gruppierung ihn für sich vereinnahmen wollte, ihm sagen wollte, was er zu singen habe. Wader hatte sich eine Windmühle im deutschen Flachland gekauft. Vor einiger Zeit ist er mit seiner Frau nach Kassel gezogen. Er hat einen erstklassigen Weinkeller und erwähnt bei dessen Besichtigung ausdrücklich er sei kein Sammler, das sei der Stoff für ein Jahr.
Der Film ist sicher was für Nostalgiker. Aber dem Wader sind damals viele Fans abhanden gekommen, wie er in die DKP eingetreten ist; dazu gibt es schönes Archivfootage (was wie immer in solchen Filmen sowieso das Spannendste ist; den Äußerungen, den Selbstäußerungen den Protagonisten gegenüber wäre ich eher skeptisch, so wie Wader sagt, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sei er sowieso viel skeptischer geworden, und seine Frau meint, die Hingabe, die er vorher gehabt habe, die sei nie wieder gekommen, nie wieder diese Begeisterung, sagte sie).
Wader ist noch zu Kriegszeiten zur Welt gekommen, er hatte nie ein Vater-Sohn-Verhältnis, weil der Vater an Front gewesen ist.
Der Film bringt viele Liedausschnitte.
Die beiden singen zusammen, manchmal Wecker zum Beispiel auf bayerisch oder italienisch und Wader dann auf deutsch. Wecker, der Münchner Glamour-Boy.
Dat Du miin Leefste büst (Wader Holländisch, Wecker deutsch) und zum Mitsingen. Volksliedabend. Seniorenbusiness. Angenehmer Film für den Seniorennachmittag.
Waders RAF-Intermezzo, die Verhaftung, weil er Gudrun Ensslin Unterkunft gewährt hat, ohne dass er wusste, wer sie sei; hatte heimliche Sympathie. Es folgen Schleyer-Video, Mauerfall-Video. Immer schön an der Zeitgeschichte bleiben. Nach Eintritt in DKP sind bei Wader die Einkünfte um 60 Prozent eingebrochen, die Leute haben ihm die zerderpperten Platten zurückgeschickt. Chor der Parteiveteranen, er also Solosänger – wie aus einer Marthaler-Inszenierung, aber ohne jede Ironie.
Weckers Verhaftung, sein Kommentar: nie so viel Presse und Medien wie bei Koks, Verhaftung und Hochzeit. Wecker fabuliert über das wirkliche Leben angesichts eines exzessiven Lebens und des Todes. Sein Sohn, sein jüngster, darf ihn eine Szene abfragen für den Film „Wunderkinder“, dazu gibt es Bilder vom Dreh, in der Maske. Er darf auch den Laden vorführen, in dem Gebäck seiner Frau verkauft wird. Zum Ende hin träumt er noch die Utopie einer herrschaftsfreien Welt. Er selbst fährt einen schwarzen Lexus M KW 1647. Amin heißt sein mädchenhafter Sohn, der den Papa Wecker Rollentext abfragt. Dann die Familie Wecker beim Essen, noch zwei ältere Söhne, ganz brav und steif, ganz wohl ist ihnen nicht bei dieser Dokumentiererei.
Zum Schluss noch vielen, langen Applaus als letzter Beweis der Verehrerqualität dieses Filmes und seines Machers.
Das Buch schrieb Rudi Gaul mit Matthias Leitner.