Sarahs Schlüssel

Die Ehre gehört hier ganz der Geschichte, auch explizit. Warum werden Geschichten erzählt? Weil wenn sie nicht erzählt werden, gibt es sie nicht oder sie werden vergessen. Sie bauen uns eine Vergangenheit und ohne Vergangenheit keine Zukunft.

Die Vorlage zur dieser Geschichte bildet der gleichnamige Roman von Sarahs Schlüssel von Tatiana de Rosnay, von dem auch in der deutschen Übersetzung über 80’000 Exemplare verkauft worden sind.

Der Regisseur Gilles Paquet-Brenner gibt dem Buch, der Erzählung den Vortritt. Er hat am Drehbuch für den Film mitgearbeitet mit Serge Joncour. Sie nehmen sich selbst zurück. Sie versuchen sorgfältig den Faden der Geschichte nachzuerzählen. Dabei ist der titelgebende Schlüssel von Sarah, die die Hauptperson der Geschichte in der Geschichte ist, ein immer wieder auftauchendes Leit-Requisit.

Um Sarah und ihren Schlüssel herum wird die Rahmengeschichte erzählt, oder sie entschlüsselnd entwickelt sich die Entdeckergeschichte um die Geschichte. Die ursprüngliche Geschichte fand in der Besatzungszeit Frankreichs durch Deutschland statt. Eines von 10’000 jüdischen Schicksalen, die mithilfe der Franzosen in die KZs kamen; jener Tausenden, die tagelang im Velodrom in Paris, wo heute sinnigerweise das Innenministereium steht, unter grauhenhaften Umständen zusammengepfercht waren, wobei allein dort 100 Menschen Selbstmord begangen haben.

Unter diesen Menschen war auch die kleine Sarah mit ihren Eltern und sie hatte den Schlüssel für eben jene Tapetentür in ihrer Wohnung im dritten Stock in der Rue Saintoge 36, hinter der sie bevor sie mit der Polizei mitgehen mussten, ihren Bruder versteckt hatte. Den Schlüssel hatte sie mitgenommen. Der erste Versuch, den Bruder zu retten, schlug fehl. Sie wollte den Schlüssel einer jungen Frau anvertrauen, die erfolgreich aus dem Vélodrom d’Hiver zu fliehen versuchte; aber der Vater hatte den Schlüssel der Dame nicht mitgegeben. So behielt Sarah ihn bei sich, auch beim Transport ins KZ, auch wie sie mit der Mutter vom Vater getrennt wurde, auch wie sie von der Mutter getrennt wurde, auch wie sie mit einem anderen Mädchen aus dem KZ mithilfe eines verständigen Wärters fliehen konnte. Auch auf ihrem Weg zurück nach Paris.

Die Rahmenhandlung spielt heute. Kristin Scott Thomas spielt die Journalistin Julia Jarmond. Sie möchte über das Vélodrome d’Hiver einen großen Bericht machen. Parallel dazu kann sie in die Wohnung ihres Mannes ziehen, der wiederum diejenige seiner Eltern übernimmt, die zuvor schon 60 Jahre in der Rue Saintoge gewohnt hatten, es ist die Nummer 36. Dass sie diese Wohnung 1942 übernommen hatten, macht Julia stutzig. Sie fängt die Recherche an – und stösst auf die Geschichte von Sarah und ihrem Schlüssel.

Gilles Paquet-Brenner rührt seine Geschichte kräftig, aber ohne jedes Etepetete an; lässt gerade die Verhaftungs- und Vélodrome-Szenen laut und mit viel Vivacité und Energie spielen. Überzieht aber nie das Erzähltempo. Kommt ganz ohne filmischen Mätzchen aus. Überhaupt rührt ihn kein cineastischer Ehrgeiz, der der Geschichte irgendwie den Rang ablaufen könnte. Die Geschichte um die Entdeckung der Geschichte und die Geschichte von Sarah werden schön ineinander verzahnt erzählt, bis zu dem Moment, wo der Schlüssel wieder zum Vorschein kommt. Und fast nur informativ werden dann noch in einigen Szenen, die ziemlich abrupt zwischen Frankreich, Brooklyn und Italien spielen, drangehängt.

Eine der beklemmenderen Geschichten aus der Schwemme der Nazizeitfilme.

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