The Big Eden

Hilfreich für die Betrachtung dieses Filmes waren mir im Hinterkopf Otto Dix und mehr vielleicht noch George Grosz. Diese pointierten Zeichnungen und Gemälde von Menschen quasi am Rande der Menschlichkeit oder auch karikaturhafte Auswüchse der Großstadt. So konnte ich diesem Film im Nachhinein ungeahnten Reiz entlocken. Denn sein Objekt, es handelt sich hier um eine Dokumenttion von Peter Dörfler, der mit „Achterbahn“ schon ein sehr extremes Schicksal nachgezeichnet hat, ist hier der Playboy Rolf Eden, eines Juden, der den Weltkrieg dank Emigration der Eltern nach Israel überlebte und der dann über Paris zurückkam, um in Berlin mit Clubs Geld zu verdienen und mit schönen Frauen das Leben und den Sex zu genießen.

Wenn Film überhaupt sowas wie karikaturistische Malerei leisten kann, dann vielleicht mit solchen Portraits von Figuren, die sich selbst gerne darstellen, die ein Bedürfnis haben, sich vor der Kamera zu exponieren. Das tut Rolf Eden gern. Die Schlüsselszene ist insofern vielleicht diejenige am Rande eines Konzertes in einer Pause, da sitzt der alte Playboy mit seiner jungen, deutlich gelifteten Frau auf einer ruhig gelegenen Pausenbank, in sich zusammengesunken, fertig, fast reglos, konversationslos sitzen die beiden da, leer, hohl, nippen Wein. Da entdeckt sie ein Fotograf und wie ein Wildbach schießt das Leben in die beiden leblos geglaubten Figuren, sie recken sich, strecken sich, posieren wie junge Vögelchen, die auf die Fütterung warten, prosten sich zu fürs Bild.

Die erste Frage nach Verlassen des Kinos war allerdings die, muss ich mir das bieten lassen, muss ich mich wirklich dichte 93 Minuten lang dieser Selbstdarstellerei aussetzen? Ist es so spannend oder nicht sogar abgeschmackt, anderen Menschen beim vorgeblichen Glücklichsein zuzuschauen? Oder war es vielleicht purer Neid, nicht ein solches Leben führen zu können? War es die Erkenntnis darüber, dass ein glücklicher Mensch resp. einer, der sich zumindest ein Leben lang das Glück vorspielt, mit einigem materiellem Erfolg immerhin – fürs Kino nicht allzu ergiebig ist, ein Mensch, der auch von sich selbst sagt, er habe einfach Glück gehabt, der den Film einleitet mit einem Statement, dass es nach dem Tod nichts mehr gebe und dass er deshalb bis dahin jede Sekunde ein schönes Leben führen möchte.

Das überraschendste an dieser Dokumentation ist, dass vielleicht so alle zehn Minuten ein weiteres Kind von Eden samt Mutter präsentiert wird. Diese Kinder haben ein Alter von etwa 12 bis über 60. Eden selbst feiert im Film seinen 80. Geburtstag. Doch der Gesichtschirurg in Paris findet, dass er vor zehn Jahren gute Arbeit geleistet habe und es im Moment nichts zu liften gebe. Man könnte über Schönheit philosophieren bei einem solchen Film. Über die Schönheit der Frauen. Denn denen gilt sein Leben. Er sieht sich als hauptberuflichen Playboy. Sein Geld hat er mit Clubs im Berliner Nachtleben gemacht. Seine Eltern sind schon 1933 nach Jerusalem ausgewandert. Er hat dort in der Armee gedient. Hat sich nichts gedacht dabei. Wollte unbedingt nach Amerika. Das hat nicht funktioniert. So landete er über Paris schließlich nach dem Krieg in Berlin, weil dort Rückkehrern 6000 Mark Empfangsgeld winkte.

Ausblenden des Negativen. Eden will nichts Negatives hören, er will keine Besuche in Krankenhäusern machen, er will die Menschen erfreuen. Aber dafür müssen sie blechen. Die Kunden der Clubs mit ihren Eintrittgeldern und der Konsumation. Seine Frauen, indem sie sich von ihm zum Schönheitschirurgen schicken lassen, der ihre Gesichtszüge in Richtung Harmonie verändert, wie Eden sie sich vorstellt. Das war vielleicht der spannendste Punkt bei einer Diskussion in Israel, wie ein Freund von ihm das Thema Opfer und Judentum hinsichtlich Deutschland ansprach. Dass Eden wohl der einzige Jude sei, der in Deutschland lebe und sich nicht als Opfer sehe. Das wäre ein vertiefbares Thema.

Dörfler lässt Eden in einer immer wieder zwischen das Archivmaterial geschnittenen Szene sich selbst vor einem White Screen produzieren. Hier kommt die Angelegenheit der Malerei und damit Grosz und Dix am nächsten oder in der anfangs erwähnten Fotografenszene im Pausenfoyer oder auch wie sie zuhause in den weißen Morgenmänteln beim Frühstückstisch sitzen und Zeitungen darauf hin absuchen, ob sie drin stehen oder nicht. Elementare Einsamkeit könnte als Text unter der Szene stehen.

Er liebte es auch, Insturmente zu spielen oder singend aufzutreten. Musikalisch allzu ergötzlich sind diese Auftritte nicht. Auch seine Lache, die oft einen Kommentar oder einen Satz von ihm begleitet, hat etwas Stereotypes.

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