Romeos

Der Film erweckt durch die Besetzung des Hauptakteurs mit einem Schauspieler ganz offensichtlich im Übergang von Frau zu Mann (oder die Maske müsste unwahrscheinlich gut Brüste und Barthaare simuliert haben) – und da er das auch thematisiert – einen semidokumentarischen Eindruck. Der Faszination einer Figur zwischen den Geschlechtern ist schwer sich zu entziehen. Andererseits kommt einem der Film, gerade weil er die Transsexualität thematisiert, eher vor wie ein Ausflug in eine verschworene Familie, die uns ihre intimsten Geheimnisse preisgeben will und wenig wie ein Ausflug ins Kino, das uns freier entlassen sollte, als wir reingegangen sind. So wie das Thema hier angegangen wird, scheint der Film auch viel eher aus der Szene für die Szene gemacht. Unglaublich emotional, wie wir uns ein solches Minderheitenmilieu generell auch vorstellen.

Der Film geht auch nicht gleich in medias res. Er lässt Lukas, den Protagonisten, zuerst für sein soziales Jahr in ein Mädchenheim einziehen. Der Zuschauer muss sich vorerst mit der Info begnügen, bei den Jungen sei gerade kein Platz. Der Zuschauer hat als allererstes immerhin mitgekriegt, dass sich Lukas was spritzt, aber wer sich da nicht auskennt, konnte jedenfalls nicht erkennen, dass es sich um Präparate zum Aufbau von Männlichkeit und Muskeln handelt.

Lukas spricht oft in die Kamera und nimmt das selber auf oder chattet übers Internet, oft schaut er auch in den Spiegel und in dieser ersten Sequenz hat er sich gerade die 25fache Tagesration in den Oberschenkel gespritz. Wie er die Spritze füllt und sie sich reinhaut, das sieht hundertprozentig so aus, als hätte er dies nicht speziell für den Film gelernt, als beherrsche er das aus langer Erfahrung. Das macht zum Beispiel das kleine Fingerschnippen an die Spritze, wenn die Flüssigkeit drin ist, deutlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Schauspieler, der sich mit sowas nicht auskennt, auf so eine Idee käme und falls der Regisseur sie hat, sie so überzeugend ausführen würde.

Der Einstieg wäre leichter gewesen, wenn der Zuschauer gleich die volle Info über Lukas erhalten hätte. Dann hätte der Film nicht erst eine Weile rumdrucksen müssen, hätte sich so selbst besser auf die Story konzentrieren können. Wie es ist in so einem „Erklär“-Film, müssen jetzt lauter Situationen gezeigt werden, die für Lukas brenzlig sind, denn wie gesagt, er hat noch einen Busen, er trägt einen Gummipimmel in der Hose, zwengs der Wölbung und ausgerechnet den schnappt sich einer, während er bei einer Party auf der Toilette sitzt, einer, der sich in der Badewanne hinterm Vorhang versteckt hat, schnappt sich das Teil und es wird zum Gaudium der Fete.

Eine Freundin von Lukas, Ine, hat ihm den Zivi-Job verschafft. Sehr deutlich werden auch die ganzen behördlichen Schwierigkeiten gezeigt, die eine sexuelle Transformation mit sich bringt. Vor allem zum Zeitpunkt, wo der Mann zwar schon Barthaar und Muckis und tiefe Stimme hat (darauf macht uns Ine aufmerksam beim ersten Treffen).

Dann die ständige Angst vor Entdeckung. Denn Lukas ist auf dem Weg von der Frau zum schwulen Mann und verliebt sich weiter in Männer. Sein Traum ist Fabio, ein recht smarter junger Darsteller, schwarzhaarig und mit allen Insignien einer klaren männlichen Jugendlichkeit ausgestattet. Diese Liebe ist so der lose geschlagene Handlungsfaden, immer wieder unterbrochen von Szenen, die auf die Schwierigkeiten der Lebenssituation von Lukas aufmerksam machen. Man sieht ihn auch nur einmal bei der Arbeit, wie er einige Plastikeimer in die Küche wuchtet. Es ist mehr eine Anhäufung von Verständnisweckszenen. Und erst am Schluss nach vielem Auf und Ab, denn auch Fabio kommt dahinter, wer Lukas ist, behilft sich der Film mit einem rührenden und zu Herzen gehenden Romantic-Comedy-Ende.

Identitätsproblemfilm.
Anziehproblemfilm.
Das Problem mit den weggeschnürten Brüsten.
Die Hände immer vor der Brust verschränkt.
Das Problem beim Baden.

Das ist vielleicht das Problem dieser Art von Problemfilmen. Kein Mensch interessiert sich doch für die Probleme anderer, schon gar nicht im Kino, behaupte ich gerne. Im Kino möchte der Zuschauer Spannung, Abenteuer, Unterhaltung; wenn die dann geschickt das Thema Transgender einbaut, tant mieux! Wenn aber ein Film um ein Problem herum gebaut wird, wird er immer, wie hier, ein reiner Insiderfilm bleiben, mag er noch so sorgfältig und gefühlvoll gemacht sein. Gut gemeint. Aber vielleicht wäre es spannender, wenn Lukas ein Tatort-Kommissar wäre, und ab und an damit konfrontiert, seine Geschlechtssituation nicht auffliegen zu lassen.

Die Freude über den ersten Männerschweiß, wen interessiert das sonst.
Frau Lennart (Lukas). Er ist FTM, female to male. Eigentlich müsste es heißen, FTG, female to Gay. Erste Geschichte mit Fabio: die Lederjacke.
Diese Liebesgeschichte leider nur randständig behandelt. Es wäre für die breitere Wirkung des Filmes sicher sinnvoller gewesen, sich voll und ganz dieser Liebesgeschichte mit all ihren Komplikationen zu widmen. Vorbild: Brokeback Mountain. Romeos ist aber weit davon entfernt, so universell erzählt zu werden. Er hängt eher leicht triefend im zähen Saft des Semidokumentarischen.

Drum muss doppelt unterstrichen und gesperrt gedruckt werden, das Recht, Spass zu haben. Insofern sogar Agit-Prop-Film, aber eben das auch nicht dezidiert. Ein Aufschrei-Film, das wäre sowas. Die Haltung der Macherin Sabine Bernardi ist vielleicht die aus Faszination, Mitleid, Wohlgesonnenheit, eine Melange aus diffusen Gefühlshaltungen und schon gar keine klare Haltung zum Geschichtenerzählen außer der, dass es gefühlvoll bis zum Rande der Schwülstigkeit sein müsse.

Teils sogar Hygienproblemfilm.
Dann Lehrfilm: die OP-Infos, die sich Lukas vom Netz runterlädt.
Antrag abgelehnt, Frau Seidel.
Auch sehr inensiv gefilmt: Anbandel- und Schmachtblicke in der Disco genau so wie beim Billiard.
Der Witz mit der Nudel, wie er zu den Männern zieht.
Sicher ist Transgender ein großes Problem für den Betroffenen, macht ihn vermutlich überdimensional narzisstisch nur mit sich selber beschäftigt. Umso mehr hätte der Film die Distanz schaffen sollen. Und nicht sich hergeben als Medium, diese Selbstbeschäftigung noch zu überhöhen.

2 Gedanken zu „Romeos“

  1. Wow.
    Ich bin etwas sprachlos nach Lesen dieses Kommentars. Leider nicht im positiven Sinne.

    Zum Einen verwechselt der Urheber anscheinend Schauspieler und Rolle (nichts allzu unnormales- das machen Andere auch gerne, zB mit Autor und Erzähler). Schon mal daran gedacht, dass man Nachforschungen anstellt, wenn man über ein spezielles Thema berichtet? Ich vermute, sowohl Regisseur als auch Schauspieler haben sich intensiv mit dem Thema Geschlechtsumwandlung beschäftigt um solche „Insider“informationen wie das Luftschnippsen realistisch darzustellen.
    Weitherhin spricht er den deutschen Maskenbildnern einiges an Kompetenz ab. Wenn ich sehe, was meine Freundin im sechsten Monat Maskenbildnerei schon kann…schade, dass sie da anscheinend die Einzige ist, die Barthaare authentisch hinbekommt. (Ironie aus, wer es jetzt noch nicht bemerkt hat.)
    Mal ganz abgesehen von der wirklich extrem wichtigen Frage, ob der Hauptdarsteller in echt auch eine HauptdarstellerIn (respektive Hauptdarsteller…ähm.) ist, stellt sich mir die Frage- ob das nicht eigentlich egal ist. Ist aber interessant, schließlich geht es in dem Film auch genau über diese lebenswichtige Frage: was ist er/ sie denn jetzt? Zumindest der Film kommt zu dem Schluß: ist eigentlich nicht so wichtig.

    Ein Erklärfilm?
    Über Minderheiten?
    Entschuldige bitte. Meiner Meinung nach ist Romeos alles andere als ein Erklärfilm über diverse Problemchen, die der Verfasser dieses Reviews so lapidar nebeneinander stellt. Auch das Etikett Dokumentarfilm lassen mich etwas verwundert zurück. Hat der Verfasser vielleicht noch nicht so viele Dokus schauen dürfen? Das würde diesen Kommentare erklären.
    Und zum Thema Minderheiten und Insiderfilm: eine solche Minderheit sind Transgender/Intersexuelle nicht wirklich. Vielleicht liegt es am Umgang mit diesem Thema, dass die Öffentlichkeit sich ihrer nicht so bewusst ist. Der Verfasser nennt den Film zu emotional und daher szenebehaftet. Ich würde mal behaupten, dass es nichts emotionaleres gibt, als sich einer solchen Identitätsfindung zu stellen. Wobei Lukas seine ja schon fast gefunden hat- nur sein Körper muss noch folgen. Zu emotional? Ich könnte es mir nicht besser vorstellen.

    Ein Tatortkommissar, ab und an damit konfrontiert, seine Geschlechtsidentität nicht auffliegen zu lassen? (Lustig, kleine Anmerkung am Rande: 2008 hat der Schauspieler im Tatort mitgespielt.) Warum sollte das spannender sein? In diesem Film geht es um Jugendliche, bzw Noch-nicht-Erwachsene, die in ihrer speziellen Welt leben.Und gerade Teenies beschäftigen Beziehungen eher als Zividienste. Tun wir das nicht auch? Warum sollte der Film über seine Arbeitsstelle gehen? Wenn ich an spannende Situationen aus meinem Leben denke, dann fällt mir auch erst an x-ter Stelle mein Job ein.

    Ich wüsste jetzt noch tausend Dinge, die ich zu diesem Film und dem vorliegenden Review schreiben könnte, aber angesichts der Uhrzeit und meines Grippebrummenden Kopfes lasse ich es lieber.

    Nur noch eins: Romeos ist absolut sehenswert. Trotz Emotionalität und (ja, manchmal ein klitzekleines bisschen) schnulziger Liebesgeschichte.

  2. Vielen Dank, Lisa, für Ihr ausführliches Feedback.
    Dass wir uns nicht falsch verstehen: ich schreibe ausdrücklich von „semi“-dokumentarisch, weil mir die Grenzen fließend erschienen.
    Zwei Dinge sind ausdrücklich als Komplimente gedacht. Erstens der Vorschlag mit dem Tatortkommissar. Auf die Idee bin ich just deshalb gekommen, weil Rick Okon da schon mal mitgespielt hatte (inzwischen scheint noch ein weiterer Auftritt dazu gekommen zu sein). Dasselbe gilt für das Fingerschnipsen: wenn er das ohne jede Vorahnung sich für den Dreh antrainiert hat, dann ist das meines Erachtens eine ausgezeichnete Leistung. Weil mir das überzeugend Glaubwürdigkeit vermittelt.
    Das Fazit meiner Betrachtung ist und war, dass ich es schade finde, dass so ein Thema so themenspezifisch und nicht in eine universelle Geschichte verpackt erzählt wird. Weil dadurch der Wirkkreis deutlich eingeengt bleibt. In den USA sind laut IMDb gerade mal 773 Dollar eingespielt worden. Zahlen über das deutsche Einspielergebnis sind mir nicht bekannt.

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