Michel Petrucciani – Leben Gegen die Zeit

Dafür, dass es sich um eine der üblichen Dokumentationen über einen unüblichen Menschen handelt, ist sie recht al Dente geraten, gut genißbar und man kann was haben davon. Michel Petrucciani war ein legendärer Jazzpianist, ein Zwerg kaum größer als ein Meter und mit der Glasknochenkrankheit geboren worden.

Michael Radford fängt seine Dokumentation mit Röntgenbildern von den verbogenen Knochen an und auch mit der Uhr, die unweigerlich tickt, die wird auch immer wieder eingeblendet, denn Petruccianis Lebenserwartung war zum vornherein weit unter dem Durchschnitt. Das war vielleicht der Grund für ein außerordentlich exzessives Leben. Letzteres wurde mehr durch die in solchen Dokumentationen üblichen Interviews vermittelt als durch Live-Berichterstattung, denn Petrucchiani hat unser Jahrtausend nicht mehr erlebt. Eine Doku post mortem.

Er wurde in den Sechzigern in Frankreich geboren. Sein Vater hatte ein Musikgeschäft. Er und seine Brüder sind mit Instrumenten aufgewachsen und Michel wusste schon ganz früh, dass ihn nur das Piano und nur das Piano interessiert. Am Piano verbrachte er seine Jugend und auch den größten Teil seines erwachsenen Lebens. Was ihn faszinierend machte und was auch der Film wunderbar rüberbringt, das ist seine Lebensenergie, sein Willen, auch sein Humor, sein Umgang mit seiner für uns doch furchtbaren Krankheit; man durfte ihm kaum auf die Schultern klopfen, denn es bestand immer die Gefahr von Knochenbrüchen.

Selbst wenn er seine Hände kaum mehr bewegen konnte, spielte er Konzerte, als ob nichts wäre. Der künstlerische Raum, der Wunder vollbringt. Er wurde zu einem populären Weltstar mit riesigen Plattenauflagen. Er gab bis zu 220 Konzerte im Jahr; andere Jazzer sind zufrieden, wenn sie es auf 40 bringen. Und da Italien als Koproduzentenland firmiert, muss selbstverständlich auch ein Konzert mit dem Papst rein. Der wollte ihn in die Arme nehmen auf seinem Thron, aber Petrucciani verbeugte sich artig unten an den Stufen und drehte ab.

Ein eigenes Kapitel sind die Frauen. Er sei stets „horny“ gewesen erzählt er. Und er hatte einen großen Verschleiß an Frauen. Von einem Tag auf den anderen ließ er die eine fallen, weil ihm die nächste, die ihm besser passte über den Weg gelaufen ist. Solche Exen kommen genügend zu Wort. Wobei Radford auf eine Vertiefung der Problematik einer solchen Beziehung verzichtet, die durch das Startum des Kleinwuchspartners bestimmt noch schwieriger wird.

Die Tonspur hält viel feinste Jazzmusik bereit, viele Mitschnitte von Auftritten Petruccianis. Er hat auch einen Sohn gezeugt und es war früh klar, dass der auch die Krankheit hat, der kommt auch ein paar Mal zu Wort, ist aber nicht sonderlich ergiebig. Köstliche und besonders leicht genießbare Kost sind Anekdoten, wie die, die Roger Willemsen berichtet, der ihn näher kannte, dass er einmal nachts aus Paris bei ihm in Hamburg angerufen habe, ob er nicht was unternehmen könne, seine Frau habe ihn in der Wohnung eingeschlossen, weil sie es nicht gerne sehe, wenn er mit anderen Frauen unterwegs sei und er solle doch was unternehmen, um die Wohnung aufzukriegen und Willemsen hätte das dann tatsächlich geschafft.

Die Klammer im Film ist konsequent, kurz vor Schluss ertönt das Martinshorn und eine Röntgenaufnahme von den verbogenen Knochen ist zu sehen. Ein bisschen grausam wollte der Filmemacher schon sein.

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