Habemus Papam – Ein Papst büxt aus

Nanni Moretti schafft es nicht, den Papst zu therapieren, das ist eine filmendogene Erkenntnis, denn sie betrifft Nanni Moretti als Schauspieler, der in seinem eigenen Film einen Psychoanalytiker spielt und den Papst, den neugewählten, der nicht auf den Balkon treten will, in der dadurch bedingten Verlängerung des Konklaves therapieren soll.

Der Satz trifft aber in gewisser Weise auch filmexogen zu, denn Nanni Moretti führt ebenfalls die Regie und hat mit Francesco Piccolo und Federica Pontremoli zudem das Buch geschrieben, aber auch damit gelingt es ihm nicht, die katholische Kirche qua Vatikan vom pompösen Auftritt als geistlicher Macht zu kurieren, falls er solches überhaupt intendiert hat.

Es gibt durchaus Hinweise, dass er das möglicherweise versucht hat, denn den Übergang am Anfang des Filmes vom realen Vatikan mit den prächtigen Aufzügen der Geistlichkeit und den gläubigen Massen zum fiktionalen Konklave inklusive Einzug der Kardinäle in dasselbe; die Kardinalsgesichter sind nur ein Tick zu grob geraten, ihr Gang ist nur ein Tick zu schwankend und zu wenig feierlich und ihre Stimmen sind nur ein Tick zu laut. Sonst ist die Kontinuität vom Realen ins Fiktionale Moretti wunderbar gelungen, wie ihm sowieso alle Szenen wunderbar gelingen.

Er zeigt überzeugend, was für einen Sog solch Aufwand an Kostümen, Choreographie, Rhyhtmus, Menschen, Massen und Gewändern entwickelt, welche Unwiderstehlichkeit; die lässt er den Zuschauer spüren, gibt ihm sogar das Privileg, im Innersten des Konklaves Mäuschen spielen zu dürfen. Indem er dem Zuschauer dieses exklusive Geheimnis eröffnet, macht er ihn zum verschworenen Genossen.

Es sind alte Tricks, aber immer wieder bewährt, wie man Szenen, die man nie im Leben gesehen haben kann, fiktional glaubwürdig erfindet, und Moretti beherrscht sie aus dem Effeff; wie die Kardinäle bei jedem Wahlgang mit einem eigens bereit gelegten Füller einen Namen auf ein Kärtchen schreiben, wie einer zu erhaschen versucht, was der andere schreibt, wie die Zettel abgegeben werden; dann die Auszählung der Stimmen, wie es dem Buchführer mit der Verlesung der einzelnen Stimmen zu schnell geht und er beinah die Übersicht verliert; draußen die Reporter, der eine, der vom Bildschirm her gar nicht dechiffrieren kann, ob der Rauch jetzt weiß (habemus) oder schwarz ist (vom Verbrennen der Zettel, was auch absurd ist, denn auch für den weißen Rauch müssen die Zettel verbrannt werden, denke ich). Wie sich dann beim dritten Wahlgang der Überraschungskandidat Melville, gespielt vom alten grandiosen Schauspieler Michel Piccoli, herauskristallisiert (eine filmgeschichtliche Anspielung oder Setzen einer filmhistorischen Latte mit dieser Namensgebung oder bloß ein kleines Witzchen?). Wie Piccoli alsbald die Krise kriegt. Wie er kurz bevor er mit seiner Entourage den berühmten Balkon hoch über dem Petersplatz betreten soll, sich auf einem Stuhl niederlässt, dann ganz kurz und mit Links einen Ausbruch mimt, den er mit seiner jahrzehntelangen Schauspielererfahrung nullkommanichts aus dem Ärmel schüttelt, die langen Gesichter auf dem Balkon, die Erwartungshaltung der Menge, die Triumphrufe, dann das Abebben, wie Piccoli sich entfernt, durch lange Gänge irrt, in einem Zimmer landet.

Bis dahin ist es spannend, immer die Frage, was nun. Dann verspielt sich leider das Thema; Piccoli mimt großartig einen alten Mann, der halb vielleicht Alzheimer haben könnte, der verunsichert ist, der sich das Papstamt nicht zutraut, der also mit seinem ganzen Verhalten das pompöse Protzenspiel der Kirche ins Wanken bringt, der in der Stadt vor seinen Bewachern abhaut. Ein Schweizer Gardist darf inzwischen in den Papstgemächern den Papst mimen mit gelegentlichem Zupfen an den Vorhängen oder Vorbeigehen als schnelle Silhouette, um ein Geraune bei den Beobachtern auszulösen. Piccoli sucht derweil seine Psychiatrin auf, landet in einer Pension, stößt auf eine Theatertruppe, die Tschechows Möve spielt, in ihm kommt die alte Schauspielerleidenschaft hoch (der Vorgängerpapast zum jetzigen, der hatte in seiner Jugend ein Theaterstück geschrieben) und der päpstliche Sprecher ist ein Pole, dargestellt vom polnischen Star Jerzy Stur. Die Kardinäle, die im Konklave verharren müssen, vertreiben sich die Zeit, bis der Name des neuen Papstes verkündet werden soll, mit Karten- und mit Ballspielen im Hof, da wird’s dann arg zügig.

Die Qualität des Papstes, „der ausbüxt“, wie es im deutschen Titel erklärend heißt, ist sicher die immer noch exzellente Schauspielerei von Michel Piccoli, der fasziniert, egal was er spielt und es bereitet eine Weile lang durchaus ein Vergnügen, zu wissen, hier im Bus, hier im Cafe, hier im Hotel, dieser leicht verwirrt scheinende Alte, das ist der eben gewählte Papst und keiner weiß das, aber dieser Gag erschöpft sich schnell; Michel Piccoli trägt eine Weile; aber mit reiner Schauspielerei kann so eine dünne sich wiederholende Situation nicht aufgewogen werden, was mir das Hauptproblem am Buch von Moretti scheint, als Koautoren werden in der IMDb noch Francesco Piccolo und Federica Pontremoli angeführt, nämlich dass er uns den exakten Konflikt, der den Papast dazu veranlasst, das Amt nicht anzunehmen, vorenthält.

Es gibt zwar thearpeutische Sitzungen, sowohl mit dem amtlich bestallten Moretti als auch mit Piccolis bisheriger Psychiatrin und da gibt es Fragen nach der Jugend. Da uns aber der Hauptkonflikt, warum er das Amt nicht annehmen kann, nicht eröffnet wird, was natürlich, wenn man das schon vor dem Konklave wüsste, die Spannung potenzieren könnte, so entsteht der doch recht flache Eindruck, dass Moretti mit uns ein wenig Floss fahren will auf dem Kitzel des Reizes kirchlich-pompöser Macht und eines Spieles mit dieser.

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