Hier versucht sich wieder einmal eine Schauspielerin, Pernilla August, an Drehbucharbeit und Regie. Pernilla August ist sehr erfolgreich als Schauspielerin, hat schon mit Ingmar Bergman gearbeitet. Der Roman, den sie hier verfilmt, stammt von Susanna Alakoski, war deren Erstling und wurde ein Verkaufshit in Schweden. Dass der Film es bis Deutschland geschafft hat, dürfte dem Umstand zu verdanken sein, dass die Hauptrolle von Noomi Rapace gespielt wird, die hierzulande in der „Millenium-Trilogie“ bekannt geworden ist.
Die Geschichte ist die einer Frau, Leena, die in richtig verkommenen familiären Verhältnissen aufgewachsen ist, der Vater ein Trunkenbold und Grobian und die Mutter auch total überfordert mit diesem Mann und den beiden hübschen Mädchen. Was Leena am Leben erhalten hat, war das Schwimmen, der Sport, die Leistung. Sie hat dann mit ihrer Mutter gebrochen und ein eigenes Familienleben, das hier als glücklich geschildert wird, begonnen, sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Der Anruf, dass die Mutter im Sterben liege, bringt die Geschichte in Gang und so fahren Leena und ihre Familie los. Die Vergangenheit holt Leena ein. Schon auf der Fahrt zur Mutter und dann auch während des Besuches werden heftig Rückblenden an ihre eigene Kindheit eingearbeitet. Wie der Vater den Weihnachtsbaum umwirft, wie die Küche verwahrlost ist, wie ihr Bruder nur noch Haut und Knochen ist und kaum was essen mag. Erstaunlich, dass das Töchterchen trotzdem immer aussah wie aus gutem Hause und sehr ruhig und beherrscht war und versucht hat, sich um das Brüderchen zu kümmern. Das ist dann aber gestorben. Der Vater auch irgendwann. Leena macht sich heute noch Gewissensbisse wegen dem toten Brüderchen. Und sie kompensiert die familiäre Katastrophe mit sportlichen Anstrengungen beim Schwimmen.
Der Besuch bei der alten Frau ist, wie zu erwarten, nicht sehr erfreulich. Sie liegt mit Schläuchen im Spital und äußert den Wunsch, sie möchte mit der Urne ihres Schlägers und Alkoholikers von Mann begraben werden. Es kommt zu Diskussionen. Das wird sehr gefühlig geschildert. Es scheint, als wolle die Regisseurin unser Mitgefühl für diese furchtbaren sozialen Verhältnisse gewinnen. Es wird viel geweint und geschluchzt und geschrieen und auch gestritten.
Es ist eine schwer zu spielende Situation, so wie der Film anfängt, Leena und ihr Mann liegen im Bett, lieben sich, da aber die Kinder reinkommen, soll er sich schlafend stellen und dann kommt der Anruf. Erst das Glück und dann die Erstarrung. Hier zu zeigen, wie eine vollkommen verdrängte Vergangenheit in ein vorgespieltes oder gar vorgelogenes Glück hineinbricht. Später wird es auch darum gehen, was die Mutter sich alles vorgemacht habe. Aber es ist schwierig, scheint mir für die Hauptdarstellerin, die eine sehr hübsche Person ist, und wenn sie mit dem Anorak im Krankenzimmer ihrer Mutter auftaucht fast eher an eine Tatort-Kommissarin erinnert, sie ist kein kaputter Typ und außerdem müssen Frauen im Kino schön sein, es fehlt dann doch die Kaputtheit bei dieser Besetzung, die versucht diesen Mangel auszugleichen, indem sie oft bedrückt oder bedröppelt schaut. Das ist bei solchen Figuren sowieso immer schwierig, nicht alles schon vorweg zu nehmen; aber auch die anfängliche Phase der Verdrängung zu spielen, die muss eine Art Verschlossenheit sein; aber das ist, so wie das Drehbuch bearbeitet worden ist, schier unmöglich. Man hätte vielleicht besser eine andere Szene zur Einführung der Figur gewählt.
Auf intellektuelle Durchdringung des Stoffes wurde weitgehend verzichtet, es wird auf Gefühl und Mitleid gesetzt. Zuhause findet Leena dann ihr Wörterbuch, was sie als Mädchen geschrieben hat und ab und an liest sie daraus Passagen vor. Sie ist überzeugt, dass es auch schöne Dinge gegeben hat in ihrer Jugend; wenn die Familie zusammen war, wobei gerade vorher die widerliche Weihnachtsszene gezeigt worden ist mit dem arg chargiert spielenden Vater, der nur den Holzklotz-Suffkopp gibt, der nicht einen Moment der Zuneigung und der Liebe zeigen kann.
Der Film kommt mir vor, als ob eine bessere Dame der Welt zeigen will, wie dreckig diese doch sein kann, resp. wie dreckig die dreckige Welt in der Fantasie einer besseren Dame erscheinen kann. Es gibt eine ganze Menge recht ordinärer Flüche, die auch aufgetischt werden, Flüche auf dem Silbertablett, igitt.
Es gibt allerdings auch ein Spannungsmoment, das zwischen Finnland und Schweden, vielleicht ein Koproduktionsding, aber mir sind keine Vorurteile dieser beiden skandinavischen Völker gegeneindander bekannt. Der finnische Ekel möchte aufwühlen, die Regisseruin möchte den Zuschauer aufwühlen, das ist mein Eindruck, dabei lullt sie ihn eher ein, da er geistig nicht gefordert wird. Sie möchte tabulos das Grauen zeigen.
Ein Kino mit bewegen sollendem Moll, das dem Stoff Schwere und Bedeutsamkeit verleihen sollen.
In diesem Film kommen Fragen vor wie: „Wisst Ihr, wie man Gläser spült?“.