Wyssozki – Danke, für mein Leben

Ein russisches Biopic über einen Abschnitt im Leben des Sängers Vladimir Wyssozki.

Russland ist ein großes Land, hat also genügend Platz für breite Leinwand, ausdauerndes Erzählen und somit lange Filme. Es geht in diesem Film um eine Phase im Leben von Vladimir Wyssozki. Er war in den siebziger Jahren in der UdSSR einer der bekanntesten Sänger, aber immer halb- bis illegal. Insofern dürfte er in Russland nach wie vor bekannt sein und ein Film über ihn zu machen sich lohnen.

Wie die Resonanz auf dieses Biopic bei uns sein wird, dürfte eher skeptisch beurteilt werden. Zum einen wird es an der fehlenden Kenntnis und Verehrung Wyssozkis hierzulande liegen.

Zum anderen würde ich diese Skepsis mit der Machart des Filmes begründen. Schon das Drehbuch, das offenbar von einem Verwandten von Vladimir geschrieben worden ist, er heißt Nikita Wyssozki, macht es Zuschauern, die Wyssozki nicht kennen, nicht leicht. Es setzt die Kenntnis des Werdeganges und seines kulturellen Gewichtes als selbstverständlich voraus. Es behandelt die Phase, wie die russische Obrigkeit ihn wieder einmal einsperren wollte, eine Phase, ein Jahr vor seinem Tod, wie im Abspann zu lesen ist, also 1979.

Das Problem bei den illegalen Konzerten war, das wird hier recht genau geschildert, dass als Beleg nur die Reste der Blocks der nicht verkauften Eintrittskarten galten; die aber haben Vladimir und sein Team immer geschickt zu entsorgen gewusst.

Der Film handelt von der Zeit, in der ein zwielichtiger Kumpel von Vladimir, Friedmann, auf ihn angesetzt wird, bei einem Konzert in Taschkent diese Belege sicherzustellen, um Vladimir endlich überführen zu können. Natürlich ist das mit vielen Hindernissen nach allen Regeln der dramaturgischen Kunst verbunden, so dass ein sehr langer Film draus geworden ist.

Hinzu kommt, dass Vladimir drogenabhängig ist. Und dass ihm in Taschkent, resp. in Bacharach, einige Autostunden von Taschkent entfernt, die Drogen ausgegangen sind. Er hatte immer seinen Arzt dabei, der als eine sehr schräge Figur gezeichnet wird und der ständig Arztanekdoten zum Besten gibt, sich selbst dabei kaputt lacht und in Taschkent zeigt, dass er auch ein begnadeter Säufer vor dem Herrn ist.

Der Geheimdienst will, wie in Taschkent die Dinge sicht nicht so entwickeln wie sie sollen, die Freundin von Vladimir als Pfand nehmen (weil es Vladimir beschissen geht, sagt er das zweite Konzert vor den Granden der Kader und der Partei ab; für seine Jäger ein Flop!). Das führt dann kurz vorm Schluss zu einem ernsthaften Gespräch zwischen seinem Hauptgegner von der Staatssicherheit, wo es darum geht, sein eigenes Leben zu retten oder das der Freundin, da offenbart sich erst explizit Vladimirs Charakterzug einer unbedingten Geradheit in Dingen der Gerechtigkeit und gegen jeden Opportunismus, der ihn wohl gerade in der Sowjetunion so beliebt gemacht haben dürfte.

Damit kommen wir zu einem weiteren Problem, was die Rezeption hier in Deutschland schwierig machen dürfte. Der Film ist vom Buch her nicht aufgebaut als ein Biopic, was den Charakter von Vladimir Wyssozki zum Dreh- und Angelpunkt nimmt, die daraus sich entwickelnde Karriere als auch die daraus resultierenden Schwierigkeiten und dramatischen Verläufe, er ist eher wie für ein Museum für den Sänger illustrierend aufgrund biographischer Begebenheiten. Dadurch wird sehr viel vorausgesetzt, was uns hier kaum oder gar nicht bekannt sein dürfte. Wie wenig sich wohl auch heute noch Leute vorstellen können, wie strikt die Atmosphäre in der UDSSR war, einem Spitzelstaat, einer Diktatur. Den Film könnte ich mir wirklich am besten in einem Museum über die UdSSR oder zu Ehren von Vladimir Wyssozki vorstellen.

Und als Drittes, was die Rezeption hier erheblich erschweren dürfte oder was allenfalls ausgefuchste Cinemaniacs ins Kino zu locken vermöchte, das ist die Machart der Inszenierung, dieses allzu deutliche Demonstrieren der Beherrschung des Filmhandwerks. Das tut Pyotr Buslov, der Regisseur, durchgängig, das wäre an tausend Details zu belegen. Film als Handwerk. Regie als Handwerk. Kein Schauspieler, der nicht in jedem Moment ein klares Verhältnis zur Situation, eine deutliche Reaktion auf die Vorgänge ausdrückt. Das steigert sich im Moment, wo Vladimir mit Herzstillstand auf einem Teppich im Hotelzimmer in Bacharach liegt, zu expressiv exaltierter Verzweiflung und Schreien. Führt aber genau so zu kleinen, so ganz nebenbei inszenierten, Schrägheiten, wenn der Arzt einen Wassermelonenschnitz isst und das Telefon klingelt, eine Boulevardtheaternummer wie er mit Melone und Telefon hantiert und kämpft, aber nur ganz kurz. Gekonnt auch, wie sichs für einen Breitwand-Film gehört, dazwischen immer wieder unendliche Landschaft um Taschkent oder imposante Aeroflot-Starts und –Landungen und dann noch schnell ein rote untergehende Sonne dazwischengeknallt und im Gegenschuss den Rotfilter rein. Oder der kurze Zwischenschnitt nach dem Herzstillstand über den unbeweglichen Ventilator an der Decke zu den Flashbacks in der Jugend, wie die Karre mit der ganzen Familie im Niemandsland im Dreck stecken bleibt.

Und was wäre ein russischer Film ohne eine weibliche russische Schönheit; die verstehen es dort halt immer noch den Star zu spielen. In jeder Sekunde perfekt gekleidet und geschminkt, egal ob im Theater, im feinen Hotel oder an der Bushaltestelle an einer Kreuzung in der Wüste. Für uns wirkt es aber doch etwas altmodisch. Auch so eine Szene, die Könnerschaft zeigt, wie das Team um Vladimir von Taschkent aus mit zwei Personenwagen durch die Wüste nach Bacharach fährt, wo das illegale Konzert stattfinden und die Falle zuschnappen soll, da wird im Fond des Wagens lautstark und minutenlang über die Prozentverteilung der Einnahmen gestritten. Aber es wird gut, es wird herrlich gestritten. Auch ein Verwanzaktion kann ausführlich gezeigt werden und Abhörbänder haben Geduld und drehen sich und drehen sich, immer filmschön. Die gaben noch was her fürs Bild damals.

Der letzte Punkt, der den Zuschauer hierzulande eher abhalten dürfte, diesen Film anzuschauen, das ist die brutal lieblose, industrielle, stoffunabhängig-routiniert runtergerotzte deutsche Allerwelts-Nach-Synchronisation.

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