Mindestens alle zehn Jahre einmal muss Jane Eyre neu verfilmt werden. Das erinnert einen an klassische Oper, an Bayreuth, an Kulturrepertoire. Kulturrepetition. Stoffe für Kenner und Könner. Die werden ganz genau hinschauen, was Cary Fukunaga, der Regisseur (nach dem Drehbuch von Moira Buffini) aus dem Roman von Charlotte Bronté für das zweite Dezennium des dritten Jahrtausends draus gemacht hat. Nun, ganz so schlimm wie bei der Opern wird die Vergleicherei hier noch nicht sein. Aber der Eindruck von Repertoir-Film ist nicht ganz von der Hand zu weisen.
So kommt dieser Film auch daher. Sehr gekonnt, sehr gepflegt, sehr stilvoll – was sich die Bronté-Anhänger und sicher in ihrer bemerkenswerten Überzahl: Bronté-Anhängerinnen immer schon gewünscht haben. Und ohne alles Pathos. Ohne alle Sentimentalität. Die Tränen werden gegen Ende hin die Zuschauerinnen verdrücken. Wenn die Liebe, die wahre, die große, die so gar nicht dargestellt wird, aber wenn die Liebe doch noch da landet, wo sie hingehört, von Jane zu Rochester (von Mia Wasikowska zu Michael Fassbender) wenn auch das Schloß Rochester in Schutt und Asche liegt und er selbst erblindet ist.
(Dass er ihre Hand dann sofort erkennt, obwohl er sie früher im Film, auf dem Weg zu der dann platzenden Hochzeit nur fest in Griff genommen hatte, lässt auf viel mehr Sensibiltät von ihm schließen, als seine Rolle je hergegeben hat). Das dürfte darum so rührend sein, nicht weil sie die Gouvernante in seinem Haushalt war, da hätte auch sie kein Problem damit, sondern weil sie, wie die meisten Gouvernanten, ihr Schicksalspäckchen mit sich trägt, wie er bei einer der ersten Begegnungen zynisch fragt (was natürlich stimmt, die Erniedrigungen in Internat mit Zucht und Stockschlägen oder in der Familie, die sie freundlicherweise aufgenommen hat, da ihre Eltern gestorben waren).
Dass ein vom Schicksal so gebeutelter Mensch doch noch die Liebe findet, das dürfte das Rührende sein. Wohl auch das, was vermutlich mehr Menschen als es je zugeben würden, irgendwie selber empfinden, wobei die Frauen da sicher offener sind im Zugeben solcher Unglücke (dass sie dann doch den Falschen heiraten oder dass eben die große Liebe nicht sich einstellt, oder sich dann nicht als diese entpuppt hat); eine Frau hat diesen vielleicht fast axiomatischen Lebenszustand vieler Menschen, also Charlotte Bronté, in ihrem Roman so treffend beschrieben, noch dazu spielt er in traumhaft herrschaftlichem Milieu – um die Schlosslocations in diesem Film dürften die Macher von vielen beneidet werden – und dann die schönen alten Kostüme, die ausladenden Roben, außerdem ist Jane noch musisch begabt, sie kann zeichnen, und Französisch sprechen und ist sowieso eine ganz non-aggressive, uneitle, bescheidene Person, die das Schicksal dankbar annimmt, wie es ist und kommt, aber den Falschen oder den Ersatz, den Missionar, der nach Indien will, den sieht sie nur als Bruder, heiraten würde sie den auf gar keinen Fall, Liebe muss echt sein, darum lässt sie ihn allein ziehen. Das dürfte der Moment sein, wo sich sicher viele Zuschauerinnen ertappt fühlen, weil sie eben den möglichen Mann genommen haben, vielleicht die zweite Wahl, und umso mehr berührt es dann, wenn Jane doch noch zu ihrem Rochester findet.
Der Film vertraut – zu Recht – darauf, ohne Sexszenen auszukommen, das mutet vielleicht etwas altmodisch an. Aber das hat die höhere, etablierte Kultur so an sich. Jane ist sicher auch darum eine ideale Identifikationsfigur, weil sie ehrlich und frei sein möchte und einfach arbeiten, weil sie vom Schicksal nicht zuviel erwartet hat, wenn sie nur von ihrer miesen Gastfamilie weg konnte (die Tante, die hätte sie noch schier um ein später eingetretenes Erbe beraubt, indem sie dem Onkel mitteilte, Jane sei gestorben). Man könnte jetzt fragen, warum es nicht einen ähnlichen Film über Männer gibt. Die halten es offenbar anders mit der Liebe (ganz genau erfahren wir allerdings nicht, wieso Rochester seine Frau geheiratet hat, die er inzwischen als Verrückte in einem Zimmer seiner Schlosses eingesperrt hatte, und mit der noch ein gültiger Ehevertrag bestanden hat, was die Hochzeit mit Jane zum Platzen brachte).