Roadmovie mit Sarg aus orientalisch-jüdischer Geschäftigkeit in die Region melancholischer Schwermut eines Landes, das „weder Ost noch West“ ist.
Der Sohn von Julia, die im Sarg liegt, oder Ruth, wie sie in Israel genannt wurde, erhält am Ende von seinem verwitweten und geschiedenen Vater einen Fussball-Fan-Schal umgehängt, da steht Bucuresti drauf. Julia, die im Sarg liegt, hat in Israel in einer Grossbäckerei als Reinigungskraft gearbeitet. Sie ist bei einem Selbstmordattentat unter den Opfern gewesen.
Sie hatte keine Angehörigen in Israel. Aber Lohnabrechnungen von der Bäckerei, obwohl sie dort schon gekündigt war, führten auf ihre Spur. Der Nachtschichtleiter hat sie, ohne den Personalchef zu informieren, rausgeschmissen. Die Geschichte sickerte nach dem Attentat an die Presse durch. Die machte eine Story daraus.
Damit sind wir bei dem Protagonisten, dem Personalmanager, der selber privat in der Misere lebt, getrennt von seiner Frau und seinem halbwegs erwachsenen Töchterchen. Er ist als Manager erfolgreich, nur das Geschäft im Sinn, die Expansion der Bäckerei. Diese gehört der Witwe des Gründers, die „die Witwe“ genannt wird. Der Tod von Julia oder Ruth bringt die Bäckerei nun wegen der Kündigung und der Pressestories in Schwierigkeiten.
Die Bäckerei muss also eine PR-Kampagne starten, um die unschöne Geschichte und den Vorwurf der Unmenschlichkeit wieder auszubügeln. Die Witwe hat sich folgendes ausgedacht: der Personalchef soll den Sarg in sein Heimatland zurückbegleiten. Denn ein unbegleiteter Sarg kann nicht auf eine solche Reise geschickt werden, das ist jüdische Tradition. Ein Journalist soll die gute Tat für die Öffentlichkeit dokumentieren.
Als kleiner Spannungsbringer baut der Regisseur, Abraham B. Jehoshua, respektive sein Drehbuchautor, Eran Riklis, den geplanten Schulausflug des Töchterchens ein, bei dem der Vater unbedingt zugegen sein soll, er muss also bis Mittwoch wieder zurück sein aus dem Land „das weder Ost noch West“, aber vor allem ein runtergekommenes, ruiniertes Land ist. Was voll auf dessen diplomatisches Corps abfärbt. Herrlich, wie die Konsulin Israels gleich bei der Landung und zum Empfang des Personalmanagers in Russenmütze und dickem Mantel charakterisiert wird und wie sie ihren Mann als den Vizekonsul, ein richtiger Rumäne, vorstellt, der es vom Fahrer auf diese Postion geschafft habe, denn er sei auch ihr Ehemann.
Logisch, dass sich jetzt die Hindernisse auftürmen. Sonst wärs ja kein Roadmovie. Die Reisegesellschaft muss sich, nachdem kein LKW am Flughafen verfügbar ist, in dem ruckligen Bus des Konsulats zusammenfinden. Erst sollte alles am Ort erledigt werden. Der Ehemann der Verstorbenen wird gefunden. Der kann aber nicht die nötige Unterschrift leisten, die den Erfolg des Unternehmens beweisen sollte, denn er ist geschieden von seiner Frau. Ein Sohn ist noch da, halbwüchsig, den hat der Vater aber fortgejagt. Man findet ihn unter Kids, die sich in aufgelassenen Industriegebieten rumtreiben und erst glauben, die Polizei komme, wie sie den Bus sehen. Der Sohn wiederum bestimmt, dass die Großmutter zu bestimmen habe, was mit dem Sarg und der Leiche passiert. Die wohnt aber 1000 Kilometer entfernt.
Der Personalchef möchte das alles schnell mit einem Helikopter erledigen, aber ein solcher ist nicht verfügbar. So muss die Fahrgemeinschaft für die lange Reise mit einem Bus zusammengestellt werden. Der Vizekonsul bringt einen erprobten Fahrer, der Sohn will mit und der Pressemensch aus Israel, schließlich handelt es sich ja um eine PR-Aktion. Also wird mit dem ruckeligen Gefährt gestartet. Bis die erste Polizeikontrolle kommt. Da sind sie den Fahrer los. Denn sein Führerschein ist seit 5 Jahren abgelaufen.
Gegen Abend suchen sie eine Unterkunft. Finden diese in einem alten Militärbunker, 5 Etagen unter der Erde. Aber der Bus macht nicht mehr mit. Jetzt findet eine ziemliche Veränderung in Stil und Fantasie des Filmes statt, denn dass sie jetzt auf einen ausgedienten Panzer umsteigen, ist schon etwas sehr gewollt und den Sarg noch obendraufbinden, scheint doch ein bisschen Originalität um der Originalität willen; kaputt um der Kaputtheit willen. Ab hier dominiert auch nicht mehr die bis dahin so super gerasterte Sicht auf die Dinge.
Der Regisseur hat bis hierher alle Szenen wie Bausteine, wie Ziegelsteine, die einzeln auf eine Mauer geschichtet werden, sorgfältig behandelt, um der Geschichte ein Gefüge, eine Struktur zu geben. Das hat ihr zwar ein grobmaschiges, fast plakatives Cachet verliehen, fast demonstrativ, aber es hat das präzise gemacht, irgendwie zwingend. Zum Beispiel die Szene im Leichenschauhaus. Der Personalchef soll die Frau identifizieren, aber er mag keine Leichen. Er kommt in einen Raum, wo lauter zugedeckte Körper liegen und ruft. Da schreckt eine der vermeintlichen Leichen auf, es ist der Assi. Er entwickelt zu seinen Leichen ein persönliches Verhältnis. Er hätte die schöne Julia noch gerne und länger hier.
Ab dem Bunker findet, scheint mir, ein Umschwung in der Erzählweise statt. Jetzt dominiert die Weite, die Melancholie, es ist Winter. Das schwer russisch-orthodoxe Element im Dorf mit der Großmuter bestimmt die Stimmung. Die Kerzen, die Popen, die Frauen in Schwarz. Es überwiegt das Zeremonial. Auch wird der Hauptdarsteller zusehends ausgeblendet. Er hat sich damit abgefunden, dass er nicht rechtzeitig zum Schulausflug seiner Tochter zurück sein wird. Denn er lag auch noch zwei Tage krank im Bunker. Das Ziel der auslösenden Geschichte, die Erfolgsstory für die Bäckerei, scheint wie vergessen. Das ist schon ein merkwürdiger Schwenk in einer Geschichte, wie ein Stilwechsel, bedingt durch den Orstwechsel.
Das Szenenbaukastenprinzip gibt eine Art Faktizität vor; es besagt auch, dass hier mehr ein Fall, ein Vorfall geschildert werden soll als das persönliche Problem eines Managers; eine Anekdote eher. Die Macher benutzen den farblosen Manager als Vehikel, um einige Situationen aus Israel und auch aus diesem Land, was „weder Ost noch West ist“, wie es im Film bezeichnet wird, zu erzählen.
Über die Nachrichten erfährt man viel über das Attentat. Geschäftsleute werden geschildert. Das Leben in der Fabrik. Auch über die Fremdarbeiterin: Julia sei Ingenieurin gewesen und wurde hier als Putzkraft angestellt. Es gibt einen Kompetenzstreit zwischen dem Chef der Nachtschicht, der sie entlassen hat (aber sie aus menschlichen Gründen noch auf der Gehaltsliste behalten hat) und der Pesonalmanager ist sauer, dass er nicht informiert war. Der Blick in den Backbetrieb, der nicht systematisch Vorgänge zeigt, sondern Impressionen von Broten auf Fließbändern. Irgendwie köstlich wie der Manager auf seiner Leichenbegleitungsreise immer Brot aus der Bäckerei dabei hat und den Leuten anbietet.
Auch wie die „Witwe“ lebt, wie mondän, wie nonchalant. Dann die Blicke in das unterentwickelte Rumänien. Wie der Personalmanager selbstverständlich davon ausgeht, dass man dort korrupt sei und gleich den Grenzschützern Bestechungsgeld zusteckt, dann auch dem vermeintlichen Ehemann der Verstorbenen, der nimmt den Umschlag dankend und gibt umgehend zu verstehen, dass er die Gegenleistung, also die Unterschrift, nicht leisten kann. Die israelische Konsulin, die sich schon ganz an die Landessitten angepasst hat. Die erste Begegnung ist herrlich. Wie der Personalmanager fragt, wo denn der Konsul sei. Und sie antwortet, sie sei der Konsul und wie sie ihn mit unglaublichen Tempo geschäftig an sich drückt und rasch küsst. Oder wie sie dann ihren Mann, den Rumänen und ehemaligen Fahrer und jetzigen Vizekonsul vorstellt.
Was die Israeli so faszinieren mag an der Schilderung solch verkommener Verhältnisse?
Ist es ein politischer Film? Man hat den Eindruck, das Attentat der palästinensischen Selbstmörderin war mehr darum eingebaut, nicht um gegen Palästina Stimmung zu machen, sondern sowas muss halt rein, damit man hier einen Film machen kann; aber die Beweise für diese These, die fehlen mir.