Day Is Done

Thomas Imbach sammelt wie vergiftet Stücke von Realität um ihn herum. Das sind Bilder, die er von seiner Wohnung in Zürich aus sieht und Töne und Wörter, die andere Menschen auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen haben und er bastelt daraus mit kindlicher Hingabe ein Portrait von sich selbst als eines Künstlers, der wenig Verantwortung für die Familie hat, als eines liederlichen Vaters, als eines Menschen, der nicht gerne das Telefon abnimmt; der nur die Bearbeitung seiner Bilder im Kopf hat, das Greifen derselben zu allen Tag- und Nachtzeiten im Zeitraffer und in Zeitlupe und mit vielen akustischen Tricks aufbereitet (wenn der Herr vor Tor 21 der Lagerhalle gegenüber mit einer Birke kämpft und diese ihm entgleitet, so legt Imbach einen Sound darunter, als ob eine riesige Tanne gefällt werde, oder wenn der Kranführer beim gegen Ende des Filmes plötzlich nicht allzuweit weg in den Himmel sprießenden Hochhauses die Leiter hochsteigt, so lässt er ihn beschleunigt laufen und legt ein lustiges Toc-Toc darunter).

Imbach entwirft das Portrait eines Künstlers ohne Verantwortung, denn auch der Film erhebt nirgendwo den Anspruch politisch oder bildend zu sein. Es sind die Bilder und Töne, die er fischen und angeln geht, die dieses Bild von ihm entwerfen, resp. mit denen er dieses Bild als eines kunstversessenen und familien- und freundschafts- und liebesvergessenen Künstlers entwirft.

Die Flugzeuge im Abflug von Kloten lässt er mal langsam mal irsinnig schnell gen Himmel kurven, genauso hält er es mit den Eisenbahnzügen; seine Wohnung ist in der Nähe des Bahnhofes unweit von vielen Gleisen und Brücken und direkt gegenüber einer Lagerhalle. Als Running Gag der Nachbarschaft hat er die schwarzhaarige junge Frau, die immer die Zeitungen über den Hof holt und die lässt er jedes Mal in grandios erotischer Zeitlupe zum Ausflippen schön über den Hof „wehen“ – sie altert über den ganzen Film, der Material aus einem Zeitraum von über zehn Jahren versammelt, nicht eine Minute.

Frauen gegenüber scheint der sich selbst portraitierende Künstler ein ziemlicher Stinkstiefel zu sein, lässt sie zappeln, geht nicht ans Telefon, versäumt seine Pflichten zu Zahlungen oder die als Vater. Der Sohn ruft auch immer wieder an.

Ein anderer Teil der Anrufe geben Hinweise auf seine Laufbahn als Filmemacher. Anrufe, die sich mit seinem Film „Ghetto“ beschäftigen, es geht um Vorausberichte zur Premiere in der Zürichsee-Zeitung. Ein ehemaliger Lehrer von ihm möchte eine Vorführung in der Schule, weil ein Mitwirkender jetzt an der Schule ist; es geht um einen dritten Filmpreis in Florenz, um die Solothurner Filmtage. Mitarbeiter rufen an, sie sind krank, machen sich sorgen, weil sie noch keinen Vertrag haben oder freuen sich auf einen Dreh.

Imbach spielt und verspielt sich mit Mondaufnahmen, der aufgehende Mond wunderbar wie ein Heißluftballon, der langsam vor Wolkenfeldern steigt und steigt. Unwetter und Schnee, Gewitter und Blüten, Neujahrsfeuerwerk, der Vater, dem es nicht gut geht, die bevorstehende Geburt von Noah, seinem Sohn, parallel dazu die Eintrübung des Verhältnisses zu dessen Mutter; eine Immobilienagentin bietet teure Wohnungen an. Frau Rübisstübis war die erste Anruferin, also das dürfte eine Geliebte gewesen sein, die sich so nannte. Vogelflug und Rauch, Crash eines Mottoradfahrers auf der Straße vor seinem Haus, ein Brand in einem Container und die Feuerwehr, ein Event in einer Lagerhalle, Liebespaare, die schmusen wie wild. Imbach gibt sich verspielt und kindisch. Dabei war er in seinem Bankerfilm „I was a Swiss Banker“ zumindest vom Thema her dezidiert kapitalismuskritisch, aber auch dort sehr verspielt. Der Künstler will nicht das Rationale, er will das Wilde, das Ungezügelte, das Leben wie es sich gibt – und trotzdem dran rumspielen.

Ein eigenes zu untersuchendes Thema wären noch die lyrischen Songs, die er auf die Tonspur legt.

Eine Dampflok mit riesigem Qualm. Und immer wieder die Eisenbahn in allen Richtungen und in allen Geschwindigkeiten. Behandlung von Alteisen bei einer Firma gegenüber. Die Weinhandlung in einer der Lagerhallen, La Casa del Vino; feine Leute, die Kartons mit Wein einladen. Auch mal ein Blick in seine Wohnung oder immer wieder sein Kopf, den man auf einer Seite der fest positionierten Kamera am Fenster hinausschauen sieht, also nur von hinten und nur ganz schnell, als schaue er nur rasch nach dem Wetter. Oder ob die Spaghettis noch köcheln.

Diese Art persönlicher und persönlichster Selbstbiographie oder Entwurf von Selbstportrait scheint ein Trend unserer Tage zu sein. Wobei das, was Kim-Ki Duk diesen Sommer mit „Arirang“ geliefert hat, wiederum ein ganz anders garstiges Produkt war. Aber ein Künstler der sich selbst als nett darstellen würde ohne jede Hintergründigkeit, der wäre vermutlich nur langweilig.

Eine Art Elfenbeinturmsicht, der Künstler selbstironisch als in seinem Elfenbeintrum, von dem er immer wieder rausschauen muss, dargestellt. Die Welt um ihn herum, das sind lediglich Bilder und Töne mit denen das Künstlerkind spielen will.

Das Haus, den Elfenbeinturm also, den sieht man nie von außen. Den Künstler nur von hinten. Ganz seltene Aufnahmen, Super-8-Familienaufnahmen, wo er einmal mit seinem Buben und er ganz in Weiß spielt.

Frauen haben am Samstagabend nichts vor und finden es nicht ermutigend, die Vorstellung, den Abend allein in Zürich verbringen zu müssen.

Fassungslosigkeit des Künstlers über den scheinbaren und lustigen Leerlauf des Seins, darüber, was sich so tut an einer unhistorischen Stelle, an einer Stelle, über die er eine gänzlich unhistorische, unpolitische Chronik zusammenstellt, die praktisch eine Chronik des (geistigen) Stillstandes ist, auch wenn vieles sich bewegt oder eben sogar ein Hochhaus aus dem Boden schießt.

Ist es eine skeptische Weltsicht, die Imhof mit seiner Sammelleidenschaft, einer unkommentierten Präsentation seiner Sammlerergebnisse, ausdrückt? Oder die des Verwunderteins (das wäre ja Skeptizismus) oder des Nichterkennens von Sinn sondern nur eines schönes Leerlaufes, mit unendlich vielen Wiederholungen, auch wenn der Himmel niemals zweimal gleich aussieht und kein Zug zweimal gleich vorbeifährt.

Kino, das sich die Realität greifen will, um damit eine neue Fiktion, die behauptet ein Abbild von Realität zu sein, formuliert, zu formulieren versucht, dabei dem Auge und dem Hirn des Zuschauers gleichermaßen ein Vergnügen bereitet.

Ein Film für Träumer, Philsophen, Müßiggäner, für Leute, die mit Wartezeiten umgehen können, die gerade Warte- und Zuschauzeiten als die fruchtbaren Zeiten entdecken, in denen sie Dinge wahrnehmen, an denen sie sonst achtlos vorbeigehen.

Wie der Sohn zu Weihnachten eine Playstation bekommt und der Vater ihn filmt, während er mit der Mutter telefoniert, da wird klar, dass dieser Künstler auch seinen eigenen Sohn für den Film instrumentalisiert.

Die letzte Aufnahme im Film, da ist der Sohn schon halbwüchsig, die könnte eventuell den Titel erschliessen, DAY IS DONE, Imbach hat sein Tagwerk getan, er hat sich fortgepflanzt, gut den Baum, die Birke an Tor 21, die konnte nicht gepflanzt werden, dafür hat er ein Hochhaus vor seinen Augen wachsen sehen und einen Film hat er auch gemacht. Oder: der Künstler ist nochmal davon gekommen.

Im Abpann zeigt sich, wie sich alles um den Künstler T dreht, wie er sich mit der Initiale seines Vornamens Thomas nennt, die ganzen erwähnten Darsteller, sind alle T’s Ex, T’s Bruder, T’s Schwester, T’s Sohn, T’s Vater, T’s… nun ja, dieser Anflug von Egomanie (als Schweizer Understatement; augenzwinkernd) sei ihm nachgesehen, nachdem er uns mit seinem Film doch zwei Stunden anregend unterhalten hat.

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