Der Film drückt sicher sehr schön eine weibliche Sehnsucht, ein weibliches Verlangen nach gefühlvoller und sentimentaler Story aus, nach einer reinen Liebesgeschichte, kann aber durch die nicht besonders entwickelte filmische Erzählstruktur sich nicht aus der inflationären Masse der aktuellen Filme, die sich mit Stoffen aus der Nazizeit beschäftigen, herausheben.
Das alte Problem. Da ist eine gute Geschichte. Nämlich die, wie ein polnischer Jude eine deutsche Jüdin aus dem KZ schmuggelt. Es geschieht aus Liebe. Durch die Kriegswirren verlieren sich die Liebenden aus den Augen. Sie suchen sich nicht, weil gut meinende Menschen sie vom Liebeskummer abbringen wollten, indem sie erzählten, der/die Geliebte sei gestorben.
Wie Hannah Levine, die 1944 Hannah Silberstein hieß, und die 1976 in New York verheiratet ist, im TV bei einer Talkshow glaubt ihren damaligen Retter und Geliebten Tomasz Limanowski wiederzuerkennen und die Recherche nach dem Totgeglaubten über das Rote Kreuz wieder in Gang setzt, das ist die Haupthandlung, in die in Rückblenden die Vorgeschichte hineingeschnitten wird.
Das ist eine wunderschöne Story und sie wird hier so aufgedröselt, dass auf das Ende zu, also das Wiedersehen, man sich wie in einer dieser Rühr-Shows beim Privatfernsehen vorkommt. Aber bis dahin vergeht viel Filmzeit, in der sich die Dramaturgie damit begnügt, doch einigermaßen nach Zufallsprinzip Szenen aus dem New York von 1976 (in Hannahs Wohnung wird gerade der Geburtstag ihres Mannes mit einer Gesellschaft gefeiert und wie sie kurz weggeht sieht sie beim Kleiderreiniger dieses TV-Interview) und aus der KZ-Zeit, mal ausführlicher, mal anskizziert und auch die Flucht aus dem KZ und dann die erneute Recherche ineinanderzumixen.
Die KZ-Atmosphäre wird mit viel Hektik und mit vielen und heftigen Reißschwenks und Wackelkamera und auch zackigen Bewegungen der dirigierten Häftlinge evoziert, ein zackiges KZ; aber auch ein eher impressionistisches, viele Szenen, die nur der Atmosphäre und keineswegs der Story dienen. Und dann wieder New York, man weiß also zum Vornherein, wie man dran ist, dass die sich aus den Augen verloren haben, dass sie aber zumindest ein einigermaßen gutes Leben in Amerika gewonnen hat. Also eher eine Art Aquarellmalerei, impressionistisch. Dann die Vorbereitung der Entführungsaktion aus dem KZ, die funktioniert über eine Wärterbestechung mit Wodka und immer muss Tomasz dem Wagen mit den Broten, der mit Stacheldraht umzäunt ist, hinterherlaufen und die Brote zählen und drunter versteckt er die SS-Uniform und die zieht er dann an, das ist alles sehr emotional inszeniert mit viel aufgesprühtem Schweiß auf der Stirn und im Gesicht und dann kann er seine Hannah, Häftling Nr. 73804, die gerade am Boden Brosamen aufliest, hinauskommandieren, „Nummer 73804 mitkommen!“. Beim Lagerausgang einen Wisch dem Wachhabenden hinhalten und der möchte die Frau noch ficken, aber Tomash sagt, er will sie erst selber probieren und dann ab über die Felder, Flucht, Versteck, Unterkunft und dazwischen immer wieder New York, die Party, die betroffene Miene von Hannah, die viel zu viel Schicksalsschwere spielt, ich meine sie spielt sie gut, aber es ist von der Regisseurin Anna Justice, die mit Pam Katz auch das Buch geschrieben hat, gewollt sentimentales Theater oder Filming; was halt mehr die Achtung, die Verehrung für den eigenen Stoff signalisiert als dessen analytische Durchforstung und Durchdringung.
Durch die Entscheidung für die Sentimentalität geht viel Spannung verloren, wird viel zu viel Gefühls-Pulver verschoßen. Oder dann gar die Vision in New York, dass der junge Tomasz plötzlich neben Hannah steht, das ist schon sehr dick aufgetragen. Kinogeschichten erzählen verlangt, meine ich, mehr als schöne Romane illustrieren. Kino sollte die Bilder genau so dosieren, dass der Zuschauer mit seiner eigenen Aktivät andocken kann. Stimmt diese Dosierung nicht, kommt immer das raus, was die Filme dann doch relativ schnell wieder in der Versenkung verschwinden lässt: konfliktfreie Nacherzählung, hier mit viel Gefühl aufgeschwämmt.
Dagmar Manzel, die Hannah von 1976, spielt gut das Geleide, aber dieses zu inszenieren hilft weder dem Film noch der Story. Betroffenheit spielen lassen, das ist immer ein nicht allzuweitsichtiges Rezept. So wird der Film eindimensional. Aneinandergereihte Bebilderung. Die junge Hannah, die gefällt mir besonders nicht. Kaum ist sie aus dem KZ und haben die beiden Flüchtlinge den zwei deutschen Schnepfen im Niemandsland an einem Strand den schicken Mercedes geklaut, da sitzen die beiden Flüchtlinge wohlgenährt und glücklich wie Hollywoodgrößen im deutschen Kabriolet. Das ist reiner Kitsch oder will willentlich die Realsituation der Flucht nicht evozieren. Oder will das Traumatische der vorhergehenden Ereignisse nicht wahr haben. Denn nach solchen Erlebnissen bleibt man doch lange vorsichtig, auch wenn man schon längst in Sicherheit ist. Und wie es in solchen Fällen auch meist geschieht, wenn die Geschichte nicht filmisch auf den Grundkonflikt hin aufgelöst ist, dann ergeben sich auch allfällige Konfliktsituationen eben nicht automatisch und wie von selbst, sondern sie müssen wie aus der Konserve kommen und sind dann meist zu laut gespielt, verlieren dadurch an Glaubwürdigkeit, zum Beispiel Mutter-Tochter-Geschrei wegen dem vermeintlichen Tod von Tomash. Oder auch in New York gibt’s einen viel zu lauten Krach zwischen den Eheleuten und mit der Tochter.
Durch die Art verschütteter Dramaturgie bekommt ein Film auch wieder etwas rein Privatistisches, das macht ihn nicht mal unsympathisch, im Gegenteil, aber das nimmt ihm von der Wucht und der Verbindlichkeit und dem Zwang, den das Thema, wenn es denn ernst genommen würde (und nicht nur aus emotionaler Betroffenheit) auf die Geschichte ausübte; so verpufft letztlich die ganze Mühe um eine ganz besondere Geschichte. Wenn die präzise Konfliktanalyse fehlt, die selbstverständlich die Nebenkonflikte miteinbeziehen muss, kommt es eben nicht zur fundamentaleren Auseinandersetzung mit allen Figuren; es wäre viel mehr Mühe für die Drehbuchautoren, was dann mit einem durchschnittlichen Filmbudget vermutlich nicht mehr adäquat abgegolten werden könnte.