Der Gott des Gemetzels

Es ist ein rechtes Vergnügen, den Stars Jodie Foster, Kate Winselt, Christoph Waltz und John C. Relly zuzuschauen, wie Roman Polanski sie unter Strom setzt, damit sie das Theaterstück von Yasmina Reza nach einer Drehbuchbearbeitung von ihr und Polanski plastisch und mit viel Volt, wenn auch nicht elektrisierend rüber bringen.

Die Idee kommt einem bekannt vor. Stunden der Wahrheit in Paarbeziehungen, am berühmtesten vielleicht „Wer hat Angst vor Viriginia Woolf“. Ganz so wird es hier nicht abgehen. Anlass für die Seelenöffnungen zweier Paare (Penelope und Michael Longstreet, Foster und Relly, und Nancy und Alan Cowen, Winslet und Waltz) ist ein Streit der Kinder der beiden. Ethan Cowen hat Zachary Longstreet bei einer Auseinandersetzung mit einem Ast zwei Zähne rausgeschlagen.

Das führt die beiden Eltern zusammen, um den Sachverhalt zu klären, auch wegen einer allfälligen Entschuldigung. Die Cowens machen also den Longstreets, die im 5. Stock eines New Yorker Hochhauses wohnen, die Aufwartung. Man setzt einen gemeinsamen Text auf. Man scheint sich zu arrangieren. Man trinkt vor der Verabschiedung noch einen Kaffee. Man unterhält sich über Kultur und Zivilisation. Man hält was davon, um dann im Laufe der Eskalation der Gespräche, die immer wieder von wichtigen geschäftlichen Anrufen für Alan, der in der Pharmacie-Branche tätig ist, unterbrochen werden, das Unkulturelle durchbrechen zu lassen, das Unzivilisierte.

Nach und nach dringen in den einzelnen Figuren der Rechthaber durch, das Tier, das Ungeheuer. Die Bacon-Figur, wenn man so will, denn ein Bildband von Bacon liegt auf dem Teetisch. Zuerst geht es um die Söhne. Der eine war Führer einer Gang. Das springt auf die Väter über, denn Longstreet war das auch mal. Das Thema zentriert sich immer mehr auf die beiden Ehepaare selbst.

Es gibt Auseinandersetzungen innerhalb der Paare und zwischen ihnen. Nach dem Kaffee geht man zum Whisky über, Cigarren werden in der Nichtraucherwohnung angeboten. Anfangs gab es Apfel-Birnen-Kuchen und die Frage nach dem Rezept. Erst gibt es Streit über die Kinder, der eine sei ein „Snitch“. Es schaukelt sich weiter hoch über eine Übelkeit von Nancy, darauf gibts eine warme Kola, weil keine im Kühlschrank war, was wiederum Anlass gibt für eine gehässige Bemerkung von Penelope ihrem Mann gegenüber. Dann erbricht vollkommen unvermittelt Penelope und directemang auf den Kokoschka, den Bildband. (Da tut es bestimmt mehr weh als auf dem Bacon). Das setzt eine große Diskussion und anschließend eine Reinigungsaktion in Gang. Mit Föhn und Kölnisch Wasser und auch ein Bügeleisen wird ins Gespräch gebracht. Immer wieder verabschieden sich die Cowens, um sich gleich wieder an den Longstreets festzuhakeln.

Polanski setzt die Schauspieler unter Strom. Er verlangt ein relativ forciertes Spiel, was der Leinwand mehr Druck und damit Räumlichkeit verleiht. Er hat vermutlich sehr präzise Sprachregie geführt. Die beiden Männerfiguren sind immer am Rande, haarscharf am Rande nicht der Klamotte, aber der Komödie, die im Untertext auch erzählt, dass sie Komödie sei. Am Rande der Charge und sehr auf Pointe gesprochen vor allem Christoph Waltz. Aber eine unterhaltsame Charge. Die allerdings letztlich, aber natürlich nicht nur sie, auch die ganze Inszenierung, dem Titel „Der Gott des Gemetzels“, dann doch viel von der Schärfe nehmen, vom Existenziellen. Polanski inszeniert es eher als very funny Boulevardstück, aus dem man ohne Seelenkratzer nach Hause gehen kann. Vielleicht wie nach einer erfrischenden Dusche, einer seelischen Dusche.

Im letzten Drittel habe ich mich allerdings auch mal kurzfristig beim Abschweifen ertappt. Es kann aber nicht Müdigkeit gewesen sein. Es war vielmehr bei einigen Stellen, die mir wie unsichtbare Bruchstellen vorkamen, dass sich mir die Frage stellte, denn „Wer hat Angst vor Virignia Woolf“ hatte ich doch noch mehr aus einem Guss und einem Schwung in Erinnerung, aber man darf nicht vergessen, dass auch die Erinnerung so ihre Spiele treibt. Also mir stellte sich im letzten Drittel ab und an die Frage, ob Polanski sein Ensemble wirklich so kontinuierlich zusammengehabt hat. So wie es das Stück verlangte. Das ist bei den Terminplänen, die diese Stars haben, schwer vorstellbar.

Vielleicht hat Polanski, sich sehr wohl der Problematik eines solchen Dreh- und Probenprozesses bewusst, die Schauspieler höhertourig spielen lassen, als sie dies vielleicht von sich aus täten. Sozusagen um mit einer Art Phon-Verputz Unebenheiten auszubessern, die durch organisatorische Erschwerungen des Ensemble-Spiels entstanden sind, zwingend entstanden sind.

Insgesamt: eine recht brilliante und angenehm kurze Unterhaltung. Eine schöne Illustration zu Bacon und Kokoschka (von dem müsste ich allerdings mal wieder nachdenken, was seine Haltung zu den Menschen gewesen ist).

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