Wenn einer sich mit einem Film ins Kino traut, muss er damit rechnen, dass Kino mit Kino verglichen wird. Wenn einer sich mit einer Dokumentation ins Kino traut, also für sein Werk Kinotauglichkeit beansprucht, muss er damit rechnen, dass man mit anderen Kino-Dokumentationen vergleicht. Dieser Film hier nennt sich ganz ungeniert „Die große Passion“ und nicht etwa „Making of Passionsfestspiele of Oberammergau“, was dem hier Gebotenen allerdings deutlich näher käme und eine adäquate Erwartungshaltung aufbauen würde, die dann nicht zu schnell in Enttäuschung kippte.

Es geht um die Dokumentation eines kulturellen Ereignisses, eines weltberühmten noch dazu. Zum Vergleich ziehe ich heran „La Danse – Das Ballett der Pariser Oper“ von Frederick Wiseman. Er hat mit relativ bescheidenem Drehaufwand, ein sehr präzises Bild dieser aufwändigen und weltberühmten Institution gezeichnet, man hat nicht nur von der Architektur was kapiert, sondern auch von den Probenabläufen, dem Werden von Choreographien und nicht weniger von der Organisation hinter der Bühne, sei es der Vertretung der Tänzerinnen, der Regelung ihrer Altersversorgung oder der Beziehungspflege zu den Sponsoren. Es scheint, dass Wiseman sehr viel Vorarbeit im Kopf und in der Recherche geleistet hat und dadurch mit verhältnismäßig bescheidenem Drehaufwand zu Ergebnissen gelangte, die Kinospannung zu erzeugen vermögen und Zuschauer anziehen.

Jörg Adolph scheint anders vorgegangen zu sein. Sein Prinzip scheint gewesen zu sein, hingehen, Kamera drauf halten und dann schauen, wie aus dem Material ein Film zusammenzuschneiden sei. Auch das kann funktionieren. Seine primäre Qualität also war Bildersammlerfleiss. Sein Objekt: Herstellung der Oberammergauer Passionsspiele. Er war an 200 Drehtagen vor Ort und hat 300 Stunden Material abgedreht. Das dürfte beim Schneiden und Auswählen zur Qual der Wahl geführt haben und ihn vielleicht auch etwas den Überblick verlieren lassen haben.

Herausgekommen ist jedenfalls aus meiner Sicht ein sehr langer Film, der allenfalls den Titel, wie schon erwähnt, „Making of Passionsspiele Oberammergau“ oder vielleicht „Team-Film der Passionsspiele“ für die Beteiligten, Interessierte und zugewandte Orte, verdiente, jedoch garantiert nicht den großspurigen Titel „Die große Passion“.

Herausgekommen ist ein Aneinanderreihfilm von Schnipseln von Proben, Besprechungen, Aufführungsausschnitten, diese kitschigen lebenden Bilder, diese von Darstellern gestellten Tableaus immer wieder zwischendrin, der Rest mehr oder weniger chronologisch, obwohl dann nach dem Ende der Aufführung wieder eine Probe reingeschnitten wird und dann noch ein Kommentar. Der Kommentar ist von Christian Stückl, dem Regisseur der Spiele und der Hauptdokumenationsfigur, weil er halt gut und leicht reden und sich ins Szene setzen kann. Mit seinem Schlusskommentar soll wohl versucht werden, dem Ganzen einen kritischen Anstrich zu verleihen. Stückl meint, dass Jesus gewiss nicht von einer Kirche wie der katholischen geträumt hätte und sicher das nicht gewollt hätte. Das erscheint mir doch ganz schön scheinheilig oder alibihaft zu sein, denn ohne Kirche gäbe es die ganze (große!) Tradition der bildnerischen Darstellung des Kreuzweges nicht, die die Basis dieser Spiele ist. Dieser rasch noch hinzugefügte Kommentar reicht also nicht aus, dem Film den Stellenwert des Kritischen zu geben oder einer pointierten Haltung zum Stoff erkennen zu lassen, ihn von der Apostrophierung als PR-hafte, wohlgesinnte, freundschaftliche Hofberichterstattung oder eben des familiären Teamfilmes zu befreien.

Die Filmer hatten also viele Reisen nach Oberammergau unternommen, haben auch mal eine Dorfansicht und Impressionen von hinter der Bühne, aus der Kantine, Garderobe, Dusche, Schneiderei, Pressekonferenzen mitgenommen, haben Talkshowausschnitte aus Amerika eingefügt, eine Schauspielerreise nach Israel begleitet, sind auf Tuchkaufreise nach Indien mitgefahren, zum Papst – die Dokumentaristen haben wenigstens schöne Reisen gehabt, die dem Film und dem unverbandelten Zuschauer allerdings nicht allzuviel an Gegenwert bringen.

Wie Jörg Adolph insgesamt der geistig strukturierende Neugierfaden zu fehlen scheint. Keine Differenzierung zwischen Äusserlichkeit und Inhaltlichkeiten, da gibt’s zwar eine Diskussion mit Geistlichen, katholischen und jüdischen. Blitzt sozusagen kurz auf, reicht aber nicht für einen das Zuschauerinteresse leitenden geistigen Faden.

Der einzige „inhaltliche“ Faden, der allerdings mehr Gegenstand als Faden ist, ist das Portrait des großen Zampano der Festspiele: Christian Stückl, den man sich nach diesem Film sehr gut als „Theatermacher“ von Thomas Bernhard vorstellen könnte. Man könnte den Film auch ohne große Fehlermarge „die Soloshow des Oberammergauers Christian Stückl“ nennen, denn er redet weitaus am meisten und ist immer lustig dabei zuzusehen und außerdem ist er ein gebürtiger Oberammergauer, was Voraussetzung ist, dort mitzumachen. Er ist sozusagen der wahre Jesus von Oberammergau. Aber sowas hinterfrägt dieser Film nicht. Er präsentiert es als Wahrheit. Das reicht allerdings bei weitem nicht aus, Kinospannung zu erzeugen; ist quasi nur der ständig erneute Beleg für diese Behauptung in immer anderen und meist doch sehr ähnlichen Bildern. Der Zampano und die Darsteller, der Zampano und die Politik der Gemeinde, der Zampano und die Medien, der Zampano und die Arbeit am Buch und mit dem Stab, der Zampano und die Komparsen, der Zampano und das (verbotene) Rauchen.

Faktisch also ein Film über den Theatermacher Christian Stückl; was aber dem Filmemacher offenbar gar nicht richtig bewusst war, weil es nicht seine Absicht war – sonst hätte er den Film anders betiteln müssen; diese Diskrepanz zwischen Titel und Inhalt verweist meiner Meinung nach das ganze Produkt dann doch eher in die Schublade „laienhafte Bemühung“.

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