Der Fall Chodorkowski oder eine Materialiensammlung zu Aufstieg und Fall des russischen Oligarchen Michail Chodorkowski. Materialiensammlung als eine spannende Reportage, vor allem anfangs sehr kinohaft, im Verlauf der Geschichte dann allerdings sich mehr der Fernseh-Eiligkeit annähernd in der Häufigkeit der Schnitte.

Das erste Bild ist ein besonders komponiertes, was auch imponiert, erst ist nur ein ganz schmaler Schlitz am oberen Bildrand zu sehen. Die Kamera dreht sich gegen den Uhrzeigersinn, sie ist an einem festen Standort und der Schlitz weitet sich wie das Törchen zu einer Gefängniszelle, durch welches das Essen gereicht wird, nach unten, streift eine sibirische Landschaft mit Oelpumpen, dreht sich dann immer mehr einer erhöht gelegenen russischen Kirche zu, senkt sich aber gleich ab und kommt vor drei Jugendlichen, die unten an einer improvisierten Treppe zur Kirche Aufstellung genommen haben, zum Stillstand. Diese werden gefragt, ob sie wissen, wer Chodorkowski sei. Die Frau antwortet mit Nein, einer der Jungen meint, das sei einer der Russland viel Geld gestohlen habe. Das trifft allerdings nicht den Kern des Filmes. Insofern ist der Einstieg vielleicht etwas oberflächlich – aber umso schöner. Den Kern der Sache dürfte später Bundeskanzler Schröder (in einer Archivaufnahme) getroffen haben mit der Bemerkung: Männersache. Doch davon später mehr.

Was man dem Film ansieht, dass Cyril Tuschi sehr lange daran gearbeitet hat, sehr vielfältiges Material gefunden und selbst gedreht hat, weit über das Maß einer üblichen Fernsehreportage hinaus und angesichts der Brisanz des Themas in Russland, denn die Auseinandersetzung Putin – Chodorkowski dauert an, auch recht couragiert. Die beiden Kampfhähne befinden sich in Warteposition, Putin als Premier, während Medjedew Präsident ist und Chodorkowski immer noch im Gefängnis sitzt und schon weitere Anklagen auf ihn warten. Angesichts der Brisanz der Materie, einer nicht beendeten „Männersache“ also, so ist jedenfalls mein Eindruck, dürfte Cyril Tuschi sehr viel erreicht haben, ja sogar ein Interview mit Chodorkowski selbst anlässlich eines Termines vor Gericht und durch eine Glaswand.

Tuschi präsentiert sein Material chronologisch. Geht zurück auf die Ausbildungszeit von Mischa, wie Chodorkowski von Vertrauten und von seiner Mutter genannt wird. Er bringt Einblicke in den Übergang vom Kommunismus zu den Privatisierungen und wie es möglich war, dass Leute, die ganz ohne Geld angefangen haben, in so kurzer Zeit zu Milliardären geworden sind. Das erklärt überzeugend ein amerikanischer Banker, dass denen Yukos praktisch geschenkt worden sei für 300 Millionen, obwohl die Firma schon kurz darauf mit 6 Milliarden zu Buche schlug, weil nämlich sonst ausländische Investoren zugeschlagen hätten und dass das kein Land wolle, es aber in Russland niemanden gab, der soviel Geld hätte hinblättern können.

Viele Originalaufnahmen ergeben ein differenziertes Bild von Mischa. Wie er sehr ehrgeizig gewesen ist, hellwach und hochintelligent, darum wohl bald der reichste Mann der Welt unter 40 Jahren geworden ist, der auch Termine mit dem amerikanischen Präsidenten hatte, aber ab da wurde es kritisch, wie er Kontakt zur amerikanischen Oelindustrie aufgenommen hat. Es gibt Leute, die ihn als arrogant bezeichnen. Obwohl er immer darauf geschaut hat, bescheidener zu leben, als er es sich hätte leisten können. So hielten es auch die anderen Manager von Yukos.

Man könnte einen anderen Zugang zu diesem Material finden: man könnte sagen, es ist der Stoff zu einem grandiosen Thriller. In dieser Hinsicht bekommt das Schröder-Wort Gewicht: Männersache. Ein reiner Machtkampf, ein Hahnenkampf zweier Männer, der zwischen Putin und Chodorkowski, den Eindruck suggeriert der Film und widerlegt ihn keineswegs, versucht es gar nicht erst. Es wären viele Elemente für diesen Thriller zu finden.

Der Kampf dieser beiden. Die Warnungen, die Putin ausstößt. Den ersten Manager, den er verhaften lässt. Dazu gibt’s im Film ein schönes Statement: willst Du ein Rudel Wölfe verjagen, reicht es, wenn Du den Leitwolf tötest. Michail wusste also, dass er der nächste wäre. Und trotzdem ist er nach einer Amerikareise wieder zurückgekehrt und wurde prompt verhaftet. Heute meint er dazu, dass er das in vollem Bewusstsein in Kauf genommen habe, dass er aber wohl naiv gewesen sei, was das Gerichtswesen in Russland betreffe. Und zitiert den Weisen, der es gar nicht erst zu einer solchen Situation kommen lässt. Putin konnte es nicht ertragen, dass Michail die politische Opposition unterstützte.

Ein Game zwischen zwei Männern. Politische Macht gegen Geldmacht. Die Geldmacht in immer größerem Ehrgeiz zum Aufbau eines Imperiums und glaubend, sie könne sich alles erlauben. Die politische Macht eitel bis dort hinaus und empfindlich, hochempfindlich und sicher war es nicht klug, beim Jahrestreffen mit den Miliardären, das der russische Präsident abhielt, ihm die Korruption direkt vorzuwerfen, die zu beseitigen sei. Man ist auch in höchsten Kreisen nachtragend und extrem wehleidig.

Es ist auch ein Kampf menschenrechtsverachtender Diktatur (Putin) gegen den Glauben an die Meinungsfreiheit der Demokratie (Chodorkowski), so wird das hier natürlich nicht genannt. Joschka Fischer weist darauf hin, dass die Dinge im politischen Geschäft anders laufen und ganz sicher nicht nach den Idealen von Menschenrechten und dem kapitalistischen Idealisten Chodorkowski, der mit einer Stiftung Bildung unterstützt und der die Welt verändern will, der Transparenz in die Bücher geschaffen hat (darum konnte er dann, wies brenzlig wurde, auch nicht mit 100 Millionen Schmiergeld sich aus der Affäre ziehen, das wäre damit nachweisbar geworden).

Besonders die frühen Bilder zeigen Chodorwoski mit einer unglaublichen Aura, die ihm tiefleuchtende Schönheit verleiht. Er strahlt dadurch auch Macht aus. Es gebe drei Arten von Unterstützern für Mischa, das erste seien vor allem Rentner aus Russland, das zweite die Menschenrechtsaktivisten und das dritte Menschen, die ihn einfach schön finden. Sein Sohn lebt in Boston. Die Mutter in einem schönen Haus in Russland. Aber sie bwoht nur noch zwei, drei Zimmer.

Was mich richtig stört, das ist die Kommentarsprecherstimme, die hört sich nach routinierter Fernsehtagesschau an, reduziert das Kino aufs Fernsehformat.
Chodorkowskis brutale Gefangennahme aus seinem Privatjet heraus wird animiert gezeichnet.
Eine weitere Animation, wie er im Geld schwimmt, und wie er wieder auftaucht, ist der Schnauz weg, der amerikanische Imageberater wars. Die hatten von Banking keine Ahnung, wie sie die erste private Bank Russlands gründeten. Aber er hatte eben auch ein Bewusstsein seiner eigenen Unerfahrenheit und war dadurch lernbereit und lernte auch sehr schnell.
Die russische Elite sei noch nicht bereit gewesen „for this attitude“.
Der Sohn findet den Vater autoritär. Also auch ein Vatersohnkonflikt gehört am Rande zu diesem Thriller.

Seine erste Frau tritt auch auf im Film. Die waren ein Paar im Komsomol, der Jugendorganistion der Partei; Liebe schneller als die Blicke es sagen können.
Joschka Fischer mit Heftpflaster auf der linken Daumenkuppe. Wo hat er sich geschnitten, doch nicht etwa bei den Menschenrechten.
Stalin-Zitat: Wenn der Feind nicht aufgibt, so töte ihn.
Die Villen der geflohenen Oligarchen in Moskau (etwa sieben Oligarchen sind sofort nach Mischas Verhaftung ausgereist) stehen leer in einer umzäunten Siedlung, werden aber auf Stand-by gehalten.
Besitz und Freiheit. Das schneidet Mischa im Gefängnis an, dass er sich erst hier frei fühle, vorher habe er sich immer um den Besitz zu kümmern gehabt.
Mischa denkt immer noch daran to win the end-game.
Er hat im Gefängnis jedenfalls keine Zeit für Meditation, er hat genügend mit den Prozessen zu tun und auch andere Verpflichtungen.
Musik von Avo Pärt. Passt.

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