Cheyenne – This Must Be The Place

Garantiert ein auffälliger Film, den man sich merken kann und der in großen langsamen Kinobildern erzählt. Ein Unikat, das aus dem riesigen Meer an Nazizeitverarbeitungsfilmen herausragt wie ein schwimmendes (künstlerisches) Gebilde aus Plastikmüll. Eine groteske Kombination aus verkommenem Rockstartum und nicht verbissenem Nazijägertum.

Sean Penn spielt die schräge Hauptfigur, einen Rockstar, der seine Zeit hinter sich hat, der sich aber immer noch bleich schminkt wie ein Michael Jackson, der immer mit einer zerfaserten schwarzen Langhaarperücke rumläuft, der kaum gehen kann, weil er angeblich Ischias hat (wobei der Gang gelegentlich auch anders interpretierbar wäre), der sich die Lippen und die Lider und die Augenbrauen dick schminkt, der meist eine Brille trägt, der sich in eine enge Röhrenjeans zwängt (die er mit seinem Ischias gar nicht mehr an- oder auszuziehen imstande sein dürfte) und kleine neckische Cowboystiefelchen, der kaum sprechen kann, Behinderung oder lediglich Sprechstörung, das bleibt offen, der oft mit großen, ausdruckslosen Augen starrt und der sein Leben mit Rumhängen und Kaffeetrinken oder Pelota-Spielen in einem leeren Swimming-Pool fristet. Er hat noch seine Frau Jane. Sie macht gerne Tai Chi und krampft sich dabei köstlich ein, während ihr Lehrer sich einen abgrinst. Dann ist da noch eine junge Frau, die auch diesen Schwarz-Kult zelebriert.

Cheyenne, so heißt Sean Penn in diesem Film, lebt in Dublin, Irland. Er verbringt viel Zeit mit Aktienspekulationen, was sicher nicht sein Ding ist oder er wird von der Nachwuchsband „The Piece of Shit“ um wohlwollende Förderung gebeten. Er besucht regelmässig das Grab von zwei Jungs, von welchem er aber von den Eltern derselben wieder vertrieben wird. Die Aufklärung über die Bewandtnis mit diesen Besuchen folgt später im Film. Er hat Kontakt mit dem dicklichen Pick, der erzählt Stories von Sex mit eingegipstem Bein, wie das gehe und zitiert den Satz „Spritz auf meinen Gips“.

Da sein Vater in New York im Sterben liegt, macht Cheyenne sich zu Schiff auf den Weg nach Amerika. Er kommt zu spät an. Sein Vater, der „seine Telefonnummer auf den Arm tätowiert hat“, ist bereits tot. Aber die Beerdigung erreicht Cheyenne noch.

Es finden sich übrigens immer wieder Momente für Szenen, die irgend ein Thema behandeln. Bei einer Liftfahrt mit lauter hübschen jungen Damen und dem Schwarzscheusal von Cheyenne dazwischen geht es um Lippenstifte, und wie ein solcher kussecht aufgetragen werden könne, man müsse die Lippen vorher ein wenig pudern. Alltägliche Kleinigkeiten werden zu kinohaften Staatsaktionen grotesk aufgeblasen und damit einmalig gemacht.

Von New York aus macht Cheyenne sich nun auf die Suche nach einem Altnazi, der unter anderem Namen noch in Amerika leben soll und den Cheyennes Vater seiner Lebtag gesucht hat, weil er sein Peiniger war. Diese Suche führt Cheyenne auf eine Reise in prächtigen Amerika-Kinobildern nach Michigan und Mexiko und Iowa. Überall gibt es befremdliche Begegnungen; zum Beispiel mit dem Angeber, der behauptet, den Rollenkoffer für die Flieger erfunden zu haben – einen solchen zieht Cheyenne übrigens immer mit linkischen Bewegungen hinter sich her. Oder in Dublin ist es eine Art Einkaufswägelchen, man möchte meinen, an Stelle eines Rollators. Das Befremdliche als Methode.

Oder es gibt Gespräche über Pedanterie, Einsamkeit und Verbitterung und dagegen die Unbeschwertheit, die natürlich durch die Nazizeit weggefallen ist; wobei das Schlusswort auch die andere Seite in Betracht zieht, die andere Seite der Lagerbefestigung und die Frage nach dem Gott stellt, der sonderbar passiv sich verhalten hat und verhält und der das doch habe sehen müssen. Oder ein Gespräch über Tätowierungen und dass das Leben voll schöner Dinge sei.

Es gibt eine Begegnung mit der Frau von Alois Lange, dem Nazi-Chergen, die unter dem Namen Smith ein scheinbar vertüdeltes Provinzleben lebt, die Lehrerin war und der sich Penn als ehemaliger Schüler vorstellt. Aber sie kann sich an einen solchen nicht erinnern. Sie kann sich an alle Schüler erinnern, an alle Studenten, nicht aber an einen John Smith, der sich jetzt auch noch an den Geschichtsunterricht erinnern will und die Behandlung des Holcaust darin, wobei sie sich ganz genau erinnert, dass der ganz schnell und nur ganz oberflächlich angesprochen worden sei. Das lässt sie stutzig werden. Er lässt eine Kinderzeichnung aus ihrem Haus mitgehen. Und begibt sich von dort auf die Suche nach der Enkelin Rachel. Die ist in Mexiko. Das ist filmisch grandios ergiebig.

In New York ist Cheyenne übrigens auch mit einem berühmten Nazijäger in Kontakt gekommen, der sich brüstet über 700 Nazi aufgespürt zu haben; und Cheyenne spricht das Thema des Berühmtwerdens durch solche Aktivitäten an, die Showrelevanz.
Einmal gibt es eine Diashow mit Bildern aus den KZs, mit den zu Skeletten abgemagerten Menschen und den Leichenbergen.

Cheyenne besorgt sich eine Pistole, wie er seinem Opfer immer näher auf die Pelle rückt. Auch der Ort, wo er den Deutschen findet, ist recht grotesk, und dass er ihn nicht plump erschießen würde, das war vielleicht das einzig Erwartbare in diesem Film mit vielen überraschenden Wendungen. Aber Rache muss sein. Und die ist, das zeigt eine der letzten Einstellungen, offenbar läuternd und verändert den Menschen.

Damit kommen wir zur Moral dieses merkwürdigen Kinogebildes, und die ist nicht unproblematisch, wenn Rache an einem so alten schlotternden Mann Reinigung für den Rächer sein soll, von dem nicht mal klar ist, wie weit er unter ihm gelitten hat; das wohl schon, das ist einmal angesprochen worden, wie er als Sohn eines KZ-Opfers zum Rockmusiker geworden sei, der dann aber mit dem Erfolg auch nicht umgehen konnte.

Die Wandlung am Schluss, die scheint mir aus dem Ärmel gezogen, vielleicht haben sich die Macher, Paolo Sorrentino, dem beim Buch Umberto Contarello mitgeholfen hat, erinnert, dass jeder Film eine Moral haben müsse und dass eine Hauptfigur eine Entwicklung durchmachen müsse. Oder sie amüsieren sich über dieses Prinzip. Jedenfalls kann bei der Rückkehr Cheyennes nach Dublin seine Frau vom Fenster aus seine Erscheinung mit dem veränderten Look nur mit den schlimmsten Verrenkungen im Gesicht zur Kenntnis nehmen. Jetzt würde es vielleicht richtig spannend werden, wie sie damit umgeht, dass sich was geändert hat, jetzt wo sie sich doch so schön in ihrem wirtschaftlich abkzeptablen Unglück eingerichtet hat.

Denn spannend in diesem Sinne, war der Film ja nicht; zu viele Themen sind eher, ich habe einige erwähnt, der Groteskheit wegen eingebaut worden, als um den Fortgang der Geschichte zu beschleunigen, zwingend zu gestalten.
Im Gespräch mit dem Altnazi geht es noch um die gestohlene Jugend, die unerbittliche Rache. Aber die ganz tiefe Frage des Umgangs mit einer Ungeheuerlichkeit wie dem Holocaust, die wird nicht mal angerührt, stattdessen Rückgriff auf den eher lächerlich, erbärmlich aussehenden Racheakt mit dem Fotoapparat und dem Schnee. Insofern ist das Thema Rache als Umgang und Verarbeitung des Holocaust doch zumindest in Gänsefüßchen gesetzt.

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