Fenster zum Sommer

Ein Kinosoufflée von feinster Zubereitung, wunderschön anzuschauen, schmeckt wunderbar, aber schwierig zum Nacherzählen und gibt auch dem Geist wenig zum Verdauen; außer dem Versuch der Rekonstruktion des Narrativen.

Da es sich aber primär um das Portrait einer Frau in einem liebespsychologischen Loop handelt (Nina Hoss), dreht sich eh alles im Kreis. Nina Hoss ist mit einem Mann zusammen, ist sich aber der Liebe nicht oder nicht mehr sicher und träumt von einem anderen, mit dem sie nach Finnland fährt. Oder auf einer Reise nach Kopenhagen mit Otto, dem Buben einer verunfallten Freundin (Fritzi Haberland, die im Gegensatz zur versonnenen Nina Hoss, die im Tiefinneren auch noch an die Liebe glaubt, immer Pech hat mit den Männern, aber dafür den Buben Otto). Nina Hoss spielt Juliane und Fritzi Haberlandt spielt Emily. Die beiden Männer, um die die Gedankenwelt von Juliane kreist, sind zwei unauffällig gute Darsteller. Aber das Hauptinteresse der Regie gilt den beiden Frauen, eigentlich nur Nina Hoss, die den Film mit einem finnisch gesungenen Lied und auch ein paar Sätzen auf Finnisch eröffnet.

Um ihre Versonnenheit, ihre Liebesimmobilität noch schöner, noch schmerzlicher, aber auch noch abgehobener zur Geltung kommen zu lassen, braucht der Regisseur und Autor Hendrik Handloegten (er hatte ein Buch von Hannelore Valencak als Grundlage) ein irdischeres Gegenstück. Dazu eignet sich Fritzi Haberland ideal. Sonst verliert die Kreisbewegung um Nina Hoss den Halt. Vielleicht sogar eine Art Anbetungsfilm für die Frau. Die Bildgestaltung ist sehr subtil, entfernt sich gerne und schnell vom TV-Realismus, blendet unnötigen Hintergrund aus, arbeitet mit Schatten und Licht nur auf die Gesichter; zehrt auch von finnischen Stimmungen, dem Winter in Deutschland, von Stimmungen auf der Fähre zur Zeit der Mitternachtssonne.

Atmosphäre ist die Substanz des Soufflés. Nina Hoss mehr gelähmt als handlungsfähig im Dauerkonflikt zwischen den beiden Männern. Handlungsunfähig. Auf der Suche nach Vertrauen. Nach dem Urvertrauen. Oft grenzt die Lichtsetzung schon an die Malerei in der Nähe von Rembrandt. Es gibt eine Szene, die sieht aus wie ein Gemälde einer bürgerlichen Renaissance-Gesellschaft, die Köpfe hell, alle stehen um die Frau herum, die erzählt, wie Emily zu Tode gekommen sei. Und in einem völlig anderen blauen, hellen Licht steht plötzlich Nina Hosse gegenüber, wie ein Gemälde aus der Van-Gogh-Zeit und hört sich das an. Sie lebt in einer anderen Welt, vielleicht gar auf einem anderen Planeten.

Ein existenzieller Loop. Der Film als Loop. Das Verlangen nach der zweiten Chance. Juliane ist seit neun Jahren in diesem Loop. Vielleicht setzt der Macher bewusst die Unklarheit des Narrativen, das System Loop ein, um sich gegen hartnäckige Nachfragen zu schützen, apriori zu schützen. Der Loop des Déja-vus. Schmetterlinge im Bauch. Ein Kunstwerk, das keiner richtig verstehen kann, denn auch die Romanvorlage wurde sehr frei gehandhabt. Stream of looping consciousness. Und weil keiner es richtig versteht, weil der Macher aber alles so gut erklären konnte, traute sich auch keiner der Förderer abzusagen. Kinogemälde. Momentweise an Ionesco gedacht, „Die Kahle Sängerin“, das Ehepaar Smith, das sich im Zug begegnet als hätten sie sich das erste Mal gesehen. Dann stellen sie erstaunt fest, dass sie beide aus London kommen, aus der gleichen Straße, etc., bis sie noch erstaunter feststellen, dass sie letzte Nacht sogar im gleichen Bett geschlafen haben müssen und dass sie also folglich miteinander verheiratet sind.

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