Poliezei

Die Polizei, das heißt auf Französisch: la police und wird mit einem kurzen „o“ und einem langen „i“ wie „ie“ gesprochen. Der französische Original-Titel des Filmes lautet nun aber nicht „police“ sondern „polisse“, also mit kurzem „o“ und kurzem „i“ und einem harten „s“ wie beim deutschen „Schmiss“. Der deutsche Titel lautet nun also auch nicht „Polizei“, sondern „Poliezei“, also mit kurzem „o“ und langem „i“ wie bei „Liebe“, ergibt aber aus meinem Worterfahrungshorizont absolut keine Assoziation zum Begriff „Polizei“, sondern nur die Idee, dass es schlicht falsch geschrieben ist und dass es Probleme mit den Rechtschreibprogrammen gibt. Auf Französisch ergeht es mir nicht anders. „Polisse“ reimt sich vielleicht schwach auf „Clarisse“, einen Frauennamen (eine solche spielt aber laut Besetzungblatt nicht mit), garantiert aber nicht auf „Paris“, weil da das „i“ lang ist und auch nur ein „s“ am Ende (das außerdem gar nicht ausgesprochen wird), obwohl der Film sogar in Paris spielt. Und innerhalb vom Film ist mir auch keinerlei Hinweis aufgefallen, was es damit auf sich haben könnte. Kuddelmuddel von Anfang an, schon vom Titel ausgehend. Signal vielleicht, dass man es hier wirklich mit Ungereimtem, Unverständlichem zu tun bekommen wird.

Und so ist es denn auch. Irgendwo auch verständlich, denn die Filmemacherin Maiwenn Le Besco, die Schauspielerin ist, will ein außerordentlich delikates Thema behandeln: Pädophilie. Genauer gesagt: die Pädophilie aus den Augen der ermittelnden Polizei, und nicht etwa eines einzigen Polizisten, weil das nämlich für einen zuviel werden könnte, sondern gleich aus den Augen einer ganzen Ermittlermannschaft in einem Dezernat in Paris, einer Mannschaft, die spielend das Dschungelcamp von RTL herausfordern könnte. Wenn man kurz vorher den sensiblen iranischen Film „Wind und Nebel“ von Mohammed Ali Talebi gesehen hat, wo es allerdings um eine andere Traumatisierung ging, ja, richtig, andere Baustelle, aber eben auch sehr sensibel und ohne jedes falsche Pathos, so kann ich hier nur den Kopf schütteln. Und ihn noch mehr schütteln über die Begeisterung, die der Film in Cannes ausgelöst haben soll. Vielleicht ist es die pure Hilflosigkeit dem Thema gegenüber, die sich in einem bewusst groben Zugang äußert.

Pädophilie ist ein heikles Thema, heikler gehts nimmer, erst recht wenn es in der Familie passiert oder mit Erziehungsberchtigten und da passiert sie auch am meisten. Zu verstehen ist auch, dass jemand, der darüber einen Film machen möchte, peinlich versucht sein wird, kein falsches Pathos, keine Opfertümelei, keine schmierige Lügerei, keine mitleidtriefende Sauce aufkommen zu lassen und von Anfang an versucht dem gegenzusteuern. Das dürfte einer der Gründe gewesen sein, gleich ein ganzes Kommissariat auf die Pädophilie loszulassen. Ein Kommissariat, was noch dazu eine richtige Mannschaft bilden, ein Team, das sich auch freie Zeiten teilt. Mit Teamgeist gegen Pädophilie. Und das selbst, das ist sicher auch richtig gedacht, ein großes Problem hat, ein seelisches, die Dinge, die sie zu hören kriegt, zu verdauen. Das Mittel, das Maiwenn Le Besco, die selber noch dazu mitspielt, nämlich eine Fotografin, die das Team über ein gewisse Zeit begleiten soll und die dann auch noch eine Affäre anfängt, als ob sie mit Buch und Regie nicht ausgelastet genug wäre, also das Mittel, wofür sie sich entscheidet, mit der Delikatesse und der Unerträglichkeit der kinderschänderischen Verbrechen umzugehen ist das: sie lässt die Mannschaft, in einigen Fällen sogar beim Verhör, vor allem aber, wenn sie unter sich sind, eine Schrill-Chose abspielen, als wollten sie das, was dem Menschen schwer fällt, wahr zu haben, übertönen. Abwehrzauber.

Die Schauspieler überagieren also dauernd, sie sind ständig aufgekratzt, so schlimm habe ich es bei einem einmaligen Blick ins RTL-Dschungelcamp gesehen, sie schreien, sie geraten schnell aneinander, sie schrauben sich in Gefühlshöhen oder dann lässt die Regisseurin einen schwarzen Jungen minutenlang schreien. Mithin erweckt sie den Eindruck, als ob sie ihr Publikum einfach nur nerven möchte mit Verdrängungsaktivitäten. Nerven mit dem, was die Gesellschaft verdrängt.

Viele Szenen scheinen improvisiert, soll Lebensnähe wie bei einer Doku-Soaps erwecken, alle sprechen durcheinander und die Kamera scheint immer erst als letzte dazu gekommen zu sein und ist oft nicht da, wo es interssant wäre. Vielleicht hat die Regisseurin das einem Produzenten oder einem Redakteur so glaubwürdig als kunstvoll verklickert.

Der Film fängt mit einer schwierigen Verhörsituation an, ein ganz kleines Mädchen, das gerade sprechen kann, wird von zwei Polizeibeamtinnen befragt, was der Papa denn so alles gemacht habe, wenn er sie gestreichelt hat, ob über oder unter dem Pyjama, was sie unter Po verstehe, ob im Liegen oder im Stehen, ob im Schlafzimmer im Bett oder wo sonst.

Kein Frage, es ist ein riesiger Themenkomplex und es scheint, als wolle die Macherin noch dazu einen Katalog aller möglichen Verbrechen an Kindern vorführen, Sex mit den eigenen Kindern, der Lehrer und der Bub auf dem Clo (dem Buben hats gefallen), die Rumänen, die die Kinder auf den Strich schicken, das Mädchen, das sich selber im Internet anbietet. Wobei die Kinder sonderbarerweise überhaupt nicht verstört wirken. Was solche, die es wirklich erleben, eben doch sind. Aber da ist nicht auf Realismus geachtet worden. Es ging nicht um glaubwürdige Darstellung, das ist sie in keinem Moment. Es geht darum, Lärm um das Thema zu machen, eher ein Appellativfilm, ein knalliges Plakat.

Aus den Notizen.
Die plappern und plappern und plappern, als ob sie das Thema verdrängen wollen.
Aufgesetztes Schauspielergetue. Wackelkamera, unvorbereitete Kamera soll Echtheit suggerieren. Echtheit im falschen Getue.
Inszenierung wie die Privatsender, die einen auf Sensationshascherei machen.
Das hält kein Mensch 127 Minuten aus (oder es richtet sich an ein privatsendersensationskonditioniertes Publikum).
Vollkommen überrissene Figuren.
Der Ton immer mehr als nur eine Idee zu laut, will sagen: ja nicht hinhören.

Die Fotografin muss auf Geheiss eines Kollegen die Haare aufmachen „Mach die Haare auf, es reicht mit dem Oma-Look“ – wenn man hinterher liest, dass die Schauspielerin selbst das geschrieben und inszeniert hat, so ist das nur allerpeinlichste Selbst-Schmalz-Darstellung. Eitelkeit, die sich noch auf dem Rücken der Pädophilie darstellen will zu interpretieren.

Die Gauditruppe von der Kindersitte.
Die Pizza-Trüffel-Schweine von der Sitte, halt nein, sie essen Trüffel-Pizza.
Einen Bösen hat die Autorin auch eingebaut, reinstes, billigstes Klischee, Herr Bouchard, der das erstarrte, korrupte Establishment vertritt und in einem besonders krassen Fall schützend die Hand über den Angeklagten hält.
Klein Oussmanns Geschrei, wie sie ihm die Mutter wegnehmen.
Faublaise, heißt der Pädophile, der Beziehungen bis hoch hinauf hat.
Oh Schreck, und eine Totgeburt nach einer Vergewaltigung muss auch noch vorkommen in diesem Kinderpornokuriositätenkabinett.
Gleichzeitig will die Regisseurin sich noch gut darstellen. Als Schauspieler hat sie ein Team von wie es scheint Fernsehseriendarstellern gecastet, eine Art Chaostruppe, die sie wahrscheinlich alle bewundern und ihr den Hof machen, denn sie ist ja die Regisseurin, hat also Macht, und die alles mit sich machen lassen und vor lauter Teamgaudi vergessen haben, dass es um ein ernstes Thema geht. Das wird in Cannes als Kunst interpretiert.
Geburtstagsfeier und dräuende Musik drüber.
Schießübungen.
Disco darf nicht fehlen, bringt einen Schuss gutbürgerlicher Mitte in das Abseits-Thema.
Das dürfte der Miss-Schnitt des Jahres werden: wie die Polizistin mit der Kühlbox mit der Totgeburt drin durch einen Spitalflur geht und dann blendet die Regisseurin von der Kühlbox mit der Totgeburt drin auf einen Kindergeburtstagskuchen mit wenigen Kerzlein, die gleich ausgepustet werden.

Eine Gaudi-Liebesfahrt mit Polizeisirene darf in diesem Schema nicht fehlen Melissa, so heißt die Fotografin, mit ihrem Maghrebien. Peinliche Schauspielerinnenträume sind das, die nun gar nichts mit dem Thema zu tun haben. Klar, sie möchte zeigen, dass auch die Polizisten nur Menchen sind, als ob wir das nicht wüssten und die brauchen nebst der Kinderpornographie den Raum für die eigene Liebe und das Liebesabenteuer.
Schreiszene im Kommissariat, die sind auch immer in großen Mengen da, diese Kommissare, wie eine Kommissarin einen Muslim anschreit, der sein Kind zwangsverheiraten wollte, lange vor der Volljährigkeit, dass nichts davon im Koran stehe. Sehr expressive, sehr engagierte Auftritte sind das, die gelegentlich im Einzelnen durchaus Qualitäten entwickeln.
Äztende Selbstdarstellung der Regisseurin.
Dann noch der Versuch der Gefangennahmne bei einem Kinderhandel in einem Shopping-Center, das muss groß gezeigt werden, Action mit viel, viel Geschrei und Zeter und Mordio und einem verletzten Polizisten.

Nun, die Filmemacherin hätte noch Stunden und Jahre so weiter drehen können, ich glaube Schneiden und Montage ist das Ihrige nicht, sowenig wie Schreiben und Inszenieren.
Der Film scheint mir, nicht nur wegen seiner Länge von 127 Minuten, auch wegen der Machart nicht mal geeignet für Themenveranstaltungen, was man sonst bei ähnlichen Filmen mit schwierigen Themen zur ihrer Rettung immer noch vorbringen kann. Cannes bestimmt nur dank geeigneter Drähte.
Dann noch der malerische Fenstersturz einer Kommissarin während der vom Sportlehrer geliebte Bube die Trophäe in einem Wettbewerb entgegennehmen darf.

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