Allmählich kennen wir uns aus mit Fake-Dokus. Sie sind also nicht mehr dazu angetan, unser Weltbild in Frage zu stellen oder gar zu verändern, das Publikum zu schockieren, wie damals bei Orson Welles mit seinem Hörspiel „War of the Worlds“, welches an der Ostküste der USA an Halloween 1938 eine Massenpanik ausgelöst haben soll, laut Wikipedia. Der größte Hit im Fake-Doku-Gnre und der überraschendste in den letzten Jahren dürfte das Blair-Witch-Project gewesen sein, das vielleicht eher in die Kategorie „Mockumentary“ einzuordnen wäre, wobei dort durchaus auch ein geschicktes Marketing übers Internet eine Rolle gespielt haben dürfte. Inzwischen ist das Publikum nicht mehr so leicht zu bluffen. Inzwischen dürfte die Überraschung und die Freude mehr dem Genuß des Wie als der Auseinandersetzung mit dem Was gelten.
Und dieser Genuss ist hier nicht klein. Man muss ja, wenn einer heute Material von einem geheimen Raumfahrtexperiment glaubwürdig präsentieren will, ganz schön daran arbeiten. Vor allem, wenn es sich um eine Mondexpedition handelt, eine, die es offiziell gar nicht gegeben hat, eben Apollo 18. Von den Astronauten wurden nämlich nur mysteriöse Todesfälle kolportiert, bei denen nie eine Leiche gefunden worden ist. Es handelt sich um Cpt. Benjamin Anderson, Lt. Col. John Grey und Cdr. Nathan Walker. Es hieß offiziell bei allen, sie seien bei Überflügen oder Übungen ums Leben gekommen und die Leichen seien nie gefunden worden. Der wahre Grund ihres Ablebens ist bis heute streng geheim. Wenn es denn nicht dem spanischen Regisseur Gonzalo Lopez-Gallego (bestimmt mithilfe des Autors Brian Miller) gelungen wäre, in den Besitz von sogenanntem „Found-Footage“ zu kommen; wie ihm das gelang, das wäre womöglich eine ebenso abenteuerliche Story, wie die, die er mit diesem Material zusammengestellt hat.
Aus diesem „Found-Footage“ hat Lopez-Gallego einen Film geschnitten, der die Schrecken dieser geheimen und bis heute nicht bestätigten Mission Apollo 18 schön anzusehen rüber bringt, der dem Zuschauer selbst das Gefühl vermittelt, mitten in der Mondlandekapsel oder in einem Raumanzug zu stecken, der die Geräusche oft sonderbar verzerrt, der den eigenen Atem überhöht und unerträglich laut erscheinen lässt, der auch die Totenstille nach gewissen Interferenzen und dem plötzlichen Knall nicht auslässt.
Found-Footage ist für einen Regisseur per se ein Freibrief für die vielfältigsten Spielereien mit dem Material. Gonzalo Lopez-Gallego lässt nichts aus. Schon die Farbgebung, die durch das Ausbleichen der Farben, ganz schnell den Eindruck erwecken, das Material stamme wirklich aus den Siebzigern. Dann die Risse und Streifen, das holprige Abspielen, der Beinah-Stillstand, Schraffuren, Überblendungen, Unschärfen. Variationen ergeben sich auch durch die verschiedenen Kameras, die verwendet worden sind, ob die Überwachungskamera aus der Bodenstation auf der Welt oder die Westinghouse oder weitere nicht sofort definierbare Bildaufnahmegeräte.
Die kleine Mondexpedition fängt ruhig, gefasst und routiniert an. Die drei Astronauten werden vermutlich für Jahrzehnte die letzten Menschen sein, die den Mond betreten können, dürfen, sollen. Sie erkunden die Rückseite. Machen da eine erschütternde Entdeckung einer verlassenen russischen Mondkapsel mit einem Toten drin und überall Blut. Die Darsteller bewahren die Ruhe, auch wenn Dinge nicht funktionieren, wie sie sollen, wenn richtige Schockeffekte passieren. Wenn sie Fußspuren finden, die gar nicht von Menschen stammen können, wenn ihnen von der Bodenstation plötzlich das Gefühl vermittelt wird, sie seien mit dieser Mission verarscht worden.
Ganz zu Anfang gabs kurze Super-8 Impros aus ihren Familien. Alle glücklich verheiratet, Kinder. Dadurch, dass sie die Phänomene erst ruhig angehen, kriegt sie auch der Zuschauer besser mit, denn eines der Mittel dieses Fake-Dokus ist durchaus – und das hilft der Spannung – die Footage nicht zu billig zu verkaufen, dem Zuschauer eine gewisse Anstrengung abzuverlangen, auch durch die ständigen Perspektivenwechsel mitzukriegen, was überhaupt vor sich geht. Man muss den Zuschauer fordern. Den Wahrnehmungsprozess des Zuschauers kitzeln, reizen, leicht provozieren. Aber gerade, weil die Astronauten in so unerwartete Gefahr geraten, macht es umso mehr Spass, aus der Distanz vom sicheren Kinosessel aus versuchen mitzulesen, was da überhaupt vor sich geht, die Geheimstory zu dechiffrieren. Denn an sich, die Story, die ist nicht anspruchsvoll. Es geht darum, ein Zeitfenster von vier Jahrzehnten zu überbrücken zu Dingen, von denen die Menschen noch nichts gehört haben. Das dürfte die Herausforderung und das Vergnügen für den Zuschauer zu sein.
Details. Bildverschiebungen, Bildstörungen, Soundkulisse, Something is moving, etwas bewegt sich unterm Raumanzug.
Die Verwundung eines der Astronauten. Der Versuch, „something“ , was unter seinem Raumfahranzug war, was sogar in seiner Brust steckt, rauszuoperieren, kurzer Ausflug ins Gruselgenre. Eine Orgie der Bildbearbeitung. Genial. Wobei die Wackelkamera allerdings inzwischen leider von so vielen Dilettanten missbraucht worden ist, dass Lopez-Gallego diese recht wohldosiert nur noch einsetzte. Die schwarz-geäderte Vernarbung. Die rotumränderten Pupillen. Eine lustige Spielerei. Ein Effektenfuriosum, aber mit Witz und Kunst und Stil.