Melancholia

Das Ende des Filmes kommt als Ende der Welt mit soviel Wagner und fibrierenden Bässen und mit einem großen Planeten Melancholia, der durch den Blackout gerade noch davor bewahrt werden kann, in den Kinosaal zu stürzen, so dass der spontane Eindruck der ist, es überlebt zu haben, ein Überlebender zu sein. Vielleicht ist der Eindruck so stark, weil die drei Figuren, die sich nicht mehr retten konnten, einem über zwei Stunden lang Situationen der Angst, Angst vor dem Tod, der Einsamkeit, des Misstrauens und der Kälte unter den Menschen aber auch der Liebe vordemonstriert haben. Diese drei Hauptpersonen sitzen kurz vor dem Ende unter einem Steckengerüst, worüber man das Tuch für ein Indianer-Zelt hätte legen können. Sie sitzen im Schneidersitz im Kreis und geben sich die Hände. Für die meisten Menschen dürfte der Tod und damit das individuelle Ende der Welt prosaischer kommen. Diese drei Personen sind die beiden Schwestern Justine und Claire, jeder von ihnen ist ein Teil des Filmes gewidmet und der dritte im Bunde ist der Bub von Claire, Leo. Claire, das wird im zweiten so überschriebenen Teil geschildert, bewohnt mit Leo und ihrem Mann John ein Schloss mit fein gepflegtem Park und eigenem Golfplatz, sie führen ein Luxusleben außerhalb jeglicher gesellschaftlicher Klasse.

Mit einem Blick von der Schlosshöhe herab auf den Park fängt der Film an: eine astronomische Uhr steht auf einem Steinsockel. Dahinter dehnt sich die Grünfläche. Ganz weit hinten kämpft eine kaum sichtbare Figur, die noch jemanden zu tragen scheint. Die Anfangssequenz zeigt Trier in endloser Zeitlupe, manchmal ist kaum auszumachen, ob die Figuren sich noch bewegen oder schon nicht mehr, der Moment vor dem Stillstand. Es werden in diesem Auftakt schon verschiedene Szenen aus dem Film vorweggenommen, ein stürzender Rappe, die Frau mit dem Kind auf dem Arm, die Braut, die in einer angstraumhaften Verwicklung nicht mehr weiter kommt, die ganze Gesellschaft auf dem Grün der Wiese, die Frau mit dem Kind auf dem Arm, die im Rasen wie in Treibsand einzusinken droht und tiefe Spuren hinterlässt. Bilder für Urängste.

Dazwischen zwei Planeten, die sich aufeinander zu bewegen. Es ist ein Film, der mir gar nicht so richtig zu denken gibt. Eher versuche ich, die Bilder aus der europäischen Malereigeschichte von Breughel und Bosch und anderen kontextual einzusortieren und zu interpretieren. Dazu müsste ich den Film aber nochmal anschauen. Diese Bilder werden so ausgestellt, dass sie Signifikanz in Anspruch nehmen. Die hält uns Lars von Trier hin wie Schilder. Das Brueghelbild, es könnte „Januar“ sein, kommt schon im Anspann vor und auch es scheint in einer Zerfließbewegung von Langsamkeit sich aufzulösen.
Es sind Bilder von Kälte, Angst, die Themen des Filmes.

Die erste Szene im ersten Teil, der mit „Justine“ überschrieben ist, ist die um die zwei Stunden verspätete Ankunft des Hochzeitspaares. Justine mit ihrem Bräutigam in einer weißen Stretchlimousine vor dem Schloss, in dem ihre Schwester wohnt. Eine kleine Komödienszene, prima gemacht, es geht um das Einrangieren des langen Ungetüms. Der Fahrer kapituliert. Der Bräutigam versuchts – auch vergeblich. Schließlich die Braut. Sie fährt das Teil prompt in einen Poller. Das passiert mit groß gespielter Leichtigkeit und großem Vergnügen, sehr theatral, sehr physisch.

Elemente um das Hochzeitsbankett herum: Antares, den man am Himmel sieht, ein Fernrohr, um den Himmel zu beobachten, auch das Thema des Planeten Melancholia wird schon angeschnitten, das schwarze Pferd Abraham, das die Braut alleine reitet, der Schwager, der zwischen den Lippen zischelt, er würde es auch reiten. Es gibt die erste Begegnung mit Leo, für den Justine die Tante Stahlbrecher ist. Der Vater von Justine ist ein Silberlöffeleinstecker, er beschwert sich beim erstaunlich wenigen Bedienungspersonal, warum die Damen neben ihm keine Löffel hätten, und man sieht wie er sie alle einsteckt in sein Reverstäschchen, die fallen dann raus, wie er später aufsteht.

Die Gesellschaft begrüßt mit Applaus die Verspäteten. Die Mutter, Charlotte Rampling, die ist vor allem säuerlich und hält mit ihrer Meinung, dass sie von Hochzeiten und dergleichen nichts hält, nicht hinterm Berg. Es gibt auch Begegnungen zwischen der Braut und ihrem Chef, der sie gleich mit der Brautrede zur Art-Directorin befördert, das wird sie später mit einem sehr merkwürdigen Vorschlag für ein Werbekonzept, das das Abzocken der Kids klar rausstellen soll, wieder in Frage stellen.

Die Braut sondert sich des Öfteren von der Gesellschaft ab. Mit Bildern einer Braut allein auf einem Golfplatz in einem Caddy unterwegs oder im Park oder allein in Schlossfluren und –zimmern liegt Trier immer auf der sicheren Seite schöner Ansichten.

Charlotte Rampling haut ihre Sätze wie auf Kommando sehr hart raus.
Die Braut will den Buben ins Bett bringen. Dann liegt sie selber zu seinen Füßen. Die Schwester kommt besorgt. Es gibt ein Gespräch zwischen beiden Schwestern über ein Geheimnis, das sie offensichtlich teilen.

Der Film ist nicht dazu geeignet, eine Spielhandlung nachzuerzählen. Im ersten Teil ist diese Hochzeitsgesellschaft, das Missgeschick mit dem Parken pflanzt sich über den ganzen Abend fort. Die Gesellschaft ist sozusagen der Rahmen, um verschiedene Figuren zusammzuenbringen, um Ängste durchblicken zu lassen, Unsicherheit, auch die Unsicherheit der Braut vor der Hochzeit. Die Hochzeitsnacht fängt zwar an, sie ziehen sich auch aus, aber die Braut möchte dann doch noch warten, zieht sich wieder an, rennt in den Park hinaus, ihr folgt ein junger Mann aus der Gesellschaft, sie legt ihn in auf dem Golfplatz in ein Rondell aus Sand und hockt sich auf ihn zwecks Befriedigung. Ich vermute, das soll ein hochmoralischer Film sein, Bilder für eine Moral-Doktrin.

Einmal, kauert sich die Braut im ausladenden Brautkleid auf den Rasen nieder zum Pinkeln. Da das von Lars von Trier sehr bewusst inszeniert worden ist und bestimmt nicht die Aufnahme einer versteckten Kamera am Set, so muss auch in diesem Wasserlassen der Braut auf dem Rasen im Braukleid ein Sinn gesucht werden. Gefunden habe ich ihn nicht.

Es scheint bei dieser Gesellschaft wenig Gemeinsamkeit zu geben. Zwar tanzen sie. Aber jeder verfolgt seinen eigenen Zweck, gehorcht seiner eigenen inneren Uhr, seinem inneren Zwang. Nicht mit der Gesellschaft synchronisiert. Später findet sich die ganze Gesellschaft wieder ein, um weiße Heißluftballons aufsteigen zu lassen, auf einem ist ein Herz für das Brautpaar gezeichnet und die Gäste haben unterschrieben; dieser Ballon hat keinen guten Start.

Zwischendrin immer wieder ein Blick durchs Fernrohr, Antares verdunkelt sich zusehends.
Das Brautpaar zieht sich zurück.
Hochzeitsnacht, warte einen Moment bitte.
Dann möchte sie mit Papa reden.
Komm Zwiebelsuppe essen.
Dort beschimpft sie den Chef, nachdem sie den erwähnten Vorschlag gemacht hat, beschimpft ihn als eine nicht zu respektierende Person. Der zerschlägt im Gegenzug Teller.
Das passiert alles sehr physisch aber ohne psychische Reaktion der Umstehenden. Ein Entfremdungs-Mittel, das den Film auf die Ebene von Kunst heben soll.

Jetzt soll endlich das Ratespiel, wieviele Kaffebohnen in einem Behältnis waren, gelöst werden. Es waren exakt 678 Bohnen, aber keiner von den Gästen hat das erraten.

Zwischenfrage: sucht Lars von Trier seinen Platz in der Ikonographie des Abendlandes in den Künsten Film und Gemälde?
Trier baut immer jede Kleinigkeit zur großen Szene auf.
Die aufgeschlagenen Bildbände. Trier knüpft also damit auch dezidiert an die abendländische Ikonographie an und baut sie filmisch weiter aus und das meisterhaft. Bringt die Malerei zum Laufen oder dichtet ihr eine Umgebung zu, einen Zusammenhang menschlicher Unzulänglichkeiten, menschlichen Unglücks. Glück gibt es in diesem Film nicht. Die Menschen werden mit theologischer Kanzel-Penetranz als schlecht gezeichnet, sonst bräuchten sie die Kirche von Lars von Trier nicht. Eine Reitszene von Justin mit ihrer Schwester, Ausreitszene, Abraham bockt. Apokalyptischer Reiter?

Dann der zweite Teil, der mit „Claire“ überschrieben ist.
Jetzt rückt der sich nähernde Planet Melancholia stärker ins Bild. Zuerst heißt es, er werde vorbeiziehen an der Erde.

Justine geht es jetzt nicht mehr gut, aus der Hochzeit ist nichts geworden, sie ist bei Claire und ihrer Familie. Es geht ihr manchmal schlecht. In einer Szene will Claire ihr zum Baden verhelfen, Justine steht nackt da, gestützt von Claire. Das sind alles Bilder, die nur Stills sind, eine Gemäldegalerie, eine theologische, man muss nach diesem Film auch gar nicht genau nach der Storyline fragen, die ist nur dazu da um wie eine aufgespannte Schnur verschiedene Zustände dieses menschlichen irdischen Unglücks als Bilder nebeneinander hängen zu können. Es ist eine kalte Welt. Es gibt jedoch auch schöne Bilder darin, paradiesische, wenn die beiden Schwestern ausreiten, wenn sie in der Natur stehen und Beeren pflücken. Trierwelten sind Bildwelten mit theologischem Hintergrund. Es geht nicht um Verantwortung des Menschen für seine Handlungen, es geht nicht darum, den Menschen durch das konsequente Fortdenken seiner Entscheidungen in die Sackgasse oder zum Ziel zu führen. Es gibt nicht viel zu denken so ein Film. Man muss nachher keine Rätsel lösen. Man kann sich damit beschäftigen, die Ikonographie einzuordnen, zuzuordnen. Denn sie fügt sich wunderbar ein in eine Reihe von Meisterwerken.

Was auch sehr detailliert gezeigt wird und ergo große Wichtigkeit hat, ist das Drahtgestell als Fernrohrersatz, vollkommen verbogen, obwohl es rund sein sollte, was an einem Stock befestigt ist, daran muss Trier sich krümelig gefreut haben, und was man sich vor die Augen hält um erkennen zu können, ob die Melancholia näher kommt oder nicht. Später wird sie dann näher kommen und das ist fast eine Zirkusnummer, wie Claire das Teil versucht zu handhaben und der Mond immer größer wird. Der Mensch und sein Umgang mit dem Sehen.

Dazwischen gibt es vom John die Bemerkung über die Fehlertoleranz bei so großen Distanzen, rein naturwissenschaftlich. Man hat nie den Eindruck, die Figuren mögen sich, sie sind halt zusammen im Bild, sie könnten auch woanders sein. Sie verbindet einzig die schlosshafte Umgebung. Wirtschaftliche Probleme kennt man hier nicht. Ein Beruf ist absolut was Nebensächliches, Justine wird wie gesagt Art Directrice .

Claire kriegt keine Luft. Das Hineinschauen in die sich nähernde Melancholie, das ist wie den Tod nahen sehen. Großer Vorgang.
Dann liegt John schon tot im Pferdestall. Claire deckt ihn mit Stroh zu, jagt Abraham aus dem Stall und sagt Leo und Justine, John sei ausreiten gegangen.
Die Naturgewalt kommt mit heftigem Regen ins Spiel, der sich zu Hagel verändert.
Film als Liturgie. Stellenweise fast eher als Bebilderung der Musik.
Lars von Trier ist vermutlich kein Seelenforscher. Er ist ein Dogmatiker, der die Seelen als kaputt und todesängstlich auf die Leinwand malt.
Mit dem Regen fängt die Flucht von Justine und Leo an. Deutliches Geschnaufe, man eilt und rennt. Um dann im Zimmer zu landen. Vorher an Loch 19 vorbei.
Jetzt wollen sie ein Glas Wein auf der Terrasse trinken, Abendmahl?
Soll man dazu Beethoven singen? Die Versatzstücke abendländischer Kultur neu gemixt, schier verjuxt, wenigstens vom Text her.
Trier ein Kulturberserker?

Es sind Bilder von Misstrauen, Urmisstrauen, auch Urvertrauen, wenn gegen Ende Claire ihren Arm schwesterlich um Justine legt. Bilder nur. Der Donner naht. Der Tod. Es geht ans langsame Aufhören.

Kino als kathartische Veranstaltung, man fühlt sich frisch nach dem Lärm und Donner und Regen und all den Schmerzensbildern, nachdem man im Gegensatz zu Claire und Justine und Leo und John überlebt hat, das Kino überlebt hat, die beherrschte Welt des Golfplatzes überlebt hat.

Es geht hier nicht um Handlungen, es geht nicht mal um Verweigerung.
Bildwerke von Trier.
An wen wenden sie sich?
Die Liebe gerade mal in ihrer institutionalisierten Form der Ehe, aber auch die funktioniert nicht. Viel Jenseitsimpetus, der Schrecken, den das Jenseits auf Erden verbreitet. Jenseitsbild-Requisiten.
Die Angst vor dem Tod, die in dem herrschaftlichsten Gemäuer herrischer zu herrschen scheint als sonstwo.
Und dann vor der Flucht und dem Regen noch mit dem Buben in so einem grünen Wald.

Geistig gibt mir der Film nicht wirklich viel her. Außer man möchte ihn beschreiben, aber als solcher würde er mich nicht sehr beschäftigen.
Und trotzdem so meisterhaft, dass man kaum was kritisieren kann. Man kann bei solcher Theolgoie gar nichts kritisieren. Die sucht ja auch keinen Dialog. Die schirmt sich sozusagen qua Dogmatik gegen jede Kritik ab. Das ist Kanzelpredigt, Triersche dogmatische Kanzelpredigt, schier nach dem lateinischen Ritus, so schön, je nachdem, wie bewandert man in der verwendeten Ikonogrpahie, den verwendeten Topoi ist.
Triers Moraltafel: schaut her: so fahren Menschen schöne weiße Stretchlimousinen in den Poller, so gehen sie mit ihren Luxusgütern um.
(Festschreiben von Moral- und Glaubensgehalten auf aussagekräftigen Bildtafeln)

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