Wickie auf großer Fahrt

Dieses Hochförderprodukt hinterlässt in mir gemischte Gefühle.

Positiv zu verzeichnen wäre:
– es ist das Rudiment einer Geschichte erkennbar (Wickie muss seinen Vater aus dem Gefängnis des schrecklichen Sven am Kap der Angst retten und dabei als Nachwuchshäuptling mit den Wikingern viele Hindernisse überwinden).
– immer wieder kinderfreundlicher Slapstick (eins auf den Deckel und ein Mann fällt um),
– Schauspieler, die immer wieder verkindet kinderfreundliche Töne und Urlaute von sich geben,
– sexy Walküren (die die Kinder- und die Erwachsenenfantasie anregend nackt zurückgelassen werden, denn ihre schmalen Bekleidungsteile haben sie Wickie und seinen Männern zur Reparatur des Segels überlassen, was dadurch zum bunten BH- und Sliptuch verwandelt wird),
– immer wieder der Chor der Wikinger (wenn Regie führen verstanden wird als „den Chor“ führen, dann hätte Christian Ditter, der Regisseur und Drehbuchautor, allerdings noch so einiges zu lernen),
– viel Babelsberger Orchestersound, der routiniert storymässige Schwach-Stellen mit Sound zu übertönen versucht,
– 3 D (für Arme, denn der Hintergrund erscheint oft wie ein gemalter Prospekt),
– Kasperltheaterszenen, wenn die Gruppe der Wikinger von den Walküren fast ins Meer gestoßen werden,
– Actionszenen (die sich von Hollywood inspirieren lassen, aber nicht daran herankommen oder der Rote Korsar würde sich ein Grinsen nicht verkneifen können)
– last und am allerwichtigsten ein digitales Effektdepartment was über manch löchrige Stelle in der Geschichte effizient hinwegtrickst.

Was fehlt:
– Humor,
– Charme,
– Geschmeidigkeit des Erzählens,
– Geschmeidigkeit der Szenen- und Schnittauflösung, Spannung durch die Konfliktentwicklung über die Hauptfigur,
– ein Cast, der unter Wikingerspielen etwas mehr versteht als nur Gesicht verziehen und Töne von sich geben oder sich wie Tölpel anstellen oder Klamotte spielen. Das ist vielleicht nicht einmal in erster Linie den Darstellern anzulasten, das Missverständnis dürfte sich bereits bei der Auswahl derselben eingestellt haben.
Noch zum Cast: Das kleine Luder Svenja, das ein mieses Doppelspiel spielt, sie ist die einzig aufregende Leinwandfigur in diesem Film, vielleicht noch der böse Sven, der unter der Darstellung des Bösen durchaus auch die Vermittlung von Vitalität und Schlauheit versteht. Diese Besetzungauswahl lässt allerdings die Titel- und Hauptfigur, den Wickie, eher blass aussehen. Er kann nichts dafür. Aber ihm fehlt meiner Ansicht nach die Leinwandaffinität. Sicher werden sich die Buben im Publikum altersbedingt mit dem Wickie identifizieren, kleinen Kinder heißt es ja, kann man ein Stück Holz hinhalten und behaupten, das ist der Kasperele, und dann ist es für sie der Kasperle, denn die haben ja noch Phantasie, insofern dürfte das von mir erwachsene Nörgelei sein, wobei ich da meine liebe Mühe hätte, zu entscheiden, für welches Alter der Film denn überhaupt gedacht ist: denn es gibt vom richtig bubenfreundlichen Slapstick für Schulanfänger über Szenen nur für die ganz Kleinen auch wieder Gespräche über Liebe und Anmache, die eher für die Halbwüchsigen (zwar nicht lustig) sind. Aber irgendwie scheint mir dem Wickie das Need zur Figur zu fehlen. Er spielt richtig und korrekt. Das dürfte einmal mehr für den Erfolg reichen, der mit jedem Kinderfilm in einem bestimmten Rahmen kalkulierbar ist, weil ihn die angepeilte Altersgruppe wohl mehr oder weniger vollzählig besuchen dürfte mit der Schule oder mit Papa und Mama.

Es gibt sogar eine Szene, die richtig heiter ins Publikum rüberspringt aber dazu wäre nun wirklich kein 3D nötig gewesen: wenn Wickie versucht, seine Gefährten aus einem Absturzloch mit einem Seil, das ein Esel zieht, zu retten. Die Szene ist aber auch mit der Ausführlichkeit ausgefaltet, wie sie für die ganz Kleinen wichtig ist. Ähnlich detailliert und gründlich ist auch die Szene, bei der Wickie dem bösen Sven versucht ein Amulett, das er an einer Kette um den Hals hängen hat, zu stehlen. Wie das Insekt sich nähert, sich dem Mund von Sven nähert, wie er es verschluckt: das wäre eine Kurzfilmnominierung wert, das müsste an einer Filmschule beste Noten kriegen. Schön. Aber das scheint mir gerade die Crux von Christian Ditter, dass er sich um solche korrekten, perfekten Dinge bemüht, dass er aber den Ruch des Lebens draußen lässt. Dass er nicht verwegen ist – was die Wickinger doch irgendwie sind. Bei ihm sehen sie aber nur verwegen aus, aber das Wesentliche der Verwegenheit, die Kühnheit, den Mut, der ist zumindest hinter viel Grimassiererei und Chorgetue verborgen geblieben. Das ist doch so nett, werden jetzt viele einwenden. Andererseits finde ich, sollte man bei jedem Film anspruchsvoll sein, gerade für Kinder, denn so ein Film sollte auch das Kulturbewusstsein stärken und mitformen.

Ein weiteres schönes Detail ist auch das Ziehen eines Zahnes mit Hilfe eines Seiles erst, dann des Segels. Sehr liebevolle Detailarbeit. Davon ist einiges zusehen. Aber sobald der Chor ins Spiel kommt, da mag man nicht mehr so gerne hinschauen.

Überhaupt: viel liebevolle Detailarbeit; aber vorwiegend auf Kosten der Stringenz und Spannung der Geschichte. Man könnte auch fragen, warum wurde die Arbeit des Storytelling oder Storybuilding nicht einem Profi anvertraut? Der hätte mehr gekostet.

Dass so ein Junge wie Wickie die Svenja fragt „Gibt es Dich auch in nett“, das ist vielleicht ein Dialog aus einer Hochschul-Beziehungskomödie, aber meiner Meinung nach ziemlich kindfremd. Oder ist die heutige Jugend schon so frühreif und oberschlau. Auch ein Dialog wie: wie kannst du bloß auf eine Frau reinfallen? Und dann die Antwort vom Frager selber: na ja, verheiratet sind wir alle. Erwachsenenkomödie vielleicht. Ich meine zu einem stringenten Erzählen gehört durchaus das stringente Beibehalten der Ebene, die hier wickiebezogen ist oder sein sollte. (Da fällt mir als einfaches Beispiel die glasklare Erzählweise aus dem nordischen Kinderfilm „Mein Freund Knerten“ ein, der konsequent die Sicht der Hauptfigur beibehalten hat).

Regie hier vermutlich primär verstanden als Beherrschen der Logistik am Set. Und auch die Bearbeitung des Stoffes scheint rein technokratisch passiert zu sein. Es fehlt mir die Herzenswärme, die Zuneigung zur Jugend. Also sehr schulhaft das Ganze, wenig künstlerisch. Ich würde hier fast von einem um politische Korrektheit bemühten technokratischen Opportunismus als der Haltung hinter diesem Film sprechen. Dieser dürfte meiner Ansicht nach den Erfolg am deutlichsten eingrenzen. Er will allen etwas bieten, allen Altersgruppen, bietet aber keinem richtig was, was dann zu Komplimenten wie „nett“ führt, und man müsse den Kram ja nicht so ganz ernst nehmen.

2 Gedanken zu „Wickie auf großer Fahrt“

  1. Hätte ich vielleicht präzisieren müssen; gemeint ist die Geschmeidigkeit des Erzählflusses, die darunter leidet, dass er sich an Details von Szenen, wie ich sie erwähnt habe, zu tüftelig aufhält, welche zwar liebevoll gestaltet sind, aber dem großen Bogen die Spannung nehmen.

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